Kaspersky wählt Schweiz als sicheren Hafen nach Spionagevorwürfen

Unternehmenssprecher Rojacher kündigt Eröffnung von Transparenzzentrum in Zürich für November an - "Deutlicher Schritt über Branchenstandard hinaus"

APA/AFP/KIRILL KUDRYAVTSEV

Der russische Sicherheitssoftware-Spezialist Kaspersky Lab verlegt im Rahmen seiner globalen Transparenzinitiative einen Teil seiner Kerninfrastruktur nach Zürich. Dabei handle es sich um ein bisher einmaliges Projekt, sagte Stefan Rojacher, Leiter der Unternehmenskommunikation in Europa, am Mittwoch in Wien. Seine Vorreiterrolle in Sachen Transparenz sind den Spionagevorwürfen gegen Kaspersky geschuldet.

Die Schweiz sei wegen ihrer politischen Neutralität und den strengen Datenschutzbestimmungen als Standort gewählt worden, erklärte Rojacher. Damit will man die ehrliche Absicht hinter der Initiative unterstreichen: "Wir gehen freiwillig in ein Land mit sehr strengen Vorschriften", sagte der Unternehmenssprecher. Zwei weitere Transparenzzentren in Nordamerika und Asien seien geplant. Der Großteil der Forschungs- und Entwicklungsabteilung werde hingegen weiterhin in Russland angesiedelt bleiben, so Rojacher.

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Kundendaten werden künftig in der Schweiz gespeichert

In das neue Rechenzentrum in Zürich sollen bisher in Russland gespeicherte Kundendaten verlagert werden. Der Transfer der Daten europäischer Kunden solle 2019 abgeschlossen sein, danach folgten jene von Kunden in den USA, Kanada, Australien, Singapur, Japan, Südkorea sowie weiteren Ländern, sagte er. Im kommenden Jahr solle auch die Datenverarbeitung, sprich Analyse und Auswertung von den von Kaspersky Anti-Viren-Programmen gesammelten Informationen, in die Schweiz verlagert werden, später folge die Softwareintegration (Software Assembly).

Bereits diesen November werde als dritter Pfeiler des Projekts ein Transparenzzentrum am neuen Standort eröffnet, an dem berechtigte Partner von Kaspersky wie zum Beispiel Telekommunikationsunternehmen oder Regulierungsbehörden einzelner Länder für IT-Sicherheit und Datenschutz den Source Code einsehen und Software Updates überprüfen könnten. Zudem werde ein unabhängiger Organismus zur Überwachung aller stattfindenden Prozesse aufgebaut. Auch österreichische Organisationen seien beteiligt, die namentlich jedoch nicht genannt werden könnten, sagte der Experte.

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Das Projekt sei ein "deutlicher Schritt über den Branchenstandard hinaus" und ein Modell für die ganze Cyber-Sicherheitsindustrie, die sich in Zukunft zunehmend mit Transparenz auseinandersetzen müsse, so Rojacher, der sich eine Vermarktung des gewonnenen Know-hows vorstellen kann.

"Tiefe Zugriffsrechte auf Computersysteme"

"Sicherheitssoftware hat tiefe Zugriffsrechte auf Computersysteme, um Kunden zu schützen", sagte er. Deshalb müsse man sich auch bei in anderen Ländern hergestellter Software fragen, ob sie vertrauenswürdig sei. Kaspersky habe eine "Vorreiterrolle", da das Unternehmen mit der Problematik früher als andere Firmen konfrontiert gewesen sei. Dies erklärte Rojacher durch die aktuelle geopolitische Situation.

Die "Global Transparency Initiative" ist auf Spionagevorwürfe gegen die Softwarefirma zurückzuführen. Westliche Geheimdienste werfen dem russischen KGB-Nachfolger FSB Einflussnahme auf Geschäftsentscheidungen von Kaspersky vor. Die Regierungen der USA, Großbritannien, Litauen, der Niederlande und zuletzt Ungarn verbannten Kaspersky-Software aus ihren Behörden. Die Software-Firma hat die Beschuldigungen mehrfach zurückgewiesen.

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(APA)

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