Kurzzeit-Gedächtnis zählt nur bis Drei

Psychologie. Menschen haben immer nur drei Dinge parat. Aber schon Kleinkinder kennen Tricks, mit denen wir unserem Gedächtnis nachhelfen.

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(c) AP (Eckehard Schulz)

Was können Sie sich leichter merken: ARDZDFORF, oder: ARD, ZDF, ORF? Die Frage ist rhetorisch, wir zerlegen Erinnerungswertes in Häppchen, wir tun es auch bei Telefonnummern etc. so. Denn mit unserem Arbeitsgedächtnis ist es nicht weit her, wir haben immer nur drei Dinge parat, aber wir merken es nicht, weil wir uns mit Tricks wie dem Zerlegen und/oder Einordnen in andere Zusammenhänge helfen. Aber es sind nur drei, wie bei ganz kleinen Kindern. Wenn sie größer werden, fünf Jahre, dann verraten wir ihnen unsere Tricks, sie können sie bald auch.

Aber wenn sie kleiner sind? Dann beherrschen sie sie auch, ganz von alleine, Lisa Feigenson (Johns Hopkins, Baltimore) hat ein feines Experiment erdacht: Sie hat 14 Monate alten Kindern Spielzeuge gezeigt – vier Stück – und dann in eine Schachtel gesteckt, die Kinder durften sie herausholen. Manchmal waren wirklich alle vier in der Schachtel, manchmal nur zwei, die anderen hatte die Forscherin heimlich entfernt. Dann sah sie zu, wie lange die Kinder in der Schachtel suchten: Falls, so die Hypothese, falls die Kinder nur zwei Spielzeuge finden, werden sie länger nach (den) anderen suchen – sofern sie sich erinnern, dass es vier waren.

In der ersten Runde des Spiels gab es zwei Stoffkatzen und zwei Spielzeugautos. Fanden die Kinder in der Schachtel zwei Katzen – aber keine Autos und vice versa –, waren sie damit zufrieden. Fanden sie hingegen eine Katze und ein Auto, suchten sie lange, sie erinnerten sich, dass etwas fehlte. In der nächsten Runden kamen nur Katzen oder Autos (vier oder zwei) in die Schachtel. Waren es nur zwei, fiel es den Kindern nicht auf. Sie haben offenbar ein Konzept für unterschiedliche Gestalten, das hilft ihrem Gedächtnis über die 3er-Hürde.

Ist es ein Konzept? Oder liegt es einfach an der Wahrnehmung? Im dritten Test gab es nur rote Bälle, aber Feigenson kennzeichnete sie semantisch, mit Fantasienamen. Sie zeigte auf jeden Ball und sagte: „Schau, ein Dax!“, „Schau, ein Blicket!“ Oder sie sagte: „Schau auf dies!“ „Schau auf das!“ Letzteres half nichts, aber die Kategorien halfen.

Zerlegen und einordnen


Und die der Gliederung des Raums tat es auch: Diesmal gab es sechs rote Bälle, die entweder in einer 6er-Gruppe oder in drei 2er-Gruppen präsentiert wurden, räumlich klar getrennt. Da suchten die Kinder: „Kinder können verschiedene Informationsquellen nutzen – Form, Begriffe, Raum –, um die Zahl der erinnerten Dinge zu erhöhen“, schließt die Forscherin: „Die Restrukturierung des Gedächtnisses ist eine frühe Lösung für das Problem des Einlagerns großer Informationsmengen auf beschränktem Speicherraum“ (Pnas, 14. 7.).

Aber ist das wirklich das Gleiche wie unsere Zerlegung in ARD, ZDF, ORF? Das ist nicht ganz klar, es gibt verschiedene Definitionen der „Häppchen“: Manche fordern klare Begriffsverbindungen (ORF? Das ist das mit der Thurnher!), andere einfach räumliche oder zeitliche Zuordnungen (ich z. B. sage Telefonnummern rhythmisch auf). Die nächste Spielrunde soll es klären.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.07.2008)

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