Computerspiel-Expertin: "Kinder sind sehr aggressiv"

Auf der "Game City" sprach Cheryl K. Olson mit DiePresse.com über Gewalt in Computerspielen, warum die Forschung komplett daneben liegt, für wen Sex prinzipiell böse ist und dass sich Eltern unnötig sorgen.

Cheryl K. Olson bei der FROG-Tagung im Wiener Rathaus
Cheryl K. Olson bei der FROG-Tagung im Wiener Rathaus
(c) DiePresse.com (Daniel Breuss)

Die „Game City“ im Wiener Rathaus war nicht nur als Spielwiese für Computerspiel-Fans gedacht, sondern bot auch ein interessantes Rahmenprogramm. Auf der Tagung „Future and Reality of Gaming“ (FROG) sprachen zahlreiche Forscher über ihrer Arbeiten im Bereich der Games. Eröffnungsrednerin war Cheryl K. Olson, die gemeinsam mit ihrem Mann in dem Buch Grand Theft Childhood: The Surprising Truth About Violent Video Games and What Parents Can Do über ihre Forschungen rund um gewalttätige Computerspiele spricht. Die Ergebnisse ihrer gemeinsamen Untersuchungen waren „ermutigend, aber manchmal verstörend“. DiePresse.com konnte mit ihr ausführlich über das kontroverse Thema reden.

Inhaltsverzechnis

Seite 1: Einige Studien sind "irrsinnig"
Seite 2: "Peng, du bist tot!"
Seite 3: Ist Sex ein größeres Problem als Gewalt?
Seite 4: "Computerspiele raus aus dem Schlafzimmer"

DiePresse.com: In Ihrer Eröffnungsrede erwähnten Sie die Art und Weise, wie Politiker an Computerspiele herangehen. Seit Barack Obama US-Präsident wurde, ist das Wort "Veränderung" in aller Munde. Erkennen Sie eine Änderung der Politik in Hinblick auf Spiele?

Cheryl K. Olson: US-Politiker scheinen derzeit nicht so viel über Regelungen für Computerspiele zu reden wie vor ein paar Jahren. Vielleicht weil es dazu keine große Nachrichtenlage gab. Diese ganze Angelegenheit mit den Schulmassakern - In der akademischen Presse wurde viel darüber geschrieben, dass das nur eine moralische Panik ist. Amokläufe in Schulen sind nicht angestiegen, die Berichterstattung hingegen ist enorm angestiegen.

Die Medien berichten also mehr über Schulmassaker, in Wahrheit geschehen aber nicht mehr?

Olson: Ja. Wenn man ein paar Jahrzehnte zurückschaut, gab es ein paar sehr große, aber eines der größten war in den frühen 1960ern. Es stellte sich heraus, der Täter hatte einen Gehirntumor, der von den Ärzten nicht entdeckt worden war. Und das war lange vor Videospielen. Gewalt gibt es schon länger, so merkwürdig das für manche sein mag.

Haben Sie schon versucht, das Jack Thompson zu erklären? (Thompson kämpft gegen Computerspiele mit zum Teil unhaltbaren Argumenten wie "Flugsimulatoren sind Trainingsprogramme für Terroristen", Anm.)

Olson: Oh, Leute haben mich gebeten, mit ihm eine Debatte zu führen. Das wäre dann, wie wenn zwei Vierjährige sich streiten: "Ja, so ist es." "Nein, ist es nicht!" [lacht] Man kann so nicht diskutieren. Ich bin nicht daran interessiert, auf der Ebene eines Kleinkinds zu debattieren. Ich bin mir sicher, dass er kein dummer Mensch ist, aber ich denke nicht, dass er überhaupt daran interessiert ist, das zu hören, was ich zu sagen haben. Warum also sollte ich ihm meine Meinung aufzwingen?

Meinung ist ein gutes Stichwort, besonders in der Forschung. Sie haben offensichtlich keine negative Meinung zu Videospielen. Könnte man Ihnen nicht vorwerfen, zu voreingenommen zu sein?

Olson: Absolut. Ich sehe mich aber ziemlich neutral was Spiele anbelangt. Ich bin pro Games so wie ich pro Bücher bin. Ich bin pro guter Medien aller Art. Und ich denke, dass viele Spiele sehr anspruchsvoll sind und Tiefgang haben. Ich komme vielleicht deswegen positiver rüber als es mir lieb wäre, weil das Gleichgewicht bisher dermaßen verschoben war. Wenn ich also versuche, die Mitte zu finden, sieht es so aus als würde ich komplett in die andere Richtung ausschlagen.

Aber wenn eine Person alleine sagt, dass sie die Mitte finden will, ist das nicht ein bisschen...

Olson: ...naiv? Sinnlos? [Lacht] Ich glaube einer der Gründe ist: Ich habe einen anderen Ansatz als viele der Forscher, deren Studien in die Zeitungen kommen. Ich denke sie glauben an die Reinheit der Laborumgebung und dass man alle externen Einflüsse kontrolliert. Da Videospiele in einer realen Umgebung verwendet werden und Menschen sie sich frei aussuchen und oft in Gruppen spielen, kann eine Laborumgebung die wichtigsten Variablen in der Spielerfahrung nicht einfangen.

Sie glauben also, dass diese Studien zu eingeschränkt sind?

Olson: Ja, es ist eine beschränkte Ansicht. Ich denke nicht, dass diese Forscher verstehen, wie schwer es ist, das was sie tun auf eine andere Umgebung umzulegen. Ich habe einige der Arbeiten gesehen, die in Labors durchgeführt wurden, ich glaube von Craig Anderson oder Brad Bushman. Ich denke, Bushman war es, der sagte, er glaubt, dass Studenten in einem Labor, die andere Teilnehmer des Experiments mit lautem Statikrauschen "bestrafen", dieselbe Absicht hätten, Gewalt zuzufügen, wie jemand, der gerade bewaffnet einen Spirituosenladen ausraubt. Das ist doch Irrsinn! Wie kann man das sagen? Ein Student, der ein Experiment macht, um ein paar Zusatzpunkte zu kriegen und ein Videospiel für 20 Minuten spielt und danach wen anderen mit Geräuschen bestrafen muss, wenn der einen Fehler macht. Glauben Sie ernsthaft, der will jemanden verletzen? Dem anderen permanente Hörschäden zufügen? Natürlich nicht! Und sie behaupten, ihre experimentellen Konstrukte bilden die Absicht ab, jemand anderen zu verletzen. Ich denke das ist lächerlich.

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