Golfkriegssyndrom: Verdacht gegen Chemikalien bestätigt

Medizin. Insektizide und Medikamente zur Giftgas-Prophylaxe sollen hinter dem eigenartigen Leiden stehen.

(c) AP (Laurent Rebours)

Die Schrecken des Krieges fahren auch den härtesten Kämpfern in den Körper, und das oft erst dann, wenn sie äußerlich heil aus der Schlacht zurück sind: Achill verfiel nach dem Tod seines Freundes Patrokles erst in Trübsinn, dann in Berserkerwut, vielleicht war er der Erste (Überlieferte), der an einem Kriegssyndrom litt. Später trat es massenhaft auf, im Ersten Weltkrieg grassierten Herzleiden, der Zweite schlug auf das Gedärm. Und selbst der Krieg, der nur vier Tage dauerte - der Golfkrieg zu Beginn der 1990er-Jahre -, brachte massenhaftes Leiden: 26 bis 32 Prozent der US-Soldaten klagten später über verschiedene Symptome, 175.000 bis 210.000 Mann.

Wie viele es genau sind, hängt auch an der Definition - es gibt mehrere -, und deren Unschärfe hängt an der des Krankheitsbildes: Erschöpfung, Schlaflosigkeit, Muskelschmerz, Stimmungsschwankungen, Abbau der geistigen Leistungsfähigkeit. Woher das alles, und zwar bei einer Truppe, die kaum eigene Verluste zu beklagen hatte? Und selbst bei Soldaten, die überhaupt nicht am Golf waren, sondern in den USA dienten? Das Leiden hat offenbar eine psychische Komponente, es hat ebenso offenbar eine genetische Komponente: Zwei Drittel sind schließlich nicht daran erkrankt, und das, obgleich auch von ihnen viele etwa dort waren, wo ein irakisches Giftgaslager - voll Sarin - gesprengt wurde.

Qualm, Uran, Flohhalsbänder?

Das war einer der Kandidaten, andere kamen hinzu: Qualm der brennenden Ölfelder, Uran-Munition - man nimmt sie, weil sie sehr hart ist, nicht, weil sie (schwach) strahlt -, verschiedenste Gifte und Gegengifte. Die Soldaten wurden gegen Biowaffen geimpft, sie erhielten Medikamente gegen Giftgas, sie wurden zum Schutz vor Tropenkrankheiten mit Insektiziden ausgerüstet. Viele taten ein Übriges und hängten sich Hundehalsbänder gegen Flöhe um den Hals.

Aber gefunden hat sich lange nichts, 2006 waren die Ärzte am Ende mit ihrem Latein und verwiesen auf den seltsamen Tatbestand, dass die Leiden der Soldaten an der Front denen ähnelten, die gerade zu Hause grassierten: Das war in beiden Weltkriegen so, es war im Vietnam-Krieg so, dessen „Syndrom" vor allem auf die Chemiewaffe „Agent Orange" zurückgeführt wurde, mit denen die USA Vietnam entlaubten - ähnliche Waffen waren an der Heimatfront gegen Unkraut im Einsatz, in der Landwirtschaft, in Vorgärten.

Acetylcholinesterase-Inhibitoren!

Und im Golfkrieg? „Es sind nun genug Studien durchgeführt werden", bilanziert Beatrice Golomb (UC San Diego): „Wenn man ihre Ergebnisse zusammen nimmt, kann man mit beachtlicher Konfidenz sagen, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen Chemikalien und den Gesundheitsproblemen" (Pnas, 10. 3.). Welche Chemikalien? Acetylcholinesterase-Inhibitoren (AChEis). Acetylcholin ist ein Neurotransmitter, der für die ganz normale Kommunikation zwischen Nervenzellen sorgt. Die eine signalisiert damit, die andere nimmt es mit einem Rezeptor auf, dann kommt das Enzym Acetylcholinesterase und zersetzt den Botenstoff. Wird dieses Enzym durch einen Inhibitor blockiert, kommt es zur Reizüberlastung. Ein Inhibitor ist Sarin, das Giftgas, aber auch ein vorsorglich verabreichtes Gegenmittel - Pyridostigmin-Bromid - ist einer, er soll die Rezeptoren blockieren, auf dass kein Sarin hinkomme, ihn kann man dann wieder entfernen.

Eine zweite Gruppe stammt aus einem anderen Krieg, Organophosphate, die als Insektizide eingesetzt werden. Wie alle diese AChEis auf Körper wirken, hängt dann an Genen für Enzyme, die AChEis abbauen, manche Varianten können es besser. Schließlich gibt es wieder eine Verbindung in die Heimat: Farmarbeiter, die viel mit solchen Insektiziden zu tun haben, haben ähnliche Leiden. jl

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