Und jetzt off: Der Sommer im Flugmodus

Wir müssen die digitalen Geräte ja nicht gleich ganz abdrehen, aber die Urlaubszeit kann eine Einladung sein, unseren Umgang mit Smartphone und Co. zu überdenken. Zehn Schritte für einen digitalfreieren Sommer.

Frau liest Buch im Urlaub
Frau liest Buch im Urlaub
Digitalfreier Urlaub – www.BilderBox.com

Plötzlich soll man also abschalten. Vom Turbomodus im Alltag, der sich gerade vor den großen Sommerferien gern noch einmal steigert, in den Schneckentempo-Gang der Freizeit kommen. Vom Superkommunikator zum stillen Insichhineinhörer werden. Kein Wunder, dass das vielen Menschen auch dank der digitalen Alleskönner, die wir ständig mit uns tragen, nicht so leicht fällt. Wir liefern deshalb zum Ferienstart eine Anleitung zu einem digitalfreieren Sommer(-Urlaub) in zehn Schritten:


1. Den Flugmodus nach der Landung nicht ausschalten

Im Flugzeug müssen wir es sein, zumindest für ein paar Stunden: offline. Warum also nicht gleich das erzwungene Abschalten als Brücke in den Urlaub nutzen? Das Smartphone und die Tablets auch nach der Landung am Urlaubsort für ein paar Stunden im Flugmodus ruhen lassen. Das Hotel oder das AirBnB-Zimmer – wie früher – ohne Navigationsgerät ansteuern (siehe Punkt 4). „So startet man den Urlaub gleich mit einer Art Cold Turkey“, sagt Digitaltherapeutin Anitra Eggler. „Man kann sich vornehmen, die ersten Stunden oder Tage des Urlaubs ganz bewusst offline zu sein – und sich stattdessen verrückte Ablenkungsmanöver überlegen, wie: Wir zählen gemeinsam den Sand oder riechen den Sonnenuntergang.“ Das Abschalten kann man gut vorbereiten, etwa indem man eine Abwesenheit-E-Mail verfasst, in der man charmant und freundlich erklärt, dass man jetzt 14 Tage auftankt – und sie am besten zwei Tage vor der Abreise aktiviert und erst zwei Tage nach der Rückkehr abdreht. Kurosch Yazdi, Chef der Suchtabteilung der Nervenklinik Wagner-Jauregg in Linz, sagt: „Es gibt extrem wenige Menschen, die ständig 24 Stunden erreichbar sein müssen. Die meisten glauben das nur, dabei wollen sie es eigentlich.“ Das größere Problem seien für ihn junge Menschen, „die gar nicht erreichbar sein müssen, sondern über WhatsApp und Facebook ständig alle Freunde updaten, wie es im Urlaub ist“. Geradezu absurd, findet Anitra Eggler: „Du funkst also dauernd nach Hause, wie geil es ist, endlich mal woanders zu sein.“ Das Einzige, was man so verpassen kann, ist der Urlaub oder das Leben. „Wer versucht, überall zu sein, ist es nirgends mehr richtig.“


2. Wenn's nicht anders geht: Fixe Digitalzeiten ausmachen

Der Urlaub soll sich vom Alltag unterscheiden. Gerade Kindern kann man das auch so erklären, sagt Kurosch Yazdi: „Im Urlaub befinden wir uns an einem anderen Ort, essen andere Speisen, hören andere Sprachen – und benutzen eben auch digitale Geräte anders.“ So kann man sich als Familie fixe Zeiten ausmachen – am besten ein Mal pro Tag, etwa vor dem Abendessen, nach dem Mittagessen oder vor dem Schlafengehen –, zu der die gesamte Familie online geht. Yazdi, der sich in seinem Buch „Junkies wie wir“ (Editiona) mit der Spiel- und Internetsucht beschäftigt, hält aber nichts von unnatürlich erzwungener Internetabstinenz. Jeder müsse selbst wissen, wie er seinen Urlaub verbringen will. „Wenn jemand im Alltag gar keine Zeit hat, mit Freunden und Familie Kontakt zu halten, und gerade im Urlaub nach Lust und Laune telefonieren oder chatten will, soll er das tun.“


3. Handy dabei, aber bitte immer lautlos

Weil die meisten digitalen Geräte heute so viele verschiedene Dinge können, fällt es schwerer, sie den ganzen Tag im Hotelsafe liegen zu lassen. Mit was soll man sonst Fotos machen, Uhrzeit ablesen, Musik hören, E-Books lesen? Das alles könne man tun und dabei trotzdem ungestört sein, sagt Anitra Eggler. Indem man das Smartphone lautlos stellt, Pushmitteilungen oder die Wlan-Funktion deaktiviert. „Es sind ja nicht die Geräte, die definieren, wie wir sie verwenden. Selbstdisziplin ist der einzige Weg in einer Welt voller digitaler Vollidioten zu überleben.“ Sogar Streaming-Anbieter wie Spotify ermöglichen es, eine bestimmte Anzahl an Songs offline zu hören. Hörbücher und E-Books kann man noch zu Hause herunterladen. Wer sich kennt und weiß, dass die Gefahr des wahllosen Surfens zu groß ist, lässt das Handy doch lieber im Hotelsafe. Wer es aber nur zum Telefonieren braucht, kann sich im Urlaub auch ein Retro-Gerät ohne Internetzugang mitnehmen.


4. Das Hotel, den Strand, das Restaurant ohne Navi suchen

Es hat schon einen Grund, warum Faltkarten im Auto nicht mehr wahnsinnig gebräuchlich sind. Der auf einen Quadratmeter aufgeklappte Plan, aus dem sich der entnervte Beifahrer wie Houdini zu entfesseln versucht, ist natürlich um einiges weniger praktisch als das Navi, das auf einem kleinen Display den Weg anzeigt – und auch noch um einiges aufmerksamer die nächste Abbiegemöglichkeit ansagt als die Person am Nebensitz, die gerade verträumt aus dem Fenster schaut. Doch Fahren nach Karte hat auch seine Qualitäten. Aussteigen, zum Beispiel, den Plan auf der Motorhaube ausbreiten – und dabei vielleicht noch mit Einheimischen oder anderen Reisenden Kontakt knüpfen. Und abgesehen davon – es ist so unglaublich befreiend, das eigene Hirn wieder einzuschalten, einfach in Sachen Himmelsrichtung zu überlegen, ob man nun links oder rechts abbiegen muss, um der richtigen Fährte zu folgen. Und biegt man einmal falsch ab – einfach cool bleiben. Sieht man wenigstens etwas vom Land.


5. Postkarten schreiben

Auf dem Berggipfel einen Selfie zu machen und diesen gleich auf Facebook zu stellen oder per Whatsapp an den gesamten Freundeskreis zu schicken – klar geht das. Und irgendwie hat man sich schon daran gewöhnt, den Urlaub anderer von daheim aus in Echtzeit mitzuerleben. Doch eine Ansichtskarte zu suchen – mit einem, je nach Empfänger, besonders schönen oder besonders widerwärtigen Bild –, hat nach wie vor eine eigene Qualität. Wenn man beim nächsten Besuch die Karte an einer Pinnwand hängen sieht, sie umdreht und sich darüber amüsiert, welche Blödheit man damals wieder zu Papier gebracht hat. Das bringt Emotion, ein nostalgisches Grinsen und die Erinnerung an eine schöne Zeit. Da kann auch ein alter Facebook-Eintrag nicht mithalten.


6. Sportmessgeräte ausschalten – oder zu Hause lassen

Eigentlich läuft man ja nur dann, wenn es danach ein messbares Ergebnis gibt. Das ist die Motivation, mit der man sich daheim ein paar Kilometer lang quält. Warum sollte man es da im Urlaub anders machen? Immerhin kann man auf Runtastic und Co. auch damit protzen, dass man zehn Kilometer auf einer thailändischen Insel gelaufen ist. Andererseits wäre der Urlaub ja die perfekte Gelegenheit, die permanente Selbstvermessung zumindest für ein paar Tage zu unterbrechen. Laufen kann man ja trotzdem – und dabei eben nicht auf Rundenzeiten und Durchschnittsgeschwindigkeit achten, sondern ein bisschen etwas vom Urlaubsort in sich aufnehmen. Ob Kuhglocken auf der Alm, Affenkreischen in Bali oder die Soundkulisse von New York City. Schwitzen kann man dabei trotzdem. Und im Notfall nachher auf einer Karte mit dem Lineal nachmessen, wie viele Kilometer es nun waren.


7. Analogkamera einpacken – und nur 36 Bilder schießen

Mit dem Handy oder der Digitalkamera zu fotografieren ist wie Rauchen. Mehr oder weniger unbewusst läuft es nebenbei einfach mit, permanent ist die Hand am Auslöser. Am Ende hat man statt eines randvollen Aschenbechers eben eine Festplatte mit 567 Fotos vom letzten Urlaub – eines uninteressanter als das andere. Und man hat Situationen erlebt, die man eigentlich gar nicht erlebt hat, weil man sie ständig nur durch das Display mitbekommen hat. Dem kann man entgehen, indem man sich selbst ein Limit setzt: Einen Analogfilm in der Kamera, 36 Möglichkeiten, einen besonderen Moment festzuhalten. Der Finger wird ruhiger, der Blick schweift genauer – und am Ende hat man zumindest ein paar Bilder, die wirklich bewusst entstanden sind. Und dafür viele Erinnerungen an schöne Momente, die man wirklich erlebt hat.


8. Für Mutige: In ein Hotel ohne Wifi fahren


Gerade noch waren Hotels mit einem schnellen und kostenlosen Wlan begehrt, das sowohl am Pool, im Zimmer und an der Bar reibungslos funktioniert. Und jetzt sind es plötzlich die Unterkünfte, die auf das Gegenteil setzen: Sogenannte Black-hole-Hotels werben damit, gar kein Internet mehr für die Gäste zu haben. Manche Hotels in Österreich bieten bereits Offline-Urlaub an, dazu gehören absolut handyfreie Zonen im gesamten Ressort, kein Fernseher, kein Radio, kein Telefon, kein Wecker auf dem Zimmer und kein Soundteppich im Restaurant und der Lobby. Das Digital-Detox-Erlebnis geht aber auch einfacher: indem man in abgelegene italienische oder griechische Dörfer oder in die Berge fährt. Im Bergdorf Karneralm in den Lungauer Nockbergen etwa bietet ein Ehepaar sogenannten Almness-Urlaub inklusive digitaler Auszeit. In ihrer Lärchenhütte gibt es weder Internet noch Telefonempfang, kein Radio und keinen Fernseher. Wer es nicht ganz so offline mag, kann sich aber in einer ihrer anderen Hütten einmieten. Diese sind optional mit Wlan buchbar.


9. Smartphone-Zombies sichten!

Brett-, Sing- und Kartenspiele sind noch immer die Klassiker unter den analogen Zeitvertreibmöglichkeiten. Bei langen Autofahrten mit Kindern funktioniert eines so gut wie immer: das Autokennzeichen-Quiz. Eine Variante solcher Schau-Spiele nennt sich „Smartphone-Zombie sichten“. Wer zuerst einen Erwachsenen oder einen Jugendlichen am Pool, Strand oder beim Fünf-Gang-Menü bemerkt, der paralysiert an seinem Smartphone klebt, ruft laut „Zombie!“ oder ein anderes Codewort. Dabei kann man sich auch spielerisch eine Holiday-Digital-Etikette antrainieren. Diese brauche es ohnehin dringend, sagt Digitaltherapeutin Anitra Eggler: „Wenn im Liegestuhl neben mir jemand raucht, ist das genau so unerträglich wie wenn es beim Nachbarn ständig surrt, piept und vibriert – oder wenn Menschen an das Telefon rangehen, um zu sagen, sie können nicht rangehen.“


10. Den Video-Streamdienst kündigen


In vielen Urlaubsdestinationen stellt sich die Frage gar nicht: ob man den Video-Streamdienst so wie zu Hause weiter nutzen darf. Denn in manchen Ländern funktionieren Dienste wie Netflix (noch) nicht. Dafür ist die Verlockung anderswo, etwa in den USA oder Großbritannien, umso größer, denn hier bietet derselbe Abozugang plötzlich viel mehr Auswahl als daheim. Da bleibt wieder nur das Zwiegespräch mit einem selbst: Will ich den Urlaub mit Serienschauen verbringen, weil ich endlich Zeit dazu habe oder will ich bewusst etwas anders machen als sonst? Wer sich selbst überlisten will, kann das Abo übrigens vor dem Urlaubsstart kündigen – und erst zu Hause wieder aktivieren.

Schwarzes Loch und Freiheit

Black-Hole-Hotels– so nennt man Hotels, die entweder komplett webfrei sind oder spezielle Digital-Detox-Programme anbieten.

Freedom. Im Internet gibt es viele Programme, die den Netzzugang für ein paar Stunden sperren, etwa die Software „Freedom“, die vor allem Schriftsteller nutzen. Das Programm „Selfcontrol“ lässt einen das Internet noch weiter nutzen, sperrt aber den Zugriff auf Seiten, die man vorher in eine Liste eingetragen hat. Beide Programme sind für die Desktopnutzung geeignet. Apps, die das Smartphone internetfrei machen, gibt es kaum gute. Dafür hat man eben den Flugmodus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.07.2015)

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