Was bringt das Web 2.0 der Wissenschaft?

Der richtige Umgang mit dem Web 2.0 will gelernt sein. Das gilt auch für Wissenschaftler. Es könnte allerdings noch dauern, bis die Wissenschaft wirklich von den digitalen sozialen Netzwerken profitiert.

bringt Wissenschaft
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So mancher Wissenschaftler startet einen Blog, aber schon nach wenigen Monaten geht ihm die Puste aus“, sagt Ulrich Berger, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Wirtschaftsuniversität Wien und Leiter des Instituts für Analytische Volkswirtschaftslehre, der die Problematik gut kennt. Die Gründe dafür seien vielschichtig. An erster Stelle stehe das Problem, dass viele Wissenschaftler den Zeitaufwand unterschätzen. Durch seine langjährige Erfahrung als Blogger wisse er, dass sich die meisten zu viel vornehmen.

Er ist in seiner Funktion als Vorsitzender der „Gesellschaft für kritisches Denken“, der auch der bekannte Physiker Heinz Oberhummer angehört, aktiver Blogger. Auf der Blog-Plattform „ScienceBlogs“ betreibt er seit 2008 den Blog „Kritisch gedacht“ und setzt sich dort kritisch mit Pseudowissenschaften auseinander. Da seine Blog-Einträge eigens recherchiert und kein Nebenprodukt der Forschung sind, beschränkt er sich auf zwei bis drei Einträge pro Monat. Neben dem Blog hat er auch einen Facebook-Account. Auf Twitter verzichtet er, weil er darin keinen Mehrwert für seine Arbeit erkennt.


Suche nach Potenzial. Ein eigener Blog, ein Facebook-Account, die Nutzung von Wikipedia usw. – all dies macht Berger laut Definition von Michael Nentwich zu einem „Cyberscientist 2.0“. Nentwich ist seit 2006 Direktor des Instituts für Technikfolgenabschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

Gemeinsam mit René König hat er das Buch „Cyberscience 2.0: Wissenschaft im Zeitalter der digitalen sozialen Netzwerke“ verfasst (Campus-Verlag). Es basiert auf den Ergebnissen des Forschungsprojekts „Interactive Science“. Dabei gingen die Forscher Fragen nach, wie sich etwa die Digitalisierung und Vernetzung auf die Wissensproduktion bzw. die Forschungsergebnisse auswirkt.

Nentwich leitete eines der vier Teilprojekte. „Wir haben uns Anwendungen des Web 2.0 wie Wikipedia, Google, Mikroblogging-Dienste wie Twitter oder die virtuelle Welt ,Second Life‘ angesehen“, erklärt der Forscher. Dabei verfolgten sie das Ziel, diese Anwendungen hinsichtlich ihres Potenzials für die Scientific Community zu untersuchen.


Virtuelle Konferenz. Second Life hatte man anfangs gut eingestuft, da man u.a. mit den Spielfiguren oder „Avataren“ parallel zu einer realen auch eine virtuelle Konferenz abhalten kann. Allerdings existieren dafür mittlerweile jenseits von Second Life bessere Möglichkeiten wie Skype, AdobeConnect oder Videokonferenzsysteme. Eine Literatursuche in den virtuellen Bibliotheken von Second Life besitzt zum Beispiel überhaupt keinen Mehrwert für Wissenschaftler.

Anders sieht es bei Wikipedia oder Google aus. Hier besteht laut Nentwich wiederum das Problem, dass viele nicht wissen, wie man es wissenschaftlich optimal nutzt.

Zeit spielt bei der Nutzung von Anwendungen des Web 2.0 eine wichtige Rolle. Umsichtige Wissenschaftler schätzen den Aufwand realistisch ein und haben ein gutes Zeitmanagement.


Reputation riskieren. Das ist auch notwendig, da die aufgewandte Zeit sonst andernorts, sprich in der Forschung, fehlt. Wer als Blogger zu präsent ist, riskiert, dass ihm unterstellt wird, sich zu wenig um die Forschung zu kümmern. Für Berger, der dieses Phänomen aus der Praxis kennt, trifft dies vor allem auf den eher konservativen deutschsprachigen Raum zu. Zwar könne man den eigenen Bekanntheitsgrad durch Facebook & Co. heben. Wer sich dabei aber zu sehr ins Zeug legt, riskiert seine wissenschaftliche Reputation. Auch Berger, der als Blogger eher zurückhaltend agiert, sagt: „Wenn ich sehe, dass ein Kollege täglich bloggt, stelle ich mir die Frage, ob er nicht seine Forschung vernachlässigt.“


Von Schrott bis Exzellenz. Der Grat zwischen einem Forscher, der sich neben seiner Arbeit auch für das Web 2.0, speziell für die sozialen Netzwerke, öffnet, und der Wahrnehmung als Wissenschaftskommunikator ist jedenfalls schmal. Dennoch besitzen die Anwendungen des Web 2.0 für die interne Kommunikation zwischen den Forschern laut Nentwich grundsätzlich viel Potenzial.

Derzeit sei die Scientific Community allerdings noch zu stark zersplittert, also auf vielen verschiedenen sozialen Plattformen aktiv. Das macht es weiterhin schwierig, miteinander zu kommunizieren.

Im Internet kursiert eine Fülle an Informationen, Daten, wissenschaftlichen Artikeln und Studien. Die Bandbreite reicht von hochqualitativen Forschungsergebnissen über Halbwahrheiten bis hin zu Schrott.

Wikipedia wird vom Studenten bis zum Forscher als Quelle genutzt. Dass man den dort veröffentlichten Informationen nicht blindlings vertrauen sollte, ist bekannt. Doch wie kann man wirklich sichergehen, dass die Informationen aus seriösen Quellen zusammengesucht und von vielen Leuten kritisch begutachtet wurden?

Nentwich achtet auf die Registerkarte „Diskussion“. Dort sieht man, welche Inhalte kommentiert wurden. Die Probe aufs Exempel beim Wikipedia-Eintrag zu Web 2.0 gibt einen Einblick, wie die interne Qualitätskontrolle im Web 2.0 „tickt“: Ein User hat entdeckt, dass ein Einzelnachweis zu einer Werbeseite führt, und um Korrektur gebeten. Die Registerkarte „Vorgeschichte“ sei ebenfalls hilfreich.

Berger überprüft die Einzelnachweise, geht den angegebenen Links nach und verwendet die Originalquellen. Auch auf diese Weise kann man auf Nummer sicher gehen. Was Online-Publikationen betrifft, ist der Science-Blogger besonders rigoros: Was nicht begutachtet, also peer-reviewed ist, interessiere ihn nicht. Denn hier müsse man besonders achtsam sein, um nicht auf Pseudojournale hereinzufallen. Positiv sei seiner Ansicht nach, dass sich die „Selbstreinigungskraft“ der Wissenschaft, speziell im angloamerikanischen Raum, durch kritische Wissenschaftsblogger intensiviert habe und nicht mehr alles durchgehe.


Blogosphäre.
Die Anwendungen im Web 2.0 folgen nicht nur in puncto Qualitätssicherung eigenen Gesetzen. Anhand von Schreibstil, Sprachgebrauch und Aufbereitung der Information können erfahrene Blogger zwischen einem Blog-Eintrag und PR-Arbeit gut unterscheiden. Aber auch der Umgang mit kritischen Kommentaren verrät viel über die Intention, mit der ein Blog betrieben wird. Berger beobachtet immer wieder, dass sowohl Einzelpersonen als auch Institutionen mit den Dos and Don'ts in der Blogosphäre alles andere als vertraut sind. Es beginne damit, dass ein Blog-Eintrag anders aufbereitet werden sollte und nicht die Kurzfassung eines wissenschaftlichen Artikels sei. Der Science-Blog „Hier wohnen Drachen“ des Physikers Martin Bäker ist für Berger in jeder Hinsicht ein gelungenes Beispiel. Ist eine Institution mit den Gepflogenheiten der Blogosphäre nicht vertraut, kann das fatal ins Auge gehen. Kritische Kommentare zu löschen ist laut Berger ein Fauxpas, den die Blogger-Szene sehr übel nimmt.

So etwas hat in der Vergangenheit schon so manchen „Shitstorm“ ausgelöst, „was für die Institution unangenehm werden kann“. Verlierer gebe es bei diesen Entwicklungen seiner Meinung nach keine. Denn wer sich dem Web 2.0 entziehe, zähle derzeit ohnehin zur Mehrheit der Forscher. „Man verzichtet allerdings auf den Informationsvorsprung“, gibt Nentwich zu bedenken. Beide gestehen dem Web 2.0 durchaus Potenzial zu. Aber sowohl bei den Rahmenbedingungen als auch in puncto Bewusstseinsbildung ist noch einiges zu tun.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.07.2012)

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