Apples junge Liebe zum Datenschutz

Apple-Chef Tim Cook verweigert dem FBI Zugriff auf das iPhone eines Terroristen. Nicht, weil er zum Retter der Privatsphäre werden will, sondern weil Apple sehr gut daran verdient.

Apple-Chef Tim Cook.
Apple-Chef Tim Cook.
Apple-Chef Tim Cook. – (c) REUTERS (ROBERT GALBRAITH)

Wien/Cupertino. Seit Mitte dieser Woche hat die Netzgemeinde einen neuen Helden: Tim Cook. Mit großer Geste weigerte sich der Apple-Chef, dem FBI beim Entsperren des iPhones eines toten Attentäters zu helfen. Seit Monaten versuchen die Behörden angeblich erfolglos, Daten aus dem Gerät des Mannes auszulesen, der Ende Dezember mit seiner Frau 14 Menschen im amerikanischen San Bernardino getötet hat.

Würde Apple den Behörden helfen, dieses Gerät zu knacken, schaffe es selbst eine Sicherheitslücke für alle iPhones, argumentiert der Konzern. Und während US-Politiker bereits an Gesetzen feilen, mit denen sie Technologiefirmen zur Herausgabe von Kundendaten zwingen wollen, stellen sich die Chefs von Google und WhatsApp demonstrativ hinter Apple.

 

Apple lieferte Daten 70 Mal ab

Plötzlich wollen alle zu den Guten gehören. Doch die Beweggründe dahinter sind weniger nobel, als sie auf den ersten Blick scheinen.

So hat etwa Apple selbst seine Liebe zum Datenschutz erst vor Kurzem entdeckt. In den Jahren seit 2008 zeigte sich das Unternehmen noch deutlich entspannter, wenn es darum ging, Nutzerdaten an die Behörden auszuliefern. In 70 Fällen hatte der Elektronikriese keinerlei Bedenken und reichte die sensiblen Daten weiter, heißt es im Gerichtsprotokoll eines ähnlichen Falles aus dem Jahr 2015. Damals wehrte sich Apple plötzlich dagegen, Ermittlern den Zugriff auf das Handy eines geständigen Meth-Dealers zu verschaffen.

Die Begründung des wertvollsten Börsekonzerns ist entlarvend: Apple zu zwingen, die Daten auszulesen, könnte „die Marke Apple substanziell schädigen“, argumentierten die Konzernanwälte vor Gericht. „Dieser Reputationsschaden könnte einen langfristigen wirtschaftlichen Einfluss“ haben.

Tim Cooks Kampf gegen das FBI macht ihn also weder zum edlen Helden der Privatsphäre noch zum Mithelfer der Terroristen. Es macht ihn lediglich zu einem wirklich guten Verkäufer.

Anders als viele andere Tech-Konzerne hat es Apple verstanden, die Enthüllungen des Ex-NSA-Mitarbeiters Edward Snowden für sich zu nutzen. Obwohl die NSA damals auch vollständigen Zugriff auf alle iPhones hatte, erkannte Apple nach Auffliegen des Skandals den neuen Markt für „sichere“ Smartphones rasch und reagierte. Heute gilt das Unternehmen als der Smartphone-Bauer, bei dem die Daten der Nutzer am besten geschützt sind.

Die junge Liebe zum Datenschutz ist seither ein fixer Bestandteil der Marketingstrategie von Apple. Kaum eine Rede des Vorstandes, in der nicht vom „Menschenrecht auf Privatsphäre“ die Rede ist. Kaum ein Auftritt ohne einen Seitenhieb auf Konkurrenzunternehmen, die ihr Geld damit verdienen, ihren Nutzern persönliche Daten zu entlocken. Von wem er dabei spricht, ist klar – auch wenn die Namen Google oder Facebook nie fallen. Die Neupositionierung zahlt sich aus. Vor allem außerhalb der USA, wo Apple zwei Drittel seines Gewinns verdient, ist die neue Strategie des Unternehmens ein Erfolgsgarant.

 

Will FBI „Universalschlüssel“?

In neueren Versionen seines Betriebssystems (ab iOS 8) hat Apple daher eine automatische Verschlüsselung des Handyspeichers eingeführt. Wer das Passwort nicht kennt, beißt sich die Zähne aus. Dazu kommt, dass Nutzer die Möglichkeit haben, den Speicher nach zehn falschen Code-Eingaben automatisch löschen zu lassen. Genau das könnte der Attentäter von San Bernardino getan haben, fürchten die US-Behörden und fordern Apple nun auf, diese Funktion auszuschalten. Bis 26. Februar hat das Unternehmen noch Zeit, der Anweisung des Gerichts Folge zu leisten.

Dafür müssten die Entwickler allerdings eine eigene Software schreiben, die als „Universalschlüssel“ für alle derartigen Geräte missbraucht werden könnte, erklärt Cook seine Vorbehalte. Ganz egal, ob die Behörden versprechen, das Programm nur in diesem einen Fall einzusetzen, oder nicht.

Apple könne es sich gar nicht leisten, hier einzuknicken, sind die Analysten des Marktforschers Gartner überzeugt. Baut Apple diese „Hintertüre“, würden theoretisch all seine Geräte unsicherer – und damit gerade für Firmenkunden weniger interessant.

Auf einen Blick

Apple wehrt sich gegen einen Gerichtsbeschluss, wonach der Konzern dem FBI Zugriff auf das Handy eines der Attentäter von San Bernardino verschaffen soll. Der Konzern weigert sich aus Sorge, dass so der Zugriff auf alle iPhones erleichtert werden könnte.

Die Motive sind auch wirtschaftlicher Natur. Apple verdient sehr gut mit dem Image, die Daten seiner Nutzer besonders gut zu schützen. Die Realität sieht mitunter anders aus: Seit 2008 hat Apple in 70 Fällen Nutzerdaten an die Behörden ausgeliefert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2016)

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