Die ewige Schlacht: iPad versus Kindle

Powerpoint hat aus der Schrift Bilder gemacht - und Generäle zornig. Soll sich die bunte Multimediawelt, die beim gotischen Kirchenfenster anfing, bei den Readern fortsetzen?

ewige Schlacht iPad versus
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Ipad – (c) AP (Marcio Jose Sanchez)

Seit einigen Jahren lässt sich, insofern sie öffentlich wird, eine Debatte innerhalb des Pentagons verfolgen. Es ist ein beharrlich neu aufflammender Methodenstreit, der sich vordergründig nicht um Inhalte dreht, sondern um die Darstellung von Inhalten. Wie in allen großen Firmen wurde auch im Pentagon im Laufe der Neunzigerjahre das Sammeln von Gedanken, Plänen, Projekten, Strategien, Organisationsmodellen nahezu ausschließlich im Microsoft-Programm Powerpoint abgewickelt. Innerhalb kurzer Zeit wurde eine bis zum Äußersten verschriftlichte Bürokratie gezwungen, ihre Ideen und Prozesse aufzumalen statt aufzuschreiben.

Eine solche Kulturrevolution ist nicht ungefährlich. Friedrich Nietzsche begann zu einem späten Zeitpunkt seiner Autorenschaft auf der ersten Kugelkopfschreibmaschine der Geschichte zu tippen und obwohl er nur von der Hand- auf Maschinenschrift wechselte, stellte er bald fest, dass sich damit nicht nur sein Schreibstil, sondern seine Art zu denken dramatisch änderte. Eine ähnliche Erfahrung machten wohl die Sternegeneräle des Joint Chiefs of Staff. Der eine oder andere von ihnen untersagte anfallsartig das Aushändigen von Powerpoint-Folien und forderte von seinem Stab „Papers“. Ein Rückzugsgefecht, wie sich herausstellt.

Zwar eilte Admiral Michael Mullen, Vorsitzender des Generalstabs, zu seinem Antrittsbesuch bei Präsident Obama „unbewaffnet, also ohne Powerpoint-Präsentation“, aber schon wenige Monate später tauchte das alsbald so getaufte „Afghanistan Spaghetti Monster“ auf. Ein Powerpoint, in dem alle Aspekte und intervenierenden Tangenten der Afghanistan-Doktrin auf einen Schlag dargestellt wurden. Was zur Zeit des Vietnamkriegs ein mehrere hundert Seiten umfassendes Textdokument gewesen wäre, war auf ein Bild zusammengedrängt. Ein Bild sagt mehr als tausende Worte: Spätestens jetzt stünde fest, dass das Pentagon von einem Haufen funktionaler Analphabeten besetzt sei, die keinen klaren Gedanken mehr fassen könnten und auch diesen Krieg verlieren würden, war der Tenor der meisten Kommentare.

Der Taliban Internet. „Powerpoint bringt den Kindern nicht bei, wie man mit dem Für und Wider von komplexen Argumenten arbeitet, sondern wie man seine Meinung zugespitzt auf den Punkt bringt – das ist ein großer Unterschied“, warnte Sherry Turkle, die Computersoziologin des MIT Amerikas Pädagogen, die Powerpoint bereits in der Grundschule zum gebräuchlichsten Unterrichtsbehelf gemacht haben. Erst in der Pentagon-Übertreibung, die aus dem Vereinfacher Powerpoint ein Nudelgericht unentwirrbarer Schlagworte und Ideen gemacht hat, dürfte die Dringlichkeit von Turkles Mahnung verstanden werden. Die Verlage und Medienhäuser, die derzeit nach Überlebensstrategien suchen, sind in gewisser Weise kleine Pentagons. Schon seit Jahren geben sich Powerpoint-Virtuosen und Excel-Zauberer einschlägiger Beraterfirmen bei ihnen die Klinke in die Hand. Unter tausenden Folien, die ich und alle anderen in der Branche seit über 15 Jahren vorbeistreifen gesehen haben, waren einige, die dem „Spaghetti-Monster“ zum Verwechseln ähnlich sahen. Der Taliban, der die Zitadellen christlich-abendländischer Schriftkultur bedroht, heißt natürlich Internet. Wie der Taliban ist das Internet fest mit dem Volk verbunden, bisweilen sind beide ununterscheidbar. Wie das Pentagon den Taliban haben die Medienhäuser das Internet zu infiltrieren versucht, Erfolg bescheiden. Die Medienhäuser und das Pentagon beschleicht das dumpfe Gefühl: Solche Gegner sind unbesiegbar.

Ein Warlord namens Jobs. Mitten in diesen Trübsinn stürmt ein Warlord namens Steve Jobs und macht den Medienhaus-Pentagons folgendes Angebot: Ich bin zwar vom selben Stamm wie viele Internet-Talibans, ich verstehe daher wie sie ticken, aber ich habe sie noch nie gemocht. Diese kryptokommunistische Freier-Zugang-für-alle-zum-Gratiscontent-Philosophie war nie meine. Im Gegenteil, als Content-Top-Mogul in Hollywood, bin ich einer von euch. Bei mir gab's und gibt's nie was gratis. Und billig bin ich auch nicht. 30 Prozent von allem. Und Gratis-Voraus-Publicity im Millionengegenwert. Alles zu meinen Bedingungen. Wer macht mit?

Herausstellen wird sich das ab 3. April dieses Jahres, wenn das Apple iPad ausgeliefert wird. Einer weltweit verbreiteten Branchenübereinkunft zufolge beginnt damit der Anfang vom Ende der sieben magersten Jahre in der Geschichte der Printbranche. Das iPad will ein „Reader“ sein, Reader ist das, was die Bücher, Zeitungen und Zeitschriften mehr als bisher brauchen. Das Lesegerät von Apple werde zusätzliche Leser hervorbringen, die das Papier allein nie schaffen könne. Ist das so?

Leisten wir uns ausnahmsweise den Luxus des reinen Nachdenkens, ohne Powerpoint-Folien, schließlich ist Sonntag. Spielen wir Nietzsche vor dem Kugelkopf. Denken wir statt entlang bunter Nudeln in kühner historischer Analogie. Beginnen wir im Mittelalter. Und, auch das an einem Sonntag nicht ganz unpassend, bei der römischen Kirche. Dem wahrscheinlich scharfsinnigsten, sicher langlebigsten und vermutlich, das könnte man in der momentanen Krise übersehen, erfolgreichsten Medienhaus der Geschichte. Im Mittelalter setzten die kirchlichen Medienexperten voll auf Multimedia. Wie heute ihre weltlichen Kollegen aus der Verlagswelt.

Ihr Kalkül lautete: Der Gesichtssinn des Menschen lässt ihn die Welt ausnahmslos durch das Phänomen des Auflichts erfahren. Sprich: Natur- oder Kunstlicht fällt auf jene Objekte, aus denen unsere Umwelt besteht. Wir betrachten diese Objekte aus einer Distanz, die den anderen unvermittelt operierenden Sinnen fehlt. Dem hypnotischen Zustand mystischer Erschöpfung, dem das Publikum in der Messe dank Murmeln unverstandener Formeln, dicker Weihrauchwolken und verzaubernder Gesänge schon nah war, stand diese objektivierende Augendistanz im Wege. Das iPad von damals war die aufkommende Glasmalerei. Kulminierend im gotischen Domfenster, war sie ein genialer Mediendurchbruch. Die starken Bilder dieser Fenster verdankten ihre durchschlagende Wirkung nicht dem Auf-, sondern dem Durchlicht, einer zumindest an Sonn-Tagen gigantischen Hintergrundbeleuchtung. Sie waren die ersten Bildschirme. Dem Wildwechsel gleich starrten die Abendländer diesem diffusen Licht entgegen – ohne zu sehen, ohne zu erkennen, aber in tiefem Glauben erstarrend.

Lutherist Kindle. Wie die Geschichte ausging, wissen wir. Martin Luther, der Urvater aller Printproduzenten und Verleger, verwarf die auf Durchlicht setzende Multimediastrategie der Amtskirche. Er setzte auf Auflicht, vertraute der Kraft des Textes. Seine monomediale Strategie löste die Verschriftlichung des Abendlands aus, den folgenschwersten Tsunami der Kultur- und Zivilisationsgeschichte. Auf unsere heutige nicht ganz so epochale Debatte der Medienhäuser übertragen, setzte Luther auf Amazons Lesegerät Kindle. Im Gegensatz zum Jobs-iPad ohne Durchlicht-Hintergrundbeleuchtung, schmucklos schwarz-weiß, nicht scrollend, sondern blätternd, so papierähnlich wie man ohne Papier nur sein kann. Wäre ich Verleger oder in Verantwortung für ein textbasiertes Medienhaus, würde ich mir dreimal überlegen, zum multimedialen Katholizismus zu konvertieren.

Franz Manola ist Gründer des „ORF on“ und inzwischen für ORF-Corporate- Design- und Plattform-Management zuständig. Er gilt als einer der ersten dezidierten Medienjournalisten des Landes und schrieb für „Die Presse“, den „Kurier“ und den „Wiener“ Kultur-, Film- und Medienkritiken, bevor ihn in den 90ern Gerd Bacher in sein Team beim ORF holte. Fabry

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.03.2010)

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