Spotify in Österreich: "Nicht hören, was MTV mir vorschreibt"

Jonathan Forster, Europamanager von Spotify, im Interview darüber, wie man mit Gratisdiensten Geld macht, und warum die Musikindustrie Leute aus dem Internet werfen will.

OnlineMusik Nicht hoeren vorschreibt
OnlineMusik Nicht hoeren vorschreibt
(c) Spotify)

Der Musik-Streamingdienst Spotify ist in Österreich online gegangen. Neben einem kostenlosen Basisangebot gibt es gegen Aufpreis auch Versionen ohne Werbung und für Mobilgeräte. DiePresse.com traf sich mit Jonathan Forster, General Manager für Europa bei Spotify, zum Gespräch über die Trends in der Musikbranche und wie man mit Gratisinhalten Geld verdient.

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DiePresse.com: Es gab einige Aufregung, als Spotify auf Facebook Connect umgestellt wurde. Warum wurde das verpflichtend gemacht?

Jonathan Forster: Die soziale Komponente ist ein Kernelement von uns. Und wenn man das machen will, heißt das heutzutage Facebook. Die sind das soziale Internet. 99 Prozent unserer Nutzer sind auf Facebook. Man muss aber nichts mit seinen Freunden teilen, wenn man nicht will, und es muss kein aktiver Facebook-Account sein.

Wenn Sie etwas gratis hergeben, wie bekommen Sie dann Geld?

Wir zahlen keinen Vertrieb, sondern stellen unser Produkt einfach hin. Das Marketing übernehmen die Nutzer, die darüber mit ihren Freunden reden. Was wir wissen ist, dass sie sich in das Produkt verlieben. Wir sind der bisher größte Musik-Abo-Dienst. Aber wir machen auch über die Anzeigen Geld. Werbefinanzierte Medien wie Radio und Fernsehen machen deutlich mehr Umsatz als die der Verkauf von CDs. Wir wollen ein Stück davon. Und auch mit unserem Gratisprodukt machen unsere Partner deutlich mehr Geld als mit Filesharing-Klagen. Wir teilen es proportional auf, je nachdem wie oft etwas auf unserem Dienst gespielt wird. Wenn deine Musik 50 Prozent der "plays" ausmacht, hast du Anspruch auf 50 Prozent des Geldes.

Werden die Großen dadurch nicht größer?

Nein. Es ist demokratisch. Da gibt es diesen jungen Sänger in Schweden. Unsere Kunden haben uns gefragt warum wir den nicht haben. Also haben wir ihn hinzugefügt und er ist sehr beliebt in Schweden und ist in unseren Top 10. Er erhält dadurch genug Geld, um nicht arbeiten zu müssen. Die großen Hits sind überall große Hits. Die meiste Musik auf iTunes wird gar nicht gehört. Ein viel höherer Prozentsatz auf Spotify wird gehört. Vermutlich, weil es nichts kostet.

Sie behaupten also, dass kleinere Künstler bei Ihrem Dienst mehr Chancen haben, gehört zu werden?

Es wird generell mehr gehört. Und es demokratisiert die Hör-Erfahrung, auch über Facebook. Ich sehe, was meine Freunde hören und nicht, was mir MTV vorschreibt, was ich anhören soll. Wenn man etwa eine obskure belgische Elektro-Funk-Band hört und man wie der durchschnittliche Facebook-User 150 Freunde hat, hat diese Band 150 Chancen, nochmal gehört zu werden. Und die sagen es wieder 150 Freunden - wenn die Band gut ist. Früher mussten diese Musiker hoffen, dass ein DJ mit großer Reichweite sie auf seinen Plattenteller warf.

Was war das größte Hindernis, dass sie für die Erlangung der Lizenzen überwinden mussten.

Die Angst vor dem Gratismodell.

Sehen Sie Google Music als Rivalen?

Nicht wirklich. Piraterie ist der Nummer-eins-Konkurrent. Daher ist es so wichtig, einen kostenlosen Dienst als Gegenpol zu haben. Google, Apple, Facebook, Microsoft haben unlimitierte Ressourcen. Wenn man sich Sorgen darüber machen müsste, was die tun, würde man nie auf die Beine kommen. Was uns ein bisschen Genugtuung verschafft ist, dass bei einer Menge Dinge, von denen es früher hieß, dass sie a) nie passieren würden oder b) nicht funktionieren, der Markt jetzt nachzieht. Das wäre auch für die TV-Industrie gut: Macht alles verfügbar, lasst es auf allen Geräten zu, fügt eine soziale Komponente hinzu, beißt in den sauren Apfelund macht es! Ihr besitzt diese Inhalte und Menschen wollen sie haben. Die meisten anderen Branchen sind im Eimer, weil niemand ihre Produkte will.

Ich kann mir vorstellen, dass Sie eine Menge in Serverkapazität investiert haben. Besonders, bevor man in einem neuen Markt an den Start gehen will.

Ja, haben wir. Wir sind ausgerüstet und wir glauben, dass uns der Trend zu unseren Gunsten verläuft. Wenn wir nur Profit machen wollen würden, würden wir den Gratisdienst einstellen. Aber in unserer Branche braucht man die Kundengrößen. Eines unserer Mantras ist der Daftpunk-Song "Harder, better faster stronger".

Wie sind die Gespräche in Österreich verlaufen?

Ich war nicht direkt involviert, aber es lief schnell und positiv. Wir wollen alle den Markt entwickeln. In den USA mussten wir erst zwei Jahren buchstäblich dieselben Personen überzeugen.

Wann werden Sie schwarze Zahlen schreiben?

Wachstum ist derzeit unsere Priorität, daher investieren wir stark.

Zur Person

Jonathan Forster ist als General Manager für die Geschäftsaktivitäten von Spotify in Europa zuständig. Der Brite hat auch die Personalverantwortung für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in dieser Region. Jonathan verantwortet auch Strategie und Entwicklung im Bereich der Werbeverkäufe. Er lebt derzeit in Spotifys Geburtsland Schweden.

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