Geschichte: Das Mittelalter, eine Wunschmaschine

Ein Mediävist appelliert an seine Zunft, sich endlich mit der Populärkultur zu befassen.

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Heil dir Earendel, strahlendster Engel,/über Mittelerde den Menschen gesandt...“ Literarisch gehören sie zu den folgenreichsten Zeilen des Mittelalters, diese im Original altenglischen Verse aus dem achten Jahrhundert. „Ich fühlte mich auf seltsame Weise beflügelt“, schreibt zwölf Jahrhunderte später ein britischer Philologe, „als ob sich in mir etwas geregt habe, halb aus dem Schlaf erweckt. Da steckte etwas ungeheuer Fernes, Wundersames und Schönes hinter diesen Worten.“

Mittelerde, nannte Tolkien, inspiriert von diesen Versen, den Schauplatz von „Herr der Ringe“, einem der erfolgreichsten Bücher der Geschichte. Diese Erde ist ein Kind der Sehnsucht, aus Mangel geboren: Tolkien beklagte die Dürftigkeit an überlieferten altenglischen Texten, er behalf sich, indem er seine Fantasie in sie hineintrug – und seine Wünsche. Ausdrücken wollte er, schreibt er einmal, „den Ton und die Stimmung, nach der ich mich sehnte, etwas Kühles und Klares“, passend zum Nordwesten, etwas „Erhabenes, gereinigt von allem Schmutzigen“, habe er gesucht, außerdem die besondere Schönheit dessen, „was wir keltisch nennen, die sich aber so selten in echten keltischen Dingen findet“.

„Bauchredner mit Hörschaden“

Was hat Tolkiens „Mittelerde“ mit der historischen Epoche zu tun? Viel, sagt der in Zürich lehrende Österreicher Valentin Groebner. Solche Inszenierungen seien genau das „wirkungsmächtige Mittelalter, das uns umgibt“. Trotzdem, klagt er, sei die Beschäftigung mit populären Mittelalterbildern in der Forschung immer noch anrüchig. Kollegen würden sich lieber mit dem „echten“ Mittelalter beschäftigen. Dabei sei die Geschichte der Mediävistik selbst eine Abfolge von sehr gegenwartsabhängigen Geschichtsbildern – und gerade bei den politisch und gesellschaftlich wirksamsten seien die Historiker nicht unbedingt sehr exakt vorgegangen. Mediävisten gleichen für ihn „gelegentlich Bauchrednern mit jener Art von Hörschaden, dass sie das, was sie selbst sagen, für die Stimme der Quellen aus der Vergangenheit halten“.

Provokant und unterhaltsam ist sein Buch „Das Mittelalter hört nicht auf“, ein ungeduldiger Versuch, seine Zunft wachzurütteln. „Ich kann die Vorstellung, dass die Geschichte der ottonischen Urkunden aus sich selbst heraus interessant sei, nicht teilen“, schreibt er. Geschichte sei Material für Wunscherfüllungen, die Gegenwart alleinige Quelle für historische Imaginationen.

Und als Wunschmaschine funktioniert das Mittelalter wie vielleicht nur die Römerzeit. Die Unterhaltungsindustrie weiß das am besten, der Mittelalter-Roman ist ein krisenfestes Genre. Einige der erfolgreichsten Hollywood-Filme der letzten Jahre, wie Ridley Scotts Kreuzzugs-Epos Königreich der Himmel oder die dreiteilige Verfilmung von Herr der Ringe nähren sich von Mittelalterfantasien, vor allem aber gehören Computerspiele mit Schwertkampf, Burgen und alten Handwerkskünsten zu den erfolgreichsten weltweit.


Der Erfinder des „dunklen“ Mittelalters

Bis die „Siedler“, „World of Warcraft“ oder „Die Gilde“ spielende Generation nicht mehr nur die Seminare, sondern auch Lehrstühle besetzt, wird es freilich noch einige Jahre dauern, Groebner, Jahrgang 1962, gehört noch nicht dazu, und so reicht sein unterhaltsamer Streifzug durch die Mittelalterbilder der abendländischen Geschichte im Wesentlichen nur bis zu den Siebzigerjahren (als das Mittelalter bei den Linken zum Symbol für aufmüpfige Andersheit wurde, Feministinnen sich als Beginen verkleideten, das Mittelalter plötzlich nur noch aus Randgruppen, weisen Hebammen, rebellischen Frauen und Volkskulturen bestand und „urwüchsige“ Traditionen wie Fasnacht – die in Wahrheit auch nur Erfindungen und Neuinszenierungen des 19.Jahrhunderts gewesen seien). Die Erfindung des Mittelalters beginnt für Groebner in der Renaissance mit dem Dichter Francesco Petrarca, er prägt das Bild von der schmutzigen, unwissenden „mittleren Zeit“ zwischen der Antike und deren Wiederentdeckung. Dabei habe Petrarca zugleich die Schriften dieser „unwissenden“ Zeit ungeniert plagiiert, merkt Groebner an, auch der Begriff Mittelalter – „medium tempus“ – sei nicht seine Erfindung, er finde sich schon im 13.Jahrhundert bei Bonaventura.

„Wir sind lange genug in Finsternis verfaulet und verdorben“ – auch für Martin Luther ist das Mittelalter ein Feindbild, ein Synonym schändlicher Kirchenherrschaft. Aufklärer des 18.Jahrhunderts halten die Kritik an der „barbarischen Zeit“ aufrecht, gleichzeitig aber keimt zum ersten Mal ein positives Mittelalterbild auf: In diesem publikumswirksamen „romantisch-erotisch-sentimentalen Themenpark“ wird die neue Gefühlskultur der Empfindsamkeit auf tapfere Ritter, rotwangige Prinzessinnen und entflammte Dichter gestülpt. Selbst Voltaire, Mittelalterkritiker par excellence, denkt nebenbei ökonomisch und verfasst eine mittelalterliche Ritterromanze („Tancrède“). Derweil baut Horace Walpole, Sohn des ersten englischen Premierministers, sein Landhaus „Strawberry Hill“ in ein pittoreskes gotisches Schloss um und löst mit seinem Schauerroman „Das Schloss von Otranto“ einen Boom verzaubert-düsterer Mittelalterinszenierungen aus: die „gothic novels“, deren berühmtester Mary Shelleys „Frankenstein“ wird.


Islam als „mittelalterliche“ Kultur

Dieses romantisch-sentimentale Bild wirkt bis heute. Das (national-)politische Mittelalterbild des 19.Jahrhunderts dagegen, als verklärte politisch-religiöse Gegenwelt und wiederherzustellende „Vorzukunft“, ist inzwischen fast völlig verblasst. Für Groebner mit ein Grund für die „tiefe Krise“ der Mediävistik – die Zeit der positiven politischen Inanspruchnahme des Mittelalters im Westen sei vorbei. Dafür aber ist eine andere Form von Inanspruchnahme aufgetaucht, nach dem Muster „Das Mittelalter, das sind die anderen“: in der Vorstellung von der angeblich „mittelalterlichen“ Kultur des Islam, der, wie der Historiker Dan Diner in seinem Buch „Die versiegelte Zeit“ erklärt, die Zeit von Renaissance bis Aufklärung fehle. Ein alter Topos, er erinnert an Francis Bacon, der von den Wilden in Übersee sagte, sie befänden sich noch in einer archaischen Antike.

Auch mit diesem populären Geschichtsbild habe sich die Mediävistik noch kaum auseinandergesetzt, kritisiert Groebner. Ebenso wenig habe sie bisher ernsthaft die christlich-abendländischen Grenzen überschritten. Das bestätigen auch Kollegen, die der Autor interviewt hat. Wer auswärtiges Mittelalter mache, werde in der eigenen Disziplin „nicht unbedingt wahrgenommen“, heißt es da, Arabisten und Mediävisten würden noch nicht ansatzweise zusammenarbeiten, und der zukünftige Mediävist sollte am besten Byzantinist, Judaist, Islamwissenschaftler sein.

Raus aus dem Orchideeenfach, könnte Groebners Fazit lauten – allein schon dem eigenen Wohlbefinden zuliebe: „Mein Gefühl von Verlegenheit, meine Niedergeschlagenheit auf Tagungen und auf den langen leeren Fluren von Universitätsinstituten, mit dem ich begonnen habe, ist vorbei. Ich lerne jetzt Türkisch.“

EUROPA: 500–1500 n. Chr.

Der Begriff Mittelalter (medium aevum) bezieht sich auf Europas Geschichte in den tausend Jahren zwischen Antike und Neuzeit. Humanisten prägten ihn in Italien im 14.Jh. Im Mittelalter sprach man noch vom christlichen Zeitalter (aetas christiana).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.03.2008)

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