Bairisch auf slawischer Basis

Der Klagenfurter Namensforscher Heinz-Dieter Pohl erklärt die Besonderheiten des österreichischen Namensgutes. Kurzweilig, spannend, lehrreich.

Schließen
(c) APA (Gert Eggenberger)

Namen sind Zeichen unserer Herkunft“, sagt der Klagenfurter Sprachwissenschaftler Heinz-Dieter Pohl. Ja mehr noch: Die Namen von Personen, von Landschaften, von Flüssen seien sogar „unser ältestes Kulturgut“, schreibt er in seinem neuen „Buch der österreichischen Namen“. Deshalb kämpft er schon sein ganzes Forscherleben lang dafür, dass Namen ebenso wie Kunstwerke oder Denkmäler geschützt werden sollten.

Der alpine Raum ist ein wahre Fundgrube für dieses „immaterielle Kulturerbe“. Sprachwissenschaftler versuchen, das Namensgut quasi in archäologischen Schichten zu durchleuchten. Die älteste Ebene von Ortsnamen ist „voreinzelsprachlich“ oder indogermanisch. All diese Sprachen sind zwar längst ausgestorben (oder haben sich weiterentwickelt), über die Jahrtausende sind aber einige Relikte geblieben. So stammt etwa „Imst“ vom Alpenvolk der Fokunaten, es heißt „feuchtes Gebiet“.

Wesentlich besser fassbar sind die Spuren der Römer – Vulgärlatein war damals die gängige Umgangssprache. Das zeigt sich in vielen Ortsnamen: Gaschurn beispielsweise kommt vom lateinischen casa supra und heißt nichts anderes als „Oberhaus“.

Im Ablauf der Geschichte sollten als nächstes die germanischen Völker kommen – doch Namen aus der Völkerwanderungszeit seien hierzulande kaum greifbar, so Pohl. Eine Ausnahme: Der Name „Mühlviertel“ entstammt dieser Sprachschicht. Er bedeutet aber nicht, dass die oberösterreichische Provinz so viele Mühlen hätte, sondern er leitet sich vom Fluss Mühl ab. Und auch der hat nur wenig mit Mühlen zu tun: „Muhila“ bedeutet „Bach mit Steinklumpen“.


Jeder vierte Name ist slawisch

In größerem Ausmaß fand das Deutsche erst ab dem 10. Jahrhundert Eingang in das österreichische Namensgut – als Österreich bairisch wurde. Davor war das Gebiet offenbar von slawischen Sprachen dominiert: Im alpinen Gebiet war das vor allem das Alpenslawische des Fürstentums Karantanien, dessen Zentrum in Kärnten war. Davon leiten sich sehr viele Flur-, Gewässer- und Ortsnamen ab. Etwa Graz, Mürz (die slawische Verkleinerungsform von Mur) oder Friesach. Im Nordosten Österreichs spielt das Tschechische eine ähnliche Rolle. Spuren davon gibt es auch in Wien: Der Bezirk Liesing hat seinen Namen von einem Waldbach in slawischer Sprache. Döbling ist eine „sumpfige Stelle“, Lainz heißt nichts anderes als „auf der Wiese“.

Die Folge: Während im deutschen Sprachraum rund 15 Prozent aller Familiennamen slawisch sind, sind es in Kärnten und in Wien 25 Prozent. Verschiedene Sprachen heißt jedenfalls nicht automatisch Konflikt, betont Pohl. „Schon immer lebten Menschen mit verschiedenen Muttersprachen nebeneinander, sie lernten voneinander und tauschten sich aus“, schreibt der Forscher. Ein Beispiel: Im Kalser Tal gibt es nebeneinander drei deutsche, drei romanische und sechs slawische Siedlungsnamen.

Als Sprachforscher, der die slawischen Wurzeln betont, hat es Pohl in Kärnten freilich nicht ganz leicht – er geriet auch bisweilen in den Ortstafel-Streit hinein. Allerdings kann man Pohl nicht vorwerfen, einseitig zu sein. Etwa bei der Debatte um „Ostarrichi“. Vor gut zehn Jahren hatte der Salzburger Slawist Otto Kronsteiner eine slawische Deutung vorgeschlagen hatte – von Ostrovica, („Spitzberg“). Pohl kann diese Herleitung nichts abgewinnen: Sie scheitere sowohl am Fehlen spitzer Berge im Ursprungsgebiet des Namens als auch an lautgeschichtlichen Erwägungen, meint er. Für Pohl ist „Ostarrichi“ ganz klar althochdeutsch und bedeutet schlicht „Ost-Reich“.

Im Ortstafelstreit bezieht er aber klar Position: Das zweisprachige Namensgut Kärntens sei ein wertvolles kulturelles Erbe aus jahrhundertelangem gemeinsamen Zusammenleben, das auch verbinde, schrieb Pohl im Dezember 2001 in einem Leserbrief an die „Presse“. Heute sieht er das nicht anders: Namen seien eben Zeichen der Herkunft, schreibt er. Sie zu vergessen oder zu verfälschen hieße, sich eines Stückes Identität zu berauben – die „im Hinblick auf Österreich und seine Bewohner von staunenswerter Vielfalt“ sei.

AUF EINEN BLICK

Heinz-Dieter Pohl, Birgit Schwaner
Das Buch der österreichischen Namen:
Ursprung, Eigenart, Bedeutung.
240 S., geb., 16,90 Euro (Pichler Verlag)

http://members.chello.at/heinz.pohl

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2008)

Kommentar zu Artikel:

Bairisch auf slawischer Basis

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen