Christoph Jeschke: "Wir bauen an unserer eigenen Insel"

Christoph Jeschke ist Geschäftsführer von Austrian Startups, einer der wichtigsten Anlaufstellen für die Wiener Start-up-Community. Der Verein vertritt die Interessen der jungen Szene gegenüber der Politik.

Aktenberg und Notebook
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Es ist kein Stammtisch, wie man ihn sich üblicherweise vorstellt. Zwar haben viele ein Bier in der Hand, es wird aber nicht über Politik und den Zustand der Welt gelästert. Lästern ist der Start-up-Community eher fremd. Da herrschen Konstruktivität und der Wunsch, selbst Probleme zu lösen, anstatt zu warten, dass andere das tun.

Beim Austrian-Startups-Stammtisch gibt sich einmal im Monat im Wiener Coworkingspace Sektor 5 die österreichische Gründerszene ein Stelldichein. Es mischen sich – so zumindest die Idee der Veranstaltung – Gründer und jene, die das noch vorhaben, mit Business Angels, Investoren, Beratern, Werbeagenturen, Förderinstitutionen und anderen, die sich im Dunstkreis dieser umtriebigen Community bewegen. Damit alles einen thematischen Rahmen bekommt, gibt es jedes Mal eine Podiumsdiskussion.

Letzten Monat ging es um die Frage: Wie bekommt man Entwickler? Diesmal, bei Stammtisch Nummer 15, dreht sich alles um Hardware-Start-ups. Diese haben einen gewissen Nischenstatus, sind aber stark im Kommen – Stichwort Smarthomes oder Drohnen. Die Produkte der meisten Start-ups sind aber digitaler Natur. Und damit werden auch die spezifischen Probleme von Start-ups, die ein physisches Produkt herstellen (aber nicht die Infrastruktur großer Unternehmen hinter sich haben), selten thematisiert. Produktion und Logistik zum Beispiel. Ein App-Entwickler muss sich nicht darüber Gedanken machen, wie er sein Produkt am besten verschifft, und ob es irgendwo beim Zoll hängen bleibt.


Netzwerken ist Trumpf. Auf dem Podium diskutieren diesmal Erik Unger vom Drohnen-Start-up Space Leap, Niko Gonzales vom Accelerator Hardware Tribe und Sven Hock, Marketingmanager der Crowdfunding-Plattform Indiegogo. Moderiert wird die Diskussion von zwei Gründern von Austrian Startups: Can Ertugul, Start-up-Coach und Gründer von Gaming-Start-up Hitbox und Bezahldienstleiser Payolution, und Daniel Cronin, Mobile-Business- und Marketingexperte und als Moderator der Puls4-Show „2 Minuten, 2 Millionen“ bekannt. Die weitläufigen Räumlichkeiten des Sektor 5 sind gut gefüllt, die Gründer bevölkern die Bar genauso wie die Büroräumlichkeiten und den Balkon. Die Atmosphäre ist entspannt. Wer für sein Unternehmen seine ganze Freizeit aufopfert, der will, dass sich die Arbeit – und dazu gehört eben auch Netzwerken – ein bisschen wie Freizeit anfühlt. Das bekommen Austrian Startups mit dieser Veranstaltung gut hin.


Neutrale Anlaufstelle. Christoph Jeschke, Managing Director von Austrian Startups, schaut zufrieden aus. Vor rund eineinhalb Jahren hat er sich mit fünf Leuten, die in der österreichischen Start-up-Szene schon einiges bewegt haben, zusammengetan, um die erste neutrale Anlaufstelle für die Community zu gründen. Freund und Mitstreiter der ersten Stunde: Vlad Gozman, Mitgründer und Managing Director von Adspired Technologies und Gründer von TEDxVienna. „Wir sind zwar ein Verein, wollen aber mit der Flexibilität eines Start-ups agieren“, sagt Jeschke, der parallel zu seinem BWL-Studium in Vermögensverwaltungen gearbeitet, ein Auktionshaus aufgebaut, sich als Eventmanager und Social-Media-Blog-Initiator verdingt und dabei in der Start-up-Szene Fuß gefasst hat. „Ich habe noch nie in so kurzer Zeit und in der Intensität so viele spannende Leute kennengelernt. Das ist für mich der größte Motivator. Ich will die Rahmenbedingungen für diese Menschen mitgestalten.“ Jeschke hat zwar selbst keine Gründererfahrung, aber einige Projekte „aus der zweiten Reihe“ begleitet, wie er sagt.


Sprachrohr für die Community. Der Stammtisch zeigt ganz gut, wie wichtig es für Start-ups ist, einen Hafen zu haben, an dem sie immer wieder einmal andocken können, und der vor allem eines bieten kann: Ein Netzwerk von Leuten, die gerade das Gleiche durchmachen oder durchgemacht haben und bereit sind, diese Erfahrungen zu teilen. „Es haben sich für uns drei Bereiche herauskristallisiert, in denen wir etwas bewegen wollen“, sagt Jeschke. „Wir wollen First-Stop-Shop für alle sein, die gründen wollen. Ein Multiplikator, der alle Initiativen, die innerhalb der Community entstehen, kommuniziert und pusht. Und Sprachrohr der Community gegenüber der Politik.“

Letzteres habe sich ergeben, weil die Politik bei Austrian Startups mit der Frage angeklopft habe, was die Community denn eigentlich wolle und brauche. „Das hat dann einen ziemlichen Professionalisierungsschub bei uns bewirkt. Wenn du mit dem Wirtschaftsminister redest, dann musst du auch fachlich kompetent auftreten“, sagt Jeschke. Etwa ein halbes Jahr habe sich das Gründerteam von Austrian Startups damit beschäftigt, ein Visionspapier auszuarbeiten – „wir sprechen bewusst nicht von Forderungen“ –, das die Bedürfnisse der Start-up-Szene auf den Punkt bringt. Umgesetzt ist knapp ein Jahr, nachdem das Paket der Regierung übergeben wurde, noch nichts. Allerdings ist Jeschke „so guter Dinge wie noch nie“, dass sich zumindest, was die Finanzierung von Start-ups betrifft, politisch bald etwas bewegen wird. „Es sitzen jetzt erstmals Leute in der Regierung, die wirkliche Affinität zum Thema Start-ups haben“, sagt Jeschke, Finanzminister Hans-Jörg Schelling etwa – „unternehmerisch vom Feinsten“ – oder Harald Mahrer, Staatssekretär im Wirtschaftsministerium (beide ÖVP), der selbst Gründungserfahrung hat.


Finanzielle Anreize. Politisch schnell umsetzbar – zumindest in der Theorie– seien Incentives für Business Angels. „Zum Beispiel, wenn ein Business Angel 30.000 Euro investiert, dass der Staat dann noch einmal 30.000 Euro zuschießt. Das würde eine Professionalisierung des ganzen Ökosystems bewirken und mehr privates Kapital für Start-up-Finanzierung freimachen“, ist Jeschke überzeugt. Außerdem sollten Banken und Versicherungen gesetzlich dazu angehalten werden, einen gewissen Prozentsatz ihres Investmentportfolios – im niedrigen einstelligen Prozentbereich – der Start-up-Finanzierung zu widmen.

Bei allem Optimismus gibt Jeschke zu, dass er mit der Langsamkeit in der Politik so seine Probleme hat: „Ein Unternehmer muss sich täglich fragen, warum er etwas noch nicht umgesetzt hat. Ein Politiker nicht. Versprechungen bekommt man schnell. Aber dann muss man sich immer wieder in Erinnerung rufen, damit irgendwann tatsächlich etwas passiert.“ Aber das sei nun einmal Teil des Jobs des durch Sponsorenverträge (etwa mit Cisco, Deloitte, IBM) finanzierten, gemeinnützigen Vereins mit rund 60 freiwilligen Mitarbeitern.

Spannend sei jedenfalls die tagtägliche Auseinandersetzung mit den Problemen der Gründer. Da gehe es um ganz essenzielle Dinge wie: „Ich suche einen Mitgründer, einen Programmierer, einen Investor. Wie launche ich ein Produkt oder entwickle es weiter? Oder: Wie kommuniziere ich einen Erfolg?“ Austrian Startups könne Personen zusammenzuführen, die einander unterstützen bzw. die Gründer an die richtigen Adressen weiterverweisen.


„Kein zweites Silicon Valley“. Events wie der Stammtisch helfen dabei, die Start-ups auf den richtigen Weg zu bringen. Der Blick über die Landesgrenzen hinaus ist dabei wichtig, das zeigt nicht zuletzt die Internationalität von Publikum und Podium auf der Veranstaltung.

Allerdings solle sich Wien als Standort seiner Eigenständigkeit und seiner Stärken schon bewusst sein, findet Jeschke: „Die Verbindung zu all den anderen Start-up-Hubs ist entscheidend. Aber Wien muss kein zweites Silicon Valley werden. Wir bauen an unserer eigenen Insel.“

Netzwerk

Neutral und non-profit. Austrian Start-ups ist eine neutrale Non-Profit-Plattform von und für die österreichische Start-up-Community. Finanziert wird sie von Sponsoring-Verträgen mit Unternehmen und Institutionen, die sich im Ökosystem Start-ups verankern und dieses unterstützen wollen.

Erste Anlaufstelle und Sprachrohr.
Austrian Start-ups sieht sich als erste Anlaufstelle für Gründer, verstärkt deren Sichtbarkeit und vertritt ihre Interessen gegenüber der Politik. Mit Events wie dem Austrian-Start-ups-Stammtisch bringt man Gründer, Business Angels und andere Stakeholder an einen Tisch.

www.austrianstartups.com

Pioneers Festival

Das Start-up-Festival findet heuer am 29. und 30. Oktober in der Wiener Hofburg statt. Start-ups und Speaker aus der ganzen Welt treffen dabei aufeinander. „Die Presse“ ist Kooperationspartner des Festivals.

pioneers.io

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.10.2014)

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