Google: Es wächst und wächst und...

Wie mächtig ist der Konzern, der einst eine Suchmaschine war? Torsten Fricke und Ulrich Novak zeichnen ein bedrohliches Szenario, Andrew Keen erklärt gleich das Internet für gescheitert.

Euro coins are seen in front of a Google logo in this picture illustration taken in Zenica
Euro coins are seen in front of a Google logo in this picture illustration taken in Zenica
(c) REUTERS

Der Himmel ist blau, das Wasser ist nass und das Internet böse. So schön simpel kann die Welt sein. Andrew Keen zielt in „Das digitale Debakel“ nicht speziell auf notorische „Bösewichte“ wie Google oder Facebook, sondern auf das Ganze: „Warum das Internet gescheitert ist – und wie wir es retten können“ lautet der knallig-überhebliche Untertitel. Gescheitert? Das hängt von den Kriterien ab. Für gescheitert erklären kann man alles und jeden, sogar Warren Buffett. Retten? Der Autor hätte es auch eine Nummer kleiner geben können, denn das ist wiederum ein Anspruch, den er selbst nicht einlöst, gar nicht einlösen kann. Immerhin kommt er zur vernünftigen Conclusio, dass das Internet mehr (staatliche, internationale) Regulierung braucht. Nachdem er zuerst 250 Seiten lang auf die netzbasierte Wirtschaft einprügelt, berührt er also doch noch den entscheidenden Punkt: Google, Amazon, Uber, und wie sie alle heißen (Keen nennt sie „zerstörerische Unternehmen“), agieren meist im legalen Rahmen. Sie nutzen, sogar bei ihren Tricks zur Steuervermeidung, vorhandene Spielräume. Kann man das einem Unternehmen zum Vorwurf machen? Geändert werden müssten also die Spielregeln, da hat Keen recht.

Zuvor muss man allerdings Sätze wie „Natürlich ist das Internet nicht nur schlecht“ oder „Diese neue Digitalwirtschaft ist der Hauptgrund, warum das Leben für viele von uns in den vergangenen 25 Jahren so viel schwerer geworden ist“ über sich ergehen lassen. Auch wenn Keen gelegentlich treffende Beobachtungen gelingen, etwa zum Kult des Scheiterns im Silicon Valley („In der kalifornischen Metropolregion bezeichnen sich die Reichen und Berühmten als Gescheiterte, und in sozialen Netzwerken wie Instagram feiern sich Millionen Gescheiterte, als seien sie reich und berühmt“): Mit seinem eifernden Gestus und seinen maßlosen Übertreibungen, die wie der Feldzug eines Konvertierten gegen seine einstige Religion anmuten, seinen Untergriffen gegen Facebook-Gründer Mark Zuckerberg und andere, tut der ehemalige Internet-Start-up-Gründer Keen sich und der Sache keinen Gefallen. Die Defizite, die er aufzeigt, sind durchaus real: Die Digitalisierung schafft nicht nur Chancen, sie vernichtet gleichzeitig auch Arbeitsplätze und beraubt Menschen ihrer Einkünfte, von der Industrie bis zur Kreativwirtschaft (Stichwort: Urheberrecht!). Keen führt das durch eine Reportage in die Kodak-Heimat Rochester eindringlich vor Augen.

Das ist freilich kein neues Phänomen, man denke nur an die industrielle Revolution: Dampfmaschine und mechanischer Webstuhl. Keen, ironischerweise aus einer Tuchhändlerfamilie, räumt das auch ein, idealisiert aber dennoch eine angeblich heile, vordigitale Wirtschaftswelt. Dass auch in dieser der misstrauisch beäugte Profit im Vordergrund gestanden ist, fällt unter den Tisch. Auch die Aggressivität des Google-Konzerns gegenüber seinen zahlenden Kunden hat in der analogen Wirtschaft seine Entsprechung, siehe das erpresserische Verhalten von Supermärkten gegenüber Produzenten und Zulieferern.

 

500 Millionen aus der Portokasse

Im Netz also nichts Neues? Keineswegs. Vor unser aller Augen, und gerade deshalb vielleicht fast unbemerkt, vollzieht sich eine beispiellose Machtkonzentration. Google als Suchmaschinenmonopolisten zu bezeichnen, greift längst zu kurz. Das Ziel ist ein anderes – dasselbe, das der von einer ganz anderen Position aus agierende Facebook-Konzern verfolgt: nicht im Internet dominant zu werden, sondern quasi das Internet zu sein.

Torsten Fricke und Ulrich Novak führen dies in einer verhältnismäßig unaufgeregten Sprache in ihrem Buch „Die Akte Google“ vor Augen. Fakten- und zahlengesättigt breiten die Autoren systematisch die unumstößlichen Tatsachen aus, und das ist in seiner Wirkung stärker und nachhaltiger als Keens Polemik. Schwindlig wird es einem spätestens, wenn in Kapitel drei („Google wächst und wächst und wächst“) die zahllosen Zukäufe nachgezeichnet werden, die das erst 1998 gegründete Unternehmen getätigt hat. Expansion mit durchgedrücktem Gaspedal. Ob tatsächlich 50 Seiten nötig gewesen wären, um die drei Herrscher des Googleversums, die Gründer Larry Page und Sergy Brin sowie Eric Schmidt, zu porträtieren, sei dahingestellt. Diese Porträts dienen wohl vorallem der Auflockerung („Larry Pages einziger großer Auftritt vor fünf Jahren war so langweilig, dass Page jetzt sogar unter Nerds als Meganerd verschrien ist“).

Doch dann geht es Schlag auf Schlag: Googles Metastasieren in immer weitere Bereiche (YouTube, Google-Shopping, Android, Chrome), mit der Ambition, ein One-Stop-Shop zu werden, bei dem nicht nur der User alles bekommt, sondern vor allem Google: unsere Daten, und zwar alle, notfalls über einen an das Internet angeschlossenen Thermostat. Schon heute kommt man an Google nicht vorbei. In Deutschland beträgt der Marktanteil über 90 Prozent. Wenn einmal 500 Millionen Dollar Strafe anfallen, weilman (wie die Autoren nachweisen) wissentlich und jahrelang illegalen Handel mit Medikamenten in der Werbung zugelassen hat, zahlt das Milliardenunternehmen Google das aus der Portokasse. Für das Betriebssystem Android, längst Marktführer bei Smartphones, bezahlte Google übrigens nur einZehntel dieser Summe.

Im Fall von Pharma-Gate braucht es ein wenig investigative Recherche, aber sonst ist das bei Google gar nicht nötig. Man muss sich nur an die Aussagen der Chefs halten: „Unser Ziel ist, mit den Nutzern zu leben – den ganzen Tag mit ihnen zu verbringen, sei es auf einem Fernseher, Mobiltelefon oder Desktop-Rechner, mit Google-Glass oder womit auch immer“, sagte etwa Googles Finanzchef Patrick Pichette. Und Oberboss Schmidt meinte einmal: „Ziel ist, dassGoogle-Nutzer auch Fragen stellen können wie ,Was soll ich morgen machen?‘, ,Welchen Job soll ich annehmen?‘“ Für wen das nicht wie eine gefährliche Drohung und die totale Entmündigung klingt, der hat nicht begriffen, was es geschlagen hat.

Gestreift wird (durch Gastautor Robert Epstein) auch das Potenzial von Google, Wahlen zu beeinflussen. Wenn der Konzern das denn wollte. Auch ohne diesen Aspekt wird in sehr konzentrierter Form deutlich: Das Instrumentarium für eine umfassende digitale Diktatur und Gleichschaltung ist bereits vorhanden. Ob es vom guten Willen eines Konzerns abhängen darf, dieses Instrumentarium einzusetzen oder auch nicht, diese Frage muss sich vor allem die Politik stellen. Und zwar jetzt. ■

Torsten Fricke und Ulrich Novak

Die Akte Google

Wie der US-Konzern Daten missbraucht, die Welt manipuliert und Jobs vernichtet.

320 S., viele Grafiken, geb., € 22,70
(Herbig Verlag, München)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.05.2015)

Kommentar zu Artikel:

Google: Es wächst und wächst und...

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen