Gründen in Tirol: Die Berge als Hindernis

In Tirol fehlt es nicht an IT-Fachkräften, sie finden nur keinen Anschluss an die heimischen Start-ups. Das liegt einerseits an den großen Unternehmen in der Region, andererseits an der schlecht entwickelten Gründerszene im Westen. Das Start-up Anyline hat es trotzdem geschafft.

Auf dem Pioneers-Festival liefen sie in putzigen T-Shirts durch die Menge. Die eine Hälfte von ihnen hatte „Yes we scan“ vorn aufgedruckt – Obamas Wahlslogan in der NSA-Variante. Die andere „Your mom is still typing“ – deine Mama tippt noch mit den Fingern. Interessierten Besuchern wurde eine Dose Energydrink in die Hand gedrückt und ein Smartphone, das ihre Bildverarbeitungstechnologie installiert hatte. Ein kleiner Code am Verschluss der Dose wurde anvisiert, und das Smartphone erkannte binnen Sekunden die Ziffern und verglich sie mit einem Gewinncode.

Ein nettes Feature für Getränkehersteller, um Gewinnspiele unter das mobile Volk zu bringen. Aber Lukas Kinigadner, Geschäftsführer von Anyline, hat mit seiner Technologie weitaus mehr vor. Anyline ist eine Bildverarbeitungstechnologie, die Objekte und Bilder für OCR-Algorithmen optimiert. Anschließend werden die Werte über die Kamera am Smartphone eingescannt. Kinigadner spricht davon, dass sie es geschafft hätten, den mobilen Geräten das Lesen beizubringen. Dem Entwicklerteam ist es gelungen – ohne QR- oder Barcodes –, Ziffern auf mobile Geräte zu laden. Offline, ohne Verbindung zum Netz, beinahe in Echtzeit und für alle gängigen Systeme.

Das interessiert Stromlieferanten, die ihre Angestellten mit der Technologie losschicken wollen, um Zählerstände abzulesen. Firmen, die Kreditkartendaten für Zahlungsabwicklungen oder Passdaten für Verifizierungen brauchen. Und eben Firmen wie Auto- oder Getränkehersteller, die über Codes Gewinne verlosen möchten. Kurz: Die Umsatzchancen für das Start-up sind da. Doch leicht hatte es das Unternehmen trotzdem nicht.

„Der Start war schwierig, weil wir viele gute Entwickler gebraucht haben“, erzählt Kinigadner. Gefunden hat er sie dann dort, wo man sie vielleicht am wenigsten vermutet hätte: in seiner Heimat und jener seiner Mitgründer David Dengg und Daniel Albertini. In Tirol.

Dort gibt es nämlich sehr wohl Entwickler, die haben es allerdings schwer. Die ökonomische Landschaft ist eher homogen. Es gibt den Tourismus und die Industrie, Swarovski, Plansee und Ecker. Aber es fehlen innovative Hotspots, junge, kreative Betriebe, die Innovation vorantreiben und selbst etwas auf die Beine stellen. Uni-Absolventen werden von den großen Betrieben der Old Economy eingestellt und verdienen im Vergleich weniger als die Kollegen in Wien. „Ich habe in Tirol vielleicht die Hälfte von dem verdient, was ich als Programmierer in Wien bekommen habe“, sagt Gründer Kinigadner.

Heute sind es im Schnitt 30 Prozent weniger. „Die Leute haben gar keine Chance, ihre eigenen Ideen umzusetzen, wenn sie ihre Heimatstadt nicht verlassen wollen“, fügt er hinzu. Viele Konzerne machen sich das zunutze und locken IT-Mitarbeiter mit der Aussicht auf die grandiose Natur und die Skigebiete. Hohe Lebensqualität im Austausch für weniger Gehalt quasi.

Kluge Köpfe wandern ab. Schon länger beklagt die Start-up-Szene daher den Braindrain, die Flucht kluger Köpfe, die von Österreich frustriert an wesentlich lukrativeren Standorten ihre Ideen umsetzen. In London zum Beispiel, wo der Staat Millionen an Subventionen in die neuen Unternehmen pumpt. Die britische Regierung spricht längst nicht mehr von Start-ups. Sie spricht von „Scale-ups“ – kleinen Firmen, die schnell wachsen, meist aus der IT-Branche. Die Regierung rechnet damit, dass selbst bei einem geringen Wachstum von einem Prozent pro Jahr theoretisch knapp 250.000 neue Jobs im IT-Sektor entstehen und der britischen Wirtschaft so 50 Milliarden Euro in die Kasse gespült werden.

Doch das stellt Start-ups in Österreich vor ein Problem. Denn auch hier wird ein Großteil im IT-Sektor gegründet. Und damit fehlen die Mitarbeiter, die abwandern. Viele Gründer bieten ihren Entwicklern daher Anteile an ihrem Unternehmen, um sie langfristig zu halten. 2000 IT-Fachkräfte fehlen allein in Wien. Österreichweit sind es 3300.

Die Junge Wirtschaft hat im Frühjahr 2014 ihre Erkenntnisse vorgestellt, die diesen Braindrain in Zahlen gießen. Fast 250 Unternehmen haben laut der „New Venture Scouting“-Studie das Land verlassen und über 1000 Arbeitsplätze im Ausland geschaffen. Die am häufigsten genannten Gründe: große Hürden bei der Bürokratie, fehlendes privates Risikokapital und viel zu hohe Lohnnebenkosten. „Dieser fahrlässige Umgang mit Qualität wirft Österreich international weit zurück und macht es uns schwierig, die Leute zu halten“, sagt Gründer Kinigadner.

Szene wird aufgebaut. Viele Initiativen wie die Interessenvertretung Austrian Startups versuchen daher aktiv, die Szene in Wien, aber auch in den ländlichen Gegenden aufzubauen.

Der österreichweit tätige Verein hat eine Zweigstelle in Innsbruck, an der drei Leute arbeiten. Doch es ist schwierig. In Tirol fehlt es an Infrastruktur, um dort mehr Uni-Absolventen zur eigenen Gründung zu bewegen. „In Wien findet sich die Szene, dort gibt es Anlaufstellen, Treffpunkte und Konferenzen“, sagt Christoph Jeschke, Vorstand des Vereins. In den Bundesländern seien viele gute Leute von dem Wiener Start-up-Zirkus abgeschnitten, nehmen Auftragsarbeiten an und würden sich oft als Ein-Personen-Unternehmen durchschlagen.

„Die Start-up-Szene in den Bundesländern entwickelt sich durchwegs unterschiedlich: In Tirol gibt es mehr junge Unternehmer als man erwartet, von diesen sehen sich aber nicht alle als Start-up-Gründer. Zusätzlich sind die gemeinsamen Bemühungen der betreffenden Institutionen noch nicht so weit fortgeschritten wie in Oberösterreich oder der Steiermark. Daher arbeitet Austrian Startups intensiv mit allen Stakeholdern vor Ort zusammen, um die kleinen Inseln zu einer lebendigen Community zusammenzuschließen“, so Jeschke. Aber auch in Wien würden die Entwickler gut gebraucht werden. „Hier werden pro Monat 53 neue Unternehmen gegründet, und denen fehlt es vor allem an fähigen Entwicklern“, so Jeschke weiter.

Anyline hat drei Mitarbeiter in seinem Büro in Innsbruck. In der Stadt hat gerade erst vor Kurzem der erste Coworking Space aufgesperrt. Doch für Kinigadner und Co. hat sich die Verbindung in die Heimat gerechnet. Sie haben Talente nach Wien gelockt. Zum aufstrebenden Start-up mit Getränkeautomat und Tischfußballtisch im Gemeinschaftsbüro.

„Das fehlende private Risikokapital ist das zweite große Problem“, erklärt Kinigadner. Um Anyline zu entwickeln, bekam er Förderungen: von der Forschungsförderungsgesellschaft, sowie eine Technologieförderung der Wirtschaftsagentur Wien, insgesamt 300.000Euro. Das klingt nach viel Geld, reichte aber nur für die ersten beiden Jahre, bis der Prototyp fertig für den Markt war. Kinigadner musste jeden Cent dreimal umdrehen, um seine 13 Angestellten bei Brot und Laune zu halten. Neben der Umsetzung ihrer neuen Technologie entwickelten sie Apps für Kunden, um ihr Budgetloch zu stopfen – ein Stilltagebuch für junge Mütter, eine Ticketing-Lösung für Kinos und eine Software zur Brillenanpassung. Gereicht hat es trotzdem nicht. Denn kurz vor der Markttauglichkeit wurde das Geld knapp. Obwohl Anyline einen Preis nach dem anderen für ihre Scan-Technologie bekam.

Anfragen aus Amerika. Bis Hilfe von extern kam. Andreas Bierwirth, Geschäftsführer von T-Mobile, unterstützt das Team seit einer Preisverleihung als Mentor mit seiner Erfahrung und seinem Netzwerk. Endlich streckten Seed-Investment-Funds die Fühler nach dem Unternehmen aus. Doch letztendlich machte ein anderer das Rennen. Johann „Hansi“ Hansmann, prominentester Start-up-Investor Österreichs und in mittlerweile internationale Erfolge wie Runtastic, Mysugr oder Shpock involviert, finanzierte Kinigadner mit zweimal hunderttausend Euro die nächsten Schritte.

Obwohl Hansmann im Vorfeld immer wieder betonte, dass sein Portfolio schon aus allen Nähten platze und er keine weiteren Investitionen plane. „Aber Anyline konnte ich mir nicht entgehen lassen. Das ist das spannendste Start-up 2015“, so Hansmann.

Jetzt können weitere Anfragen in der Hutfabrik im sechsten Wiener Bezirk ohne Hektik angegangen werden. Vor ein paar Tagen kam ein E-Mail von einem Unternehmen aus den USA mit einem jährlichen Umsatz von zehn Milliarden Dollar. Alles andere als ein putziger Kunde.

Handy-Scan

Anyline ist eine Bildverarbeitungstechnologie, die Objekte und Bilder für OCR-Algorithmen optimiert. Danach werden die Werte über die Kamera am Smartphone eingescannt. Anyline kann damit – ohne QR- oder Barcodes – Ziffern auf mobile Geräte laden. All dies geschieht offline, ohne Verbindung zum Netz, beinahe in Echtzeit und für alle gängigen Systeme.

www.anyline.io

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.12.2014)

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