Google-Chef sieht neue „Dotcom-Blase“

Der Ansturm auf Firmen wie Facebook ist laut Eric Schmidt ein „klares Anzeichen für eine Blase“. Facebook legt indes nach und erhöht die eigene Bewertung auf 60 Mrd. Dollar.

(c) AP (Virginia Mayo)

Wien. Die späten 1990er-Jahre waren an den Börsen eine verrückte Zeit. Kleine Firmen, von denen noch nie jemand gehört hatte und die inzwischen längst wieder in der Versenkung verschwunden sind, waren plötzlich mehr wert als die Flaggschiffe der Industrie. Voraussetzung für eine hohe Bewertung war nur, ob ein Unternehmen das Kürzel „.com“ im Firmennamen hatte – und somit die Fantasie der Investoren nach unerschöpflichen Gewinnen im Internet weckte.

Eine Situation, an die sich Google-Chef Eric Schmidt angesichts der jüngsten Bewertungen von Facebook oder Twitter nun zurückerinnert sieht, wie er dem Schweizer Magazin „Bilanz“ sagte.

 

Absurd hohe Bewertungen

Im Frühjahr 2000 platzte die Dotcom-Blase. Innerhalb kurzer Zeit verloren die „Highflyer“ über 90Prozent ihres Wertes. Selbst wenn sie den Absturz überlebten, konnten sie ihre Höchstwerte nie mehr erreichen. Am Markt wirklich durchgesetzt hat sich von den ehemaligen Jubelfirmen ohnehin kaum eine. Die heutigen Dominatoren des Internets steckten 2000 in den Kinderschuhen oder waren noch gar nicht gegründet.

Seither wurde das Internet als eine Branche wie alle anderen angesehen. Eine Firma kann mit einer guten Idee dort viel Geld verdienen. Eine Garantie auf Erfolg gibt es aber nicht. Dies spiegelte sich auch in den Aktienkursen wieder. Die erfolgreichen Unternehmen wie Google liegen bei ihren Kurs-Gewinn-Verhältnissen (KGV) mit aktuell 23 zwar über jenen von klassischen Industriebetrieben (etwa Exxon mit 13). Dennoch stehen den Milliardenwerten an der Börse auch Milliardenumsätze und Gewinne entgegen.

In jüngster Zeit scheint sich dies jedoch wieder zu ändern. So sorgte die außerbörsliche Platzierung von Facebook-Anteilen über die Investmentbank Goldman Sachs zu einem wahren Ansturm von betuchten und willigen Anlegern. Bewertet wurde Facebook bei dem Deal mit 50 Mrd. Dollar. Laut – ungeprüften – Zahlen verdiente das Unternehmen im Vorjahr jedoch nur 400 Mio. Euro. Das KGV beträgt somit 125 – erst nach so vielen Jahren ergibt der kumulierte Gewinn den Börsenwert.

„Da sind klare Anzeichen einer Blase. Aber die Bewertungen sind nun einmal, wie sie sind. Die Leute glauben eben, dass diese Firmen in Zukunft riesige Umsätze erreichen werden“, meint Schmidt. Auch der Ex-Facebook-Gesellschafter Thomas Heilmann – der Ende 2010 aus dem Unternehmen ausstieg – sieht die Bewertung als zu hoch an. Er würde aktuell nicht mehr einsteigen, meinte er jüngst.

 

700 Jahre bis Wert verdient ist

Das soziale Netzwerk von Mark Zuckerberg legte indessen noch ein Scherflein nach. So erwägt Facebook laut dem Medienblog „All Things Digital“, den 2000 Mitarbeitern eine Erlaubnis zum Verkauf ihrer Firmenanteile zu geben, da viele Investoren ihr Interesse an einem Einstieg geäußert haben. Aus dem von Facebook geplanten Verkaufsvolumen ergibt sich eine Bewertung von 60 Mrd. Dollar für das gesamte Unternehmen – eine Wertsteigerung von zehn Mrd. Dollar in nur einem Monat.

Auf zehn Mrd. Dollar soll jüngst auch der Kurznachrichtendienst Twitter von Kaufinteressenten – just Google und Facebook – bewertet worden sein. Dies, obwohl Branchenforscher den Umsatz von Twitter bislang auf lediglich 45 Mio. Dollar schätzen. Selbst wenn Twitter schwarze Zahlen schriebe und eine mit Google oder Facebook vergleichbare Marge erzielte, würde dies einem KGV von fast 700 entsprechen.

Allerdings gibt es auch Stimmen, die etwa die Bewertung von Facebook nicht für überzogen halten. So hat Facebook mit 30 Prozent eine ähnliche Marge (Gewinn in Relation zum Umsatz) wie Google und ein deutlich stärkeres Wachstum. In den USA besuchen jeden Monat bereits mehr Menschen die Homepage des sozialen Netzwerks als jene von Google. Dennoch ist Google mit fast 200Mrd. Dollar immer noch deutlich wertvoller. Daher wird etwa von Lars Hinrichs, dem Gründer des Business-Netzwerks Xing, bei Facebook sogar noch „Luft nach oben“ gesehen.

Auf einen Blick

Google-Chef Eric Schmidt sieht in den Bewertungen für Internet-Firmen wie Facebook, Twitter oder Groupon „klare Anzeichen für eine Blase“. Facebook erhöhte indessen die eigene Bewertung um zehn Mrd. Dollar auf 60 Mrd. Dollar. Das Unternehmen müsste demnach 150Mal den Gewinn des Vorjahres erzielen, um den Wert zu verdienen (KGV). Normal ist ein KGV zwischen zehn und 20 Jahren. Befürworter der Bewertungen erwarten jedoch ein kräftiges Gewinnwachstum in den nächsten Jahren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.02.2011)

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