Jodeln, chatten, sparen: Apps für Studenten

Facebook hat einmal als Netzwerk für Studenten begonnen. In die Fußstapfen von Mark Zuckerberg würden studentische Jungunternehmer gern treten, indem sie ihren Mitstudenten das Leben mit Apps und Dienstleistungen versüßen.

The Latest Mobile Apps At The App World Multi-Platform Developer Show
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(c) Bloomberg

Ein Leben zwischen dicken Büchern und Partys, schlaflosen Wochenenden in Bibliotheken und müßigen Stunden einfach zwischendurch, Jahre mit unzähligen Nebenjobs und dennoch chronischem Geldmangel – kaum eine Zeit ist so abwechslungsreich, herausfordernd und sicherlich auch einzigartig wie das Studentenleben.

Alessio Avellan Borgmeyer kann ein Lied davon singen. Der 24-Jährige war bis vor Kurzem selbst Student. Er hat in Deutschland und Kalifornien Wirtschaftsingenieurswesen studiert: „Jeder Student macht die gleichen Dinge durch – egal, was er studiert. Du hast Prüfungsphase, musst dich richtig reinhängen. Dann bist du vielleicht einfach am Prokrastinieren, kriegst nichts auf die Reihe, gehst unter der Woche feiern. Es gibt tausend Sachen. Dieses Studentenleben ist ganz eigen“, erklärt der Deutsche.

Daher sei seine App Jodel genau das Richtige für Studenten, meint er. Mit der Smartphone-Applikation können Studierende auf einer Plattform anonym Kommentare posten – ohne ein Nutzerprofil anlegen zu müssen.

Im Nachrichtenfeed scheinen nur Posts auf, die in einem Radius von zehn Kilometern erstellt wurden. In 240 Zeichen können Jodler auf diese Weise ihre persönlichen Alltagserfahrungen und Gedanken teilen – von Situationen im Hörsaal oder der U-Bahn, bis hin zu schrägen Party-Erlebnissen. So heißt es beispielsweise in einem Wiener Jodel: „Mama, wenn man geschminkt ist: Trag nicht immer so viel Make-up, du bist auch so wunderschön. Mama, wenn man ungeschminkt ist: Ist alles okay? Du siehst so blass und krank aus!“


Ehrlich, weil anonym. Der Fokus liege bei Jodel nicht darauf, „wer etwas sagt, sondern was gesagt wird“, erklärt Borgmeyer. Schon während seines Studiums in den USA im Jahr 2012 habe er die Idee für einen anonymen Gruppenchat gehabt. „Mir ist aufgefallen, dass Leute sich in Gruppenchats nicht so sehr auf inhaltlicher Ebene unterhalten, sondern die Person hinter dem Kommentar in die Wertung des Geschriebenen aufnehmen.“ In Kalifornien probierte sich Borgmeyer daher an der App TellM. Zurück in Deutschland startete er mit der überarbeiteten Version Jodel – das soziale Netzwerk ging vergangenen Oktober an den Start.

Den Reiz der App macht für Borgmeyer die Ehrlichkeit aus, die durch die Anonymität der Nutzer entsteht: „Man hat das Gefühl, dass man hinter die Kulissen sehen kann, dass es plötzlich ehrlich und authentisch wird. Jodel öffnet den eigenen Horizont, weil ganz normale Leute wie du und ich plötzlich aus dem Nähkästchen plaudern.“ Er gibt zwar zu, dass gerade die Anonymität leicht zu negativen, unpassenden Kommentaren verleiten könne. Trotz Missbräuchen habe Jodel in den etablierten Communitys allerdings eine witzige, ironische Atmosphäre aufbauen können. Nicht zuletzt, da sich die Jodel-Gemeinde durch einen Voting-Mechanismus selbst reguliert: Nutzer können einzelne Beiträge hinauf- und hinuntervoten und dadurch das „Karma“ ihrer Kollegen verbessern oder verschlechtern. Erreicht ein Jodel Minus fünf Punkte, wird er automatisch aus dem Newsfeed entfernt.

Das Konzept scheint bisher vor allem in Deutschland, Spanien und Schweden aufzugehen. Hier sind die Jodler am aktivsten. In der schwedischen Stadt Uppsala etwa würden pro Minute fünf neue Beiträge gepostet. Insgesamt 200.000 Nutzer hat das soziale Netzwerk bereits. Außer in der Schweiz und den Niederlanden ist die App – in einem ersten Anlauf seit Mitte März – auch in Österreich verfügbar. Hier sei Jodel zwar noch nicht ganz angekommen. Potenzial verspricht sich Borgmeyer aber vor allem in der Studentenstadt Wien.

In Europa sei es jedoch keinesfalls einfach, Studenten im Social-Media-Bereich für sich zu gewinnen, sagt Borgmeyer. Denn im Vergleich zu den USA seien soziale Netzwerke hierzulande gesellschaftlich weniger verankert. Auch die Studentengemeinschaft untereinander sei weniger vernetzt. „Das macht es natürlich viel schwieriger, diese Zielgruppe einzufangen“, erklärt er.


Student als Konsument. Dass Studenten nicht nur für App-Entwickler interessant sind, beweist der Erfolg von Iamstudent. „Wir haben gemerkt, dass jeder die Ohren spitzt, wenn wir unsere Gutscheinplattform für Studenten erwähnen“, sagt Mitgründer Lukas Simbrunner. „Studenten sind in Österreich eine große Zielgruppe und generell eine sehr konsumstarke. Wenn du Leute noch in ihrer Studienzeit für dich gewinnst, werden sie später auf dich zurückkommen.“

Auf seiner Homepage bietet das Start-up unterschiedliche Gutscheine an: von Restaurant- oder Einkaufsgutscheinen bis hin zu Vergünstigungen für das Drucken und Binden von Abschlussarbeiten. Mehr als 60 Unternehmen sind mit ihren Studentenangeboten bereits auf der Plattform vertreten. Ein eigener Identifizierungsalgorithmus sorgt dafür, dass tatsächlich nur Studierende von den Angeboten Gebrauch machen können: Anmelden kann sich nur, wer eine gültige Matrikelnummer hat.

Die Idee für Iamstudent haben Simbrunner und sein Kollege Daniel Holzner vor zwei Jahren geboren. Ein Jahr später, im März 2014, starteten sie die Homepage gemeinsam mit zwei Programmierern. Die beiden Studenten der Wirtschaftsuniversität Wien störte damals, dass vorhandene Studentenermäßigungen nirgends gebündelt angeboten wurden. „Als Student hat man sowieso genug Stress. Zusätzlich muss man dauernd auf sein Geld schauen. Wenn man sich dann einmal schnell etwas gönnen will, überlegt man es sich dreimal“, schildert Simbrunner. Das Ziel sei nun, die Angebote von Wien auf ganz Österreich auszuweiten. Im Sinn eines Zielgruppenmarketings mit Gutscheinen wolle Iamstudent zudem das Image von Gutscheinen aufwerten, erklärt der 27-Jährige: „Gutscheine hatten lange Zeit Ramschstatus, wir wollen das Ganze wieder sexy machen.“

Große Ziele hat auch Marco Hans mit seiner App Unipocket: „Wir wollen die soziale Plattform für Universitäten sein“, erklärt der 22-Jährige – und das europaweit. „Facebook hat zwar auf Universitäten begonnen und ist ein Massenprodukt geworden, aber es ist keine mehr darauf spezialisierte Plattform.“ Sein Motto: Studieren ist viel mehr als Uni allein. Daher wollen er und sein Kollege Nico Einsidler Studierenden eine App bieten, die auf das Erlebnis und die soziale Komponente des Studiums fokussiert.


Vernetzt auf dem Campus. Verschiedene Funktionen der App sollen Studenten die Vernetzung auf dem Campus erleichtern. Unipocket ermöglicht etwa, sich mit fremden Nutzern zum Mittagessen zu verabreden, um neue Kontakte zu schließen, sich spontan mit Freunden zu treffen oder sich über unirelevante Events zu informieren. Derzeit befindet sich Unipocket noch in der wienweiten Testphase, ab Herbst aber will Hans in ganz Österreich durchstarten.

Warum er gerade eine App für Studenten entwickelt hat, erklärt der Wirtschaftsstudent pragmatisch: „Weil ich damit meine eigenen Probleme als Student gelöst habe. Ich kenne die Bedürfnisse dieser gewissen Gruppe besser. Das hilft mir bei der Einschätzung des Nutzens.“ Freilich sei es sehr zeitintensiv, neben dem Studium ein Unternehmen zu führen. Für die Chance, ein eigenes Start-up zu betreiben, nehme er auch ein paar Semester mehr in Kauf. Ähnlich sieht das Simbrunner. Bis vor Kurzem war er neben Studium und Start-up auf einen Nebenjob angewiesen, um über die Runden zu kommen. Nach wie vor aber steht er zu seinem Gründerdasein: „Gerade als Student sehe ich den Vorteil darin, dass ich mir in kurzer Zeit viel Wissen angeeignet habe, das ich mir mit mehreren Praktika nach dem Abschluss oder während des Studiums nie hätte aneignen können.“

Studi-Apps

Jodel. Hier können Studenten anonym Kommentare posten. Im Nachrichtenfeed scheinen nur Posts auf, die in einem Radius von zehn Kilometern erstellt wurden.

Iamstudent. Eine-Gutschein-App, die auf studentische Bedürfnisse zugeschnitten ist.

Unipocket. Die App bietet gebündelte Info zum Uni-Leben und die Möglichkeit zum sozialen Austausch.

Studentisch

Der Markt. Es gibt insgesamt 9342 Universitäten weltweit. Davon 34 in Österreich (22 öffentliche und zwölf private). Im Wintersemester 2013/14 gab es insgesamt 285.265 Studenten in tertiären Einrichtungen (laut Statistik Austria).

Wirtschaftsingenieur.Der 24-jährige Alessio Avellan Borgmeyer, Gründer von Jodel, hat bis vor Kurzem in Deutschland und Kalifornien Wirtschaftsingenieurswesen studiert. In Kalifornien hat er die App TellM mitgestaltet.

WU-Studenten. Lukas Simbrunner und Daniel Holzner, Gründer von Iamstudent, studieren an der Wirtschaftsuniversität Wien. Die Idee zur Gutschein-App kam ihnen vor zwei Jahren.

Institut für Entrepreneurship und Innovation. Marco Hans, Gründer von Unipocket, hat schon 2013 speziell für die Wirtschaftsuniversität Wien (WU) eine App entwickelt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.06.2015)

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