Vom Toleranzpatent bis 1938: Juden in Niederösterreich

Über Leben zwischen Duldung und offenem Antisemitismus: Ein Projekt am Institut für Geschichte der Juden in Österreich.

15 jüdische Gemeinden gab es 1938 in Niederösterreich, heute gibt es keine einzige mehr. Die Vertreibung und Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten ist dokumentiert, materielle Reste jüdischer Kultur wie Friedhöfe und Synagogen wurden restauriert. Doch über das Leben der „Landjuden“, ihren Alltag und ihre Berufe, ihre Herkunft und ihr Zusammenleben mit der christlichen Bevölkerung, über ihre Gemeinden und Organisationen wissen wir bisher wenig. Christoph Lind, Historiker am Institut für jüdische Geschichte Österreichs, forscht darüber.


Vertreibung unter Leopold I.

Bereits im 13.Jahrhundert gab es in Niederösterreich jüdische Gemeinden. Doch die Juden wurden immer wieder verfolgt und vertrieben. 1670, nach einer Phase der Konsolidierung, ließ Kaiser Leopold I. die Wiener und niederösterreichischen Juden des Landes verweisen, in der Zeit danach zogen Juden nur mehr als Wanderhändler durch Niederösterreich.

Das änderte sich 1782 durch ein Toleranzpatent Josefs II., das die Niederlassung von Juden im Erzherzogtum unter der Enns gestattete, allerdings mit Einschränkungen: „Auf dem offenen Lande in Niederösterreich zu wohnen, bleibt den Juden wie vorhin noch ferner untersagt; es sey denn, daß sie irgend auf einem Dorfe, in einem Markt, einer Landstadt oder allenfalls auf einem bis hieher noch unbekannten (öden) Grunde eine Fabrik errichten oder sonst ein nützliches Gewerb einführen wollten. In welchen Fällen sie immer um Erlaubnis bey der Regierung anzusuchen haben (...)“

Selbst wenn jüdische Unternehmer diese Bedingungen erfüllten, wurde ihnen die Niederlassung oft schwer gemacht. So bekam 1833 ein Großhändler aus Verona die Landesbefugnis für Leinwanddruck in Mödling, allerdings unter der Bedingung, keine jüdischen Arbeiter einzustellen und auch selbst nicht in Mödling ansässig zu werden. Die jüdischen Unternehmer, die zur industriellen Entwicklung des Landes maßgeblich beitrugen, lebten großteils also weiter in Wien, wo sie auch eine religiöse Infrastruktur hatten.

Jüdische Gemeinden in Niederösterreich wurden von Zuwanderern aus Böhmen, Mähren und Ungarn gegründet, vereinzelt sogar schon vor 1848.


Jeden Schabbat in die Heimat gereist

Ein überraschendes Ergebnis der Forschung Linds: Bisher hatte man geglaubt, dass die ersten jüdischen religiösen Infrastrukturen im Zuge der Gründung von Fabriken durch jüdische Unternehmer entstanden. Grund war vielmehr die Entfernung von den Herkunftsgemeinden. Für jüdische Migranten im Wald-, Wein- und Industrieviertel lagen diese vergleichsweise nahe, sodass sie über Jahrzehnte jeden Schabbat dort verbringen konnten. Für Juden in Krems, Kemmelbach und St.Pölten war das einfach zu weit – so entstanden dort die ersten Gemeinden.

Ab 1848 erhielten Juden nach und nach alle bürgerlichen Rechte, die Niederlassungsfreiheit und freie Berufswahl. Die völlige Gleichstellung mit Nichtjuden erfolgte erst durch die Staatsgrundgesetze von 1867. Das Israelitengesetz von 1890 schließlich brachte den jüdischen Gemeinden eine öffentlich-rechtliche Organisationsgrundlage und staatliche Anerkennung. Neue, große Synagogen wurden errichtet, teilweise im „maurischen“ Stil wie die Wiener Neustädter Synagoge, als bewusstes Zeichen für die Identifikation mit dem Judentum. „Sie waren in der Mehrheitsgesellschaft angekommen, würde man heute sagen“, so Lind.

Doch die Ausgrenzung war nicht dauerhaft überwunden, der Antisemitismus machte sich ab den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts verstärkt bemerkbar. Lind nennt den St.Pöltner Prälaten Josef Scheicher, der den Antisemitismus im Land maßgeblich beförderte, und die Agitation des Georg Ritter von Schönerer im Waldviertel. Die Christlichsoziale Partei agitierte bei Landtagswahlen offen antisemitisch – und hatte Erfolg.


Protest gegen Beschuldigungen

Wie kam die jüdische Bevölkerung mit dem wachsenden Hass zurecht? Manchmal waren die Abwehrstrategien der jüdischen Gemeinden durchaus offensiv. So wurden Protestresolutionen gegen die immer wieder erhobenen Ritualmordbeschuldigungen verfasst. 1886 gründete der Floridsdorfer Rabbiner Joseph Bloch die jüdische Selbstschutzorganisation „Österreichisch-Israelitische Union“ (OIU), die zur wichtigsten politischen Organisation der Juden in Österreich wurde. 1910 hatte sie 7000 Mitglieder – wie groß der Anteil niederösterreichischer Juden war und welche Aktivitäten hier gesetzt wurden, will Lind noch herausfinden.

Themen, die noch folgen sollen: der Erste Weltkrieg und seine Folgen, Zionismus, Politik und Wahlverhalten in der Ersten Republik, die jüdischen Gemeinden in der Zwischenkriegszeit und im Ständestaat. Das letzte Kapitel wird, so Lind, eine „Bestandsaufnahme vor der Zerstörung“: die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse der Kultusgemeinden im Jahr 1937, also kurz vor dem Anschluss.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2008)

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