Mentoring: »Wir sind kein Start-up-Hotel«

Mentoring-Programme und Kooperationen mit Unternehmen können für Start-ups zum Sprungbrett werden. Immer mehr renommierte Unternehmen in Österreich - etwa A1 und Frequentis - wollen Geburtshelfer für Innovationen sein.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Zu Beginn war unser Start-up-Campus unstrukturiert wie die Szene selbst“, erzählt Jochen Schützenauer von A1. Das Projekt startete vor über drei Jahren – damals steckte die österreichische Start-up-Szene noch in den Kinderschuhen. Doch bei A1 reifte bereits die Idee heran, innovativen Jungunternehmen bei ihren ersten Schritten unter die Arme zu greifen. Gute Ideen sollten aus den Kellern und Hinterzimmern Österreichs geholt und in geräumigen, lichtdurchfluteten Büros zur Entfaltung gebracht werden.

Der Kontakt zum ersten Start-up Defect Radar, erzählt Schützenauer, sei zufällig vor drei Jahren auf einer Messe zustande gekommen. Die Idee, Baumängel mittels App zu erfassen, überzeugte die A1-Entwickler. Was folgte, war eine intensive Suche nach weiteren potenziellen Kandidaten. Einziges Kriterium: Das Businesskonzept musste technologiebasiert sein. Zwei weitere Ideen konnten überzeugen.

Zu Defect Radar gesellten sich 2013 die Unternehmen Flatout Technologies und Double Jack. Hinter Flatout Technologies verbirgt sich ein Team, das „Smart-Home-Hirne“ – wie Schützenauer sie nennt – entwickelt, kleine Schaltzentralen, die die Sprache aller elektronischen Haushaltsgeräte sprechen. So können die einzelnen Bedienungsschritte bequem mittels App verknüpft werden. Das Produkt des dritten Auserwählten, des Unternehmens Double Jack, hilft, den Überblick über Rechnungen zu bewahren und keine Garantiefristen zu verpassen.


Neuer Standort für den Campus. In den kommenden Wochen eröffnet der Campus seine Pforten an neuer Adresse. Ein gesamtes Geschoß in einer alten Telecom-Immobilie in der Treustraße im 20.Bezirk wurde zum Coworking-Space umfunktioniert. „500 Quadratmeter, die wir peu à peu füllen wollen“, sagt Schützenauer. Bald werden hier bis zu sieben weitere Jungunternehmen ihre Zelte aufschlagen.

Gerade im Umzugsstress befindet sich deshalb Domagoj Dolinsek, Geschäftsführer von Defect Radar. Er ist nicht nur bereit, sein neues Büro zu beziehen, sondern auch mit einer ersten Version seiner Baumängel-App auf den Markt zu gehen. Zum Kundenstock zählen hierzulande neben A1 bereits die Baufirma Porr, Bipa und das Architektur- und Ingenieurbüro ATP, die mithilfe der App ihr Facility-Management erleichtern wollen. Der potenzielle Kundenkreis ist breit gefächert: „Schließlich hat quasi jedes Unternehmen Immobilien“, sagt Dolinsek.


Out-of-the-box-Denken. Die App von Defect Radar funktioniert so: „Man geht auf der Baustelle herum, verortet Mängel und unterlegt diese mit einem Pin, einem Foto und einer Sprachnotiz. Das wird dann einem Auftraggeber zugeordnet. So kann man große Projekte mit vielen Beteiligten sehr einfach nachverfolgen“, erklärt Dolinsek. Früher habe man die Baumängelerfassung manuell gemacht, mit Plänen, Notizheften, Fotoapparaten und Diktiergeräten, und die Informationen dann per E-Mail in einer Excel-Liste weitergeleitet. „Da sind viele Fehler passiert“, sagt Dolinsek.

Von A1 erhält Defect Radar Beratung, vor allem, was Marketing, rechtliche Belange und Finanzierung betrifft. Finanzielle Beteiligung von A1 gibt es keine. Die Beratungsleistung wird ohne Sonderentlohnung von A1-Mitarbeitern neben ihrem Alltagsjob erbracht. Rund 45 Experten in Bereichen wie Controlling, Recht und Marketing stehen zur Unterstützung der Jungunternehmer parat. Diese Mehrarbeit erfolge auf freiwilliger Basis, betont Schützenauer. Dafür meldeten sich nur Mitarbeiter, die es spannend fänden, „out of the box“ zu denken.

Womit der größte Vorteil des Konzepts für den gesamten A1-Konzern genannt wäre. „Wir wären gern von Anfang an dabei, wenn eine neue Idee gezündet wird“, sagt Schützenauer. Natürlich will man in der schnelllebigen Telekommunikationsbranche immer auch ein Stück vom Kuchen mitnaschen. Und so holt man sich die potenziellen zukünftigen Top-Player eben gleich ins eigene Haus.

„Wir sind kein kostenloses Start-up-Hotel“, betont Jochen Schützenauer. Die Jungunternehmer müssten Erfolge vorweisen. Bei den nun neu dazustoßenden Start-ups hätte man das Konzept geändert und bereits individuelle Beteiligungsmodelle ausgehandelt. Die fixen rechtlichen Rahmenbedingungen gab es zu Beginn des Campus noch nicht.

So wurden mit den drei alteingesessenen Start-ups keine fixen Bleibezeiten ausgehandelt. Heute ist ein Gastspiel auf dem Campus hingegen grundsätzlich mit drei Jahren befristet– Ausnahmen könnten natürlich vorkommen, sagt Schützenauer. „Aber wenn man sich dann noch immer kein eigenes Büro leisten kann, sollte man es vielleicht auch einfach lassen.“


Flügge nach drei Jahren. Ähnlich läuft es im Gründerzentrum eines anderen Kommunikationstechnologie-Unternehmens: Frequentis. Die Technologiefirma beherbergt schon seit 1956 Gewerbebetriebe in ihrer Gründungsphase. Seit 2001 wird das Zentrum in der Phorusgasse im 5.Bezirk offiziell als Start-up-Center geführt. Auch hier haben die Jungunternehmen drei Jahre Zeit, um flügge zu werden. Gegenwärtig sind das zum Beispiel Indoors, das auf Navigationssysteme in Innenräumen spezialisiert ist, oder der Mikrofonhersteller Xarion.

Für die Start-ups ist von Frequentis ein Vollzeitbetreuer abgestellt. „Es ist aber nicht so, dass man uns ständig über die Schulter schaut. Einmal im Quartal gibt es eine Besprechung“, sagt Xarion-Geschäftsführer Leonhardt Bauer. Phasenweise sei die Betreuung auch intensiver, bei Xarion sei das etwa während der Investorensuche der Fall gewesen. Da sei man auch bei befreundeten Unternehmen von Frequentis vorstellig geworden. „Dann gab es noch ein Meeting zum Thema gemeinsame Kunden und Markterschließung. Ich glaube, das war für beide Seiten das richtige Maß an Interaktion.“

Ende 2015 will Xarion in ein eigenes Büro ziehen, langsam werden die Räumlichkeiten bei Frequentis zu klein für die Produktentwicklung – immerhin geht es hier um ein komplexes Hightech-Produkt. Die optischen Mikrofone von Xarion messen Schalldruck mittels Laserstrahlen in der Luft und in Flüssigkeiten – eine Technik, die im Gegensatz zu herkömmlichen Mikrofonen eine hohe Präzision und geringe Störanfälligkeit garantiert. Eine erste Produktlinie soll Mitte 2015 auf den Markt kommen – im Eigenvertrieb.

Gerade sondiert Bauer weitere Kooperationen mit großen Firmen. „Der nächste Schritt wäre eine Ko-Entwicklung – also eine Zusammenarbeit bei der Produktentwicklung“, sagt Bauer. „Um unsere Produkte für die Unterhaltungselektronik oder die Medizintechnik marktfähig zu machen, wäre ein starker Industriepartner hilfreich.“ In weiterer Folge sei auch eine Lizenzvereinbarung für den Vertrieb der Produkte denkbar. Dabei verkauft das Start-up die Lizenz für ein bestimmtes Marktsegment an eine Firma, die meist die Produktion selbst übernimmt. Das Start-up bekommt dann für jedes verkaufte Produkt eine Lizenzgebühr.


Nicht zu früh dran sein. Samsung hätte bereits Interesse an der Technologie bekundet, mit Siemens ist man gegenwärtig in Gesprächen über eine mögliche Kooperation. Noch ist Bauer aber zurückhaltend: „Es ist wichtig, den richtigen Zeitpunkt abzuwarten. Wenn eine Technologie noch nicht richtig ausgereift ist, ist es zu früh für eine Kooperation.“

Eine klare Regelung der Frage des geistigen Eigentums ist für Bauer grundlegend: „Wir würden niemandem unsere Firmengeheimnisse verraten. Wir haben für unsere Technologie drei große Patentfamilien angemeldet.“ Im Fall eines Lizenzvertrags müsse man aber bereit sein, Abstriche zu machen. Da werden zum Beispiel die Patentrechte für vereinbarte Märkte abgegeben.

 

Fixe rechtliche Rahmenbedingungen gab es zu Beginn noch nicht.

 

»Wenn die Technologie noch nicht ausgereift ist, ist es zu früh für eine Kooperation.«

Starthilfe

Frequentis Gründerzentrum.
Bereits seit 1956 beherbergt das Frequentis Gründerzentrum immer wieder Gewerbebetriebe in ihrer Gründungsphase. Seit 2001 wird es offiziell als Start-up Center geführt. www.frequentis.com.

A1 Start Up Campus. In wenigen Wochen wird der neue 500m große Campus in Wien 20 eröffnet. Bis zu sieben neue Start-ups beziehen dort Domizil und werden bei ihrer Arbeit von rund 45 A1-Mitarbeitern betreut.
www.a1.net/ueber-uns/unternehmen/start-ups

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.01.2015)

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