Für das Internet geschaffen, für die Ewigkeit erhalten?

Online-Literatur soll nicht in den Tiefen des Internets verschwinden.

(c) AP

Die Zeilen, die Sie soeben lesen, werden der Nachwelt erhalten bleiben. Das ist bei einem Printmedium leicht vorstellbar: Wozu gibt es denn Archive in jeder Redaktion? Auch wenn Sie gerade den Text am Computer-Bildschirm überfliegen, ist klar, dass neben dem digitalen Online-Archiv auch Exemplare der Printausgabe im Archiv abgelegt werden. Nun leben wir aber im Zeitalter des Internets, und es ist nicht mehr Papier allein, das geduldig sein darf, sondern es gibt immer mehr Texte, die ausschließlich im Internet kursieren. Auch die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek bedient sich des Internets als Publikationsmedium: Ihr soeben fertig gestellter Roman „Neid“ wird im WWW veröffentlicht. Er soll nie als Buch erscheinen.

„Es ist einleuchtend, dass zeitgenössische, im Internet publizierte Literatur ebenso erhaltenswert ist wie die vorab in Stein gemeißelten, auf Höhlenwände gemalten und auf Papier geschriebenen Schriftdokumente“, beschreibt Renate Giacomuzzi die Notwendigkeit der Archivierung von „born digital“ Dokumenten. So nennt man digital entstandene Werke, die, wenn der Urheber diese aus dem Netz nimmt, für immer verloren sein könnten – im Gegensatz zu digitalisierten Werken, die als ins Netz gestellte Printmedien ohnehin ihre Archivierung erfahren.

Darum startete die EU eine Initiative „Digitale Bibliotheken“ mit dem Ziel, Online-Literatursammlungen über eine „European Library“ zugänglich zu machen. Das einzige österreichische Projekt, das sich ausschließlich mit Online-Literatur-Magazinen wissenschaftlich auseinandersetzt, ist das vom FWF geförderte Projekt „Dilimag“ (Digitale Literatur Magazine), das vom Innsbrucker Zeitungsarchiv (IZA, Leitung Stefan Neuhaus) an der Universität Innsbruck und von der Abteilung für Digitalisierung und elektronische Archivierung der Universitäts- und Landesbibliothek Tirol betrieben wird. „Nachdem das IZA seit 1960 die größte universitäre Sammlung von journalistischen Medien und Literaturkritiken des deutschsprachigen Raumes bietet, erscheint es nur logisch, die Sammlung auf den reinen Online-Bereich zu erweitern“, meint Giacomuzzi, die für die Durchführung von Dilimag hauptverantwortlich ist. Sie selbst hat den Übergang von analogen zu digitalen Medien intensiv miterlebt, da sie von 1986 bis 2005 in Japan lebte und dort von der Faszination von Computer und Internet erfasst wurde. Zurück in Österreich startete die Literaturwissenschaftlerin die Initiative, ein Abbild des aktuellen Literaturbetriebs im Internet festzuhalten. „Ich selbst bin kein Computergenie“, gesteht Giacomuzzi und hebt die technische Versiertheit ihrer Mitarbeiter hervor, die mit den Langzeitarchivierungsprogrammen tagtäglich arbeiten und diese für den deutschen Sprachraum adaptieren.


Crawler: Digitale Erntemaschinen

Derartige Programme nennt man „Webcrawler“ bzw. „Harvester“ (Erntemaschine), die automatisch das World Wide Web durchsuchen und die Archivierung der Literatur vornehmen. „Die sogenannten Spiegelungen, also Kopien der Websites, müssen möglichst originalgetreu abgebildet werden – inklusive multimedialer Einspielungen.“ Die Schwierigkeit liegt darin, aus der immer größer werdenden Masse an Publikationen die wichtigen herauszufiltern. „Wir gehen danach, wie oft eine Website von anderen erwähnt wird und wie viel Content sie hat.“ Derzeit sind um die 100 Literaturmagazine erfasst, vom einfachen Literatur-Blog bis zum deklarierten e-Magazin. Bis Projektende sollen es doppelt so viele werden. „Auf den Homepages steht ja nicht drauf: ,Literaturmagazin'. Darum ist es eine wissenschaftliche Frage, was alles in die Kategorie fällt.“ Derzeit laufen die Arbeiten hinter verschlossenen Türen, doch mit Projektende 2010 wird das gesammelte Archiv der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

ONLINE LITERATUR

„Born digital“ nennt man Dokumente, die digital erstellt wurden und so gespeichert sind. Nimmt sie der Urheber aus dem Netz, wären sie für immer verschwunden. Dagegen arbeitet das Projekt „Dilimag“, das wichtige Online-Literatur aus der Masse an Publikationen herausfiltert und deren Langzeitarchivierung übernimmt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.05.2008)

Kommentar zu Artikel:

Für das Internet geschaffen, für die Ewigkeit erhalten?

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen