Medizin: Heilsamer Giftgestank

Mit Schwefelwasserstoff reguliert der Körper den Blutdruck.

Wenn es nach faulen Eiern riecht, dann rümpfen wir die Nase und schauen, dass wir wegkommen, der Geruch meint es ernst, sein Verursacher ist höchst gefährlich, viele sind an ihm schon gestorben, auf Ölfeldern, in Jauchegruben: Schwefelwasserstoff, H2S. Ausgerechnet dieses Gift haben wir im Körper, nicht nur periodisch im Gedärm, wo es von Bakterien erzeugt wird. Sondern auch andernorts: Im Gehirn hat man es früher schon gefunden, dort dient es als Neuromodulator, der Nervenverbindungen stärkt (man weiß nicht genau wie). Und nun zeigt es sich auch in Blutgefäßen, dort ist es ein Signalstoff.


„Gasotransmitter“

Aber eben kein fester chemischer wie ein Neurotransmitter, sondern ein gasförmiger, ein „Gasotransmitter“. Das macht seine Beobachtung bzw. Analyse schwierig: „Wenn eine Nervenzelle feuert, setzt sie Neurotransmitter frei, sie hat immer einen Vorrat davon“, erklärt Solomon Snyder (Johns Hopkins): „Aber Gase diffundieren, man kann sie nicht auf Vorrat halten. Sie müssen bei Bedarf immer erst enzymatisch erzeugt werden.“ Snyder weiß, wovon er spricht, er hat 1990 die Produktion eines anderen Gasotransmitters geklärt, die von Stickstoffmonoxid (NO). Auch das ist ein Gift, aber der Körper nutzt es zur Senkung des Blutdrucks bzw. zur Erweiterung von Blutgefäßen, medizinisch wird das u.a. in „Viagra“ genutzt.

Das Gleiche tut offenbar auch H2S, zumindest bei Mäusen, ein Team um Snyder und Rui Wang (Saskatchewan) hat es gezeigt: Die Forscher haben das Gen ausgeschaltet, das für jenes Enzym zuständig ist, das in den Wänden der Blutgefäße H2S produziert. Die Folgen waren drastisch: Der Blutdruck schnellte hoch, er ließ sich mit Medikamenten nicht beeinflussen. „Zur Blutdrucksenkung ist Schwefelwasserstoff so wichtig wie Stickstoffmonoxid“, erklärt Snyder, der in dem Doppelpack ein Zeichen dafür sieht, wie wichtig für den Körper die Feinsteuerung des Blutdrucks ist. „Man kann die Bedeutung des Schwefelwasserstoffs gar nicht überschätzen“, ergänzt Wang: „Die meisten Krankheiten des Menschen haben vermutlich mit ihm und den anderen Gasotransmittern zu tun“ (Science, 322, S.587). jl

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.10.2008)

Kommentar zu Artikel:

Medizin: Heilsamer Giftgestank

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen