Polaroid reloaded: Eine Foto-Legende kehrt zurück

Die Wiedergeburt einer analogen Legende. Nichts weniger will ein österreichischer Fotografiefan erreichen. Schon nächstes Jahr sollen in einem alten Polaroid-Werk nagelneue Filme produziert werden.

(c) APA (Polaroid)

Sie nennen es düster „The Impossible Project“: Zwölf Männer, die den Polaroid-Film wieder zum Leben erwecken wollen. In einem alten Polaroid-Werk im niederländischen Enschede sollen die legendären Filme neu produziert werden. Einer dieser Enthusiasten, Florian Kaps, hängt schon seit 2004 an den Sofortbildern, die man immer fächelt, obwohl man das korrekterweise nicht tun sollte. Damals kaufte er sich eine SX-70 aus dem Jahr 1972 – ein „wunderbares Chromgebilde“, wie er es im Gespräch mit der „Presse am Sonntag“ liebevoll nennt.

Kaps, Doktor der Biologie und Vater von drei Kindern, sah im Siegeszug der digitalen Fotografie eine Gefahr für klassische analoge Aufnahmen. Mit der Zeit kam er aber zu dem Schluss, dass darin auch eine Chance bestand, analogen Bildern eine Nische zu geben, in denen sie überleben können. Die Wahl fiel auf Polaroid, weil diese spezielle Art der Fotografie für Kaps nicht nur analog, sondern „etwas komplett Eigenständiges“ ist.

„Polaroid ist das einzige Medium, mit dem man ein Original in die Hand bekommt, das hat man sonst nirgends in der Fotografie“, erklärt der 39-Jährige. Nirgendwo zu bekommen sind derzeit aber Filme. Zwar existieren noch einige Restbestände, Kaps' eigene Firma hat die letzten 500.000 Stück von Polaroid aufgekauft. Produziert wird aber nicht mehr, die letzte Fabrik in Enschede – die in besseren Zeiten 100 Millionen Filme pro Jahr produzierte – sollte abgerissen werden.

Die Krise half. Ausgerechnet auf der Abschiedsfeier für das Werk lernte Kaps, der zu dem Zeitpunkt schon zum größten Onlinehändler für Polaroid-Filme weltweit avanciert war, André Bosman kennen. Bosman war einst Produktionsleiter in Enschede und selbst begeisterter Fan von Polaroid-Fotos. Statt den Abriss des Werks zuzulassen, schafften sie es, das Mutterunternehmen in den USA zu überreden, eine neue Produktion mit einem neuen Konzept zu beginnen. Dabei half ausgerechnet die Wirtschaftskrise: Das Fabriksgelände hätte noch 2008 geschleift werden sollen, durch die Rezession wurden vorhandene Pläne eines Immobilieninvestors aber auf Eis gelegt.

Derzeit wird an einer neuen Konstruktion für die Filmkartuschen gearbeitet, denn die alten Komponenten dafür werden nicht mehr hergestellt. Bis Ende 2009 sollen erste Prototypen fertig sein, 2010 soll eine Million neuer Polaroid-Filme Enschede verlassen, 2011 schon drei Millionen. Wobei Kaps aber vorsichtig anmerkt: „Polaroid darf der Film aber nicht heißen.“ Wobei sich das vielleicht ändern wird. Wieder einmal hat ein neuer Eigentümer die geschichtsträchtige Marke gekauft. Derzeit stehen Kaps und seine Kollegen in Verhandlungen, ob der Investor seiner Marke nicht doch noch ein Stück Geschichte gönnen will.

Digital hilft Analog. Möglich wurde das analoge Abenteuer erst durch digitale Medien. Dank der Communityplattform „Polanoid“ erlangten die oft unscharfen und falsch gefärbten Bilder im Internet ein neues Publikum. Was Kaps freute, war das große Interesse von jungen Fotografen. Er vermutet, dass die digitale Fotografie ihnen erst bewusst gemacht hat, wie wertig „echte“ Fotos sind: „Die Bilder aus einer Digicam sehen alle gleich aus. Viele haben keine Lust mehr auf diesen typischen Einheitsbrei.“

Worauf der Unternehmer aber allergisch reagiert, sind moderne Imitationen alter Klassiker. Er erwähnt Autos wie den New Beetle und den Fiat 500 und lässt kein gutes Haar an ihnen. „Pseudo-Retro-Scheiße“ sind sie für ihn. Wobei er es aber gut findet, mit modernen Elementen ein Retro-Feeling zu schaffen. Es darf aber nicht eine plumpe Kopie sein. Mit dem Gedanken im Hinterkopf ging er auch die Wiederbelebung von Polaroid an.

Das nächste große Ziel? Neue Kameras. „Ein ehemaliger Polaroid-Entwickler arbeitet schon eifrig in seiner Garage an einem Konzept“, berichtet Kaps schmunzelnd. Allerdings liegt der Fokus derzeit ganz auf der Filmproduktion. „Wir müssen ja die Miete zahlen.“ Kaps untertreibt damit ein wenig, immerhin kostet der Betrieb des Enschede-Werks 1,5 Millionen Euro jährlich.

Ganz junge Polaroid-Fans sind Kaps' Kinder. Allerdings dürfen sie nicht einfach drauflosknipsen, sondern müssen ihre Filme bezahlen. Damit sollen sie lernen nachzudenken, bevor sie abdrücken. Aber es gibt Familienrabatt: Die Juniorfotografen zahlen nur einen Euro pro Film.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.05.2009)

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