Urheberrechts-Lobby GVU lässt unberechtigt Filme löschen

Ein kritischer Film gegen Überwachung und eine Reporter-Reihe wurden ohne Rechtfertigung gelöscht. Das Portal Vimeo hinterfragte die Aufforderung nicht. Ein Betroffener spricht von "digitalem Vandalismus", andere von "Amoklauf".

UrheberrechtsLobby laesst unberechtigt Filme
UrheberrechtsLobby laesst unberechtigt Filme
(c) Daniel Breuss

Die in Deutschland ansässige Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU) hat beim Videoportal Vimeo eine Reihe von Filmen löschen lassen, da in ihnen angeblich Urheberrechte Dritter verletzt werden. Das Problem daran: Unter ihnen waren auch vier Folgen des Elektronischen Reporters des Bloggers Marius Sixtus, der die alleinigen Rechte an diesen Videos hält. Die GVU hatte keinerlei Berechtigung, hier einzuschreiten. Vimeo kam der Aufforderung dennoch nach. Das hat jetzt rechtliche Folgen: Sixtus hat über seinen Anwalt eine Abmahnung an die GVU geschickt, wie er selbst in seinem Blog berichtet. Er bezeichnet die Aktion als "digitalen Vandalismus".

Rechteverwerter verletzt Rechte

Pikant ist die Formulierung des Schreibens. Den vermeintlichen Urheberrechtsschützern wird vorgeworfen, die Urheberrechte von Sixtus verletzt zu haben. Die GVU habe "keinerlei Befugnisse, über die allein unserem Mandanten zustehenden Urheberrechte zu disponieren", steht in der Abmahnung. Sixtus hatte sich zu rechtlichen Schritten entschlossen, nachdem in einem persönlichen Gespräch GVU-Chef Matthias Leonardy nicht bereit war, eine Unterlassungserklärung zu schicken.

GVU: Selbst Schuld, weil auf falschem Portal

Die GVU behauptet inzwischen, die Löschungsaufforderung sei irrtümlich geschehen. Man habe seit 2008 fünf Millionen Löschungsaufforderungen verschickt. Dabei ermittelt die Organisation die "Verdächtigen" nicht einmal selbst. Vielmehr erledigt das Unternehmen OpSec diese Aufgabe. Dort untersucht man derzeit, wie es zu dem "Irrtum" kommen konnte. Offenbar war OpSec in Begriff, gegen das Portal "Monsterstream" vorzugehen, das TV-Serien und Filme ohne Lizenz anbietet. Dort gab es auch Links auf die ungerechtfertigt gelöschten Videos. In einem Interview mit dem Online-Radio On3 erklärte eine GVU-Sprecherin, die Betroffenen seien gewissermaßen selbst schuld, wenn Links zu ihren Videos auf fragwürdigen Seiten auftauchen. Für sie sei es "ein kleines bisschen überraschend", dass die Links auf "Monsterstream" auffindbar waren.

Kritisches Video gelöscht

Bedenklich ist auch die Löschung des Videos Du bist Terrorist, ebenfalls auf Vimeo. Filmemacher Alexander Lehmann hatte es bereits 2009 erstellt, um damit vor den Gefahren der immer stärker werdenden Überwachungsmaßnahmen zu warnen. Auch Lehmann hat nach eigenen Angaben die GVU bereits kontaktiert. Bisher hat die Gesellschaft sich aber nicht bei ihm gemeldet. Lehmann hat mit dem ebenfalls von ihm produzierten Rette deine Freiheit ein zweites Video gegen die geplanten Internetsperren in Deutschland online gestellt.

Du bist Terrorist

Amoklauf mit Geschichte

Das "Hoppala" hat den deutschen Blog Netzpolitik zu der Überschrift GVU läuft Amok hinreißen lassen. Es ist nicht das erste Mal, dass die Rechteverwerter negativ auffallen. Wie Heise schon 2006 berichtete, lassen sich Staatsanwälte zu Verfahren hinreißen, nur weil die GVU behauptet, irgendwo würden Rechte verletzt. Die Gesellschaft wurde dann sogar als Sachverständiger eingesetzt. Dass eine Urheberrechtslobby eventuell nicht objektiv handeln könnte, kam der Staatsanwaltschaft nicht in den Sinn.

(db)

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