Maschinenraum

Kommunikation. Warum jetzt eigentlich die große Überraschung, dass wir alle systematisch bespitzelt und überwacht werden?

Ich sag es gleich: Ich wars nicht. Oder, futurum exactum: Ich werde es nicht gewesen sein. Dieser sachliche Hinweis bleibt, so hoffe ich doch, für alle Zeiten gespeichert. Öffentlich einsehbar im Archiv der „Presse“ und damit in den ewigen Annalen des Cyberspace. Andererseits in elektronischen Verzeichnissen und Aktenordnern nichtöffentlicher Natur. Etwa auf den Festplatten des österreichischen Heeresnachrichtendienstes. Hinsichtlich der Kapazität, Datenfülle und -tiefe sind diese Aufzeichnungen aber gewiss nicht vergleichbar mit jenen des großen Geistesbruders NSA in Fort Meade in Maryland, USA. Dort, auf einem Crypto City genannten Areal, laufen ja so ziemlich alle Informationen dieses Planeten zusammen. Und werden gesammelt, gescannt, ausgewertet und archiviert. Die Programme tragen klangvolle Namen wie Echelon oder Prism. Aber eigentlich ist das alles, psst!, streng geheim.

Jedenfalls war jetzt bei einigen Damen und Herren – zuvorderst aus der Politik – die Überraschung groß, als herauskam, dass die Sachlage so ist, wie sie ist. Die Innenministerin unseres kleinen Landes fühlte sich bemüßigt, demonstrativ empört zu sein. Und einige Fragen an den großen Bruder zu formulieren, dessen oberster Repräsentant im benachbarten Deutschland von „Freiheit“ und „Verantwortung“ schwadronierte. Zu seiner Sicherheit fuhren Panzer auf, Scharfschützen wurden in Stellung gebracht, die Kanaldeckel zugeschweißt und eine ganze Stadt weiträumig abgesperrt. Und auch ein paar Gschichtln in Umlauf gebracht von vereitelten Anschlägen, Röntgenstrahlen und sonstigen Terrorszenarien. Es macht wohl wenig Spaß, der meist bedrohte Mann weltweit zu sein. Gut also, dass es Präventivprogramme wie Prism gibt, nicht? Die Fragen der österreichischen Innenministerin dazu sind übrigens auch geheim. Sogar gegenüber dem eigenen Volk. Ich bin überrascht, dass derlei für den einen oder die andere unter uns noch eine Überraschung ist.

Was aber werde ich nicht gewesen sein? Ich werde nicht der gewesen sein oder zu denjenigen gezählt haben, die Crypto City in die Luft sprengten. Eines fernen Tages. Doch es zählt nun einmal zu den ehernen Gesetzen der Menschheit, dass Bespitzelung Aversionen weckt. Generalverdacht Hass. Druck Gegendruck. Und so weiter. Was man vorgeblich zu verhindern versucht, generiert man so erst recht. Systematisch. Todsicher.

Mehr unter groebchen.wordpress.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.06.2013)

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