Arztbesuch von der Couch aus

Das System Grapevine macht Befunde und App-Daten zugänglich – überall und jederzeit. Bald sollen sich Patienten auch per Mausklick Rat von Medizinern aus aller Welt holen können.

Martin Tiani, Mitgründer des Start-ups Grapevine World, will das Gesundheitssystem auf noch digitalere Füße stellen.
Martin Tiani, Mitgründer des Start-ups Grapevine World, will das Gesundheitssystem auf noch digitalere Füße stellen.
Martin Tiani, Mitgründer des Start-ups Grapevine World, will das Gesundheitssystem auf noch digitalere Füße stellen. – (c) Stanislav Kogiku

Gesunde, Kranke, Pfleger und Mediziner global vernetzen. Das ist die Vision von Martin Tiani, Mitgründer des Startups Grapevine World. „Die elektronische Gesundheitsakte Elga kann in Spanien und Südafrika nicht gelesen werden. Das wollen wir ändern.“ Und zugleich bei sinkenden Ausgaben die Qualität der Behandlung steigern: „Aktuell fließen über fünfzig Prozent der IT-Kosten in Schnittstellen“, kritisiert Tiani. „Das bedeutet Effizienzverlust, Mehraufwand und eine Gefahr für die Gesundheit.“ Denn: „Wenn mein Hausarzt von meiner Allergie weiß, der Anästhesist im Londoner Spital aber nicht, da sein System die Daten nicht lesen kann, endet die Informationsschieflage schlimmstenfalls tödlich.“

Den Wildwuchs beseitigen soll Grapevine. Das System fußt auf dem IHE-Standard – einer Methodik, die weltweit von mehr als 100 Herstellern für den Datenaustausch im Gesundheitswesen eingesetzt wird. „Das heißt: Unser System kann nahezu alles lesen“, sagt Tiani, „selbst Vitaldaten, die Apps oder Fitnessuhren sammeln.“ Und zwar zeit- und ortsungebunden: Der Befund des Wiener Therapeuten ist in Japan um Mitternacht ebenso sichtbar wie der des Spezialisten aus Bern. „Der Patient entscheidet, wen er was sehen lässt“, betont Tiani. „Etwa dem Apotheker im Italien-Urlaub Zugriff gewähren, um das passende Medikament zu erhalten.“


Bezahlung via Blockchain. Die Daten werden nicht gebündelt an einem Ort gespeichert, sondern bleiben an ihrem Ursprungsort – in der Praxis, dem Labor oder Spital. „Sie gelangen nie mit der Blockchain (ein dezentrales Protokoll für Transaktionen, Anm.) in Kontakt, das wäre zu gefährlich“, sagt Tiani. Eine weitere Sicherheitsstufe besteht in der Protokollierung jeder Einsichtnahme, „wie es bei Kryptowährungen Usus ist“, sowie des zeitlich befristeten Zugangs: „Mit dem Beginn des Behandlungsverhältnisses bekommt der Behandelnde 28 Tage lang Zugriff, optional 365 Tage, auf Wunsch auch kürzer“, sagt Tiani, dessen zweite Firma Tiani Spirit das Softwaresystem hinter Elga mitverantwortet.

Apropos Zugriff: Den hat auch die Pharmaindustrie. „Der Patient kann seine Daten anonymisiert verkaufen“, erläutert Tiani, „sich etwa als Diabetiker zu erkennen geben.“ Sucht eine Firma oder ein Institut beispielsweise nach Studienteilnehmern, erhält er eine Anfrage auf das Handy. Willigt er ein, bringt ihm das „Gvine Tokens“ – Gutscheine für medizinische Leistungen. Im Leistungskatalog soll sich demnächst die „globale Expertise“ finden: „Wir arbeiten mit Amaris, Microsoft und Telekom Deutschland am Aufbau der internationalen Vernetzung“, so Tiani. Konkret: „Sie leiden an einer seltenen Stoffwechselerkrankung, der beste Arzt dafür sitzt in Japan, doch Sie kennen ihn nicht – unser Team findet ihn und verbindet sie. Bezahlt wird mit Gvine Tokens via Blockchain.“


Sprachliche Hürden. Wie sprachliche Barrieren überwunden werden, lässt Tiani offen. Nur so viel: „Im Grapevine-Ökosystem sind Übersetzungsservices eingeplant. Voraussetzung ist, dass die Daten anonymisiert und sicher übertragen werden, die Übersetzer also Teil der IHE-standardisierten Welt sind.“

Ähnlich vage ist der Zeitplan: „Wir sind in Gesprächen mit Ärzten, Spitälern und Kostenträgern in Amerika, Europa und Afrika“, so der Softwareexperte. „In den kommenden drei Jahren wollen wir 100 Netzwerkknoten aufbauen, die als Anknüpfungspunkte dienen, sodass regionalen und überregionalen Projekten internationaler Datenaustausch ermöglicht wird.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.11.2018)

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