Auf der Suche nach dem Heil des Skilaufs

Skirennen sind eine Abfolge von Krampf und Kampf mit dem Hang und dem Ski, ohne Elan und Eleganz. Die Begeisterung lässt nach.

Der Dokumentarfilm „Ski Heil“ platzte in das österreichische Filmfestival Diagonale 2009 wie einst Hermann Maier in den Skizirkus. Der österreichische Regisseur Richard Rossmann portraitierte vier ehemalige Skihelden: seinen Vater Richard Rossmann sen., Eberhard Kneisl, Karl Koller und Guzzi Lantschner. Alle vier kamen lange vor dem Zweiten Weltkrieg auf die Welt, stellten ihre sportlichen Fähigkeiten dem Nazi-(Kriegs-)System zur Verfügung (Lantschner freiwillig unter anderem als Kamermamann für Adolf Hitlers Lieblingsfilmerin Leni Riefenstahl) und gelten als Beispiele für die Wendigkeit und den Missbrauch des Skisports. Aber auch dafür, wie der Skilauf sich der Nähe zur Nazi-Ideologie entwand und zu einer Existenzgrundlage für die Bewohner der Alpen wurde.

„Das waren nur die Skischulen“ antwortet Richard Rossmann auf die Frage, wer denn die vielen Gäste aus aller Welt nach Österreich gelockt habe. Der einst unschlagbare Ex-Rennläufer sagt nicht: „Die Siege“ oder „Die Skihelden“. Es war die Eleganz, die dem Skilaufen eigene Ästhetik, das Schweben und Gleiten im Pulverschnee, das Könner wie Rossmann, Theoretiker wie Stefan Kruckenhauser und Pädagogen wie Franz Hoppichler entwickelten.

Es war das Wedeln, die rhythmisch aneinander gereihten kurzen Parallelschwünge. Die Bilder von wedelnden Skilehrern warben weltweit. Inzwischen wedelt kein Mensch mehr, aber von dem damals aufgebauten Ruf lebt Österreichs Skitourismus heute noch.

Heute ist Carven. Im Unterschied zum Wedeln, das sogar Romy Schneider (fast) beherrschte, carvt allerdings (fast) niemand. Sie tun nur alle so.

Die Rennläufer carven wirklich. Das moderne Material, die Pistenpräparierung und die muskuläre Ausstattung der Athleten erlauben Kurvenradien und Kurvengeschwindigkeiten, von denen Franz Klammer Alpträume bekommen hätte. Es ist paradox. Der Carver gibt vielen Freizeitskiläufern die Freude am Skilaufen zurück. Doch Eleganz, Leichtigkeit, Schweben sind verloren gegangen. Denn Spaß macht nur mehr, dem Rennlauf analog, was Speed macht. In der Abfahrt hocken sie alle in der gleichen Haltung auf der Pistenautobahn. Vom Super-G abwärts über Riesenslalom und Slalom kratzen und rattern und stampfen sie talwärts. Es ist nicht zum Anschauen. Kein Wunder, dass Buben und Mädchen das Snowboard und dessen ästhetisches Konzept, die lässige Bewegung, die Freiheit vom Geschwindigkeits- und Erster-sein-müssen-Krampf bis zur Sprache cooler finden.

Der Skizirkus hat seinen Elan und seit Hermann Maiers Abschied den letzten Propheten verloren. Der Skirennlauf wirbt längst nicht mehr für Österreich, sondern Österreich, seine Skigeschichte und Skischulen, Skiindustrie und Skihänge werben für den Skirennsport. Ein Kulturpessimist würde sagen, dass Skirennen keine Fantasien mehr anregen. Eine ganz eigenartige Sportförderung läuft hier ab. Das Publikum subventioniert das brutale Skirennlaufbusiness mit Träumen. Bis zum Aufwachen halt.

 

E-Mails an: sport@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.11.2010)

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