Claude Lévi-Strauß: Auf der Spur des nackten Menschen

Claude Lévi-Strauß ist 100. Der große Ethnologe rehabilitierte das "primitive" Denken und trug dazu bei, den Europäer von seinem Überlegenheitswahn gegenüber dem Rest der Welt zu kurieren.

Claude Lévi-Strauß
Claude Lévi-Strauß
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Levi Strauss und Lévi-Strauss – die zufällige phonetische Ähnlichkeit ist direkt perfide, eine so gegensätzliche Symbolik steckt in diesen beiden Namen: Hier der deutsch-amerikanische Erfinder der Jeans, altes Paradesymbol für die alle Unterschiede zermalmende Globalisierung, die imperialistische Wucherung der westlichen Kultur, dort der französische Ethnologe und Anthropologe, der fast ein Jahrhundert nach der Geburt der legendären blauen Hosen der westlichen Kultur vorwirft, mit ihrem kolonialistischen Zerstörungszug, dieser „Todsünde des Westens“, „zwanzigtausend Jahre Geschichte verspielt“ zu haben.

„Nie wieder werden uns die Reisen, Zaubertruhen voll traumhafter Versprechen, ihre Schätze unberührt enthüllen. Eine wuchernde, überreizte Zivilisation stört für immer die Stille der Meere“, schrieb er in seinem ersten großen Werk, „Traurige Tropen“, die von seinen Expeditionsreisen ins Innere Brasiliens erzählen. Reisen würden nur noch den „Schmutz, mit dem wir das Antlitz der Menschheit besudelt haben“, zeigen. „Die Zivilisation ist nicht länger jene zarte Blüte, die man umhegte und mit großer Mühe an einigen geschützten Winkeln eines Erdreichs züchtete...Heute findet sich die Menschheit mit der Monokultur ab. Sie schickt sich an, die Zivilisation in Massen zu erzeugen wie Zuckerrüben. Und bald werden diese auch ihre einzige Nahrung sein.“

 

„Ich verabscheue Forschungsreisende“

Nicht nur seine ethnologischen Forschungen und großen Theorien, nicht nur die Mode des Strukturalismus, zu dessen Vätern er (gegen seinen Willen) gezählt wurde, haben Claude Lévi-Strauss zur kulturellen Ikone mindestens einer Generation werden lassen, sondern auch seine Rolle als Galionsfigur der Kolonialismus-, Zivilisations- und Fortschrittskritik. Nach Kopernikus, Darwin und Freud trug er auch ein Stückchen dazu bei, den Menschen von seinem privilegierten Platz im Universum zu stoßen – und den Europäer von seinem Überlegenheitswahn gegenüber dem Rest der Welt zu kurieren.

Genau ein Jahrhundert ist Claude Lévi-Strauss heute alt – fast ein halbes dauerte es, bis der Sohn eines Porträtmalers (und Urenkel eines Komponisten und Dirigenten des Ballorchesters unter König Louis-Philippe) öffentliche Aufmerksamkeit erregte – mit seinem Reisebericht „Traurige Tropen“. Er erzählt darin von seinen in den 1930er-Jahren unternommenen Expeditionen zu den eingeborenen Stämmen der Boróro, Nambikwara, Mundé und Tupí-Kawahib in Brasilien. Damals war er Gastprofessor in São Paulo – ein unbekannter Akademiker, der aus der Philosophie in die Ethnologie geflüchtet war.

Warum gerade Ethnologie? Ein Herr, der ein Buch mit dem Satz beginnt: „Ich verabscheue Reisen und Forschungsreisende“, der zugibt, dass es ihn nie länger an einem Platz hält, der sich nur ungern unter fremde Völker mischt und Beobachtungen eher als notwendiges Übel als aus Passion betreibt – was ist das für ein Ethnologe? Das fragten sich auch viele Fachkollegen. Begeistert dagegen waren die Leser – „Traurige Tropen“ (auch heute noch wunderbar zu lesen) wurde ein ethnologischer Bestseller. Die Académie Française bedauerte sogar in einem Communiqué, das Buch nicht auszeichnen zu können, weil es kein Roman sei ...

Warum also ging Lévi-Strauss gerade in die Ethnologie? Aus Langeweile, sagte er einmal, es falle ihm schwer, sich zweimal auf denselben Gegenstand zu konzentrieren. Befriedigender ist eine andere Erklärung, ebenfalls von ihm selbst: „Wenn man den Menschen verstehen will, darf man sich nicht damit begnügen, eine einzige Gesellschaft zu erfassen oder ein paar Jahrhunderte der westlichen Welt.“ Ein dritter Grund: Grundlegende Strukturen von Kulturen und Gesellschaften könne man nur aus der Distanz erkennen und interpretieren.

 

Das Universelle hinter den Mythen

Und genau das war es, was den Philosophen zum Fremden, zu den „auf den einfachsten Ausdruck reduzierten Gesellschaften“ zog: Er wollte durch und hinter den Mythen und Bräuchen die allen Kulturen zugrundeliegenden „universellen“ Denkmuster finden, zum menschlichen Geist vordringen – sozusagen zum „nackten Menschen“ (so der Titel des vierten Bandes seiner „Mythologica“).

Das Mittel dazu fand er in der strukturalistischen Analyse, wie sie Roman Jakobson auf die Sprache angewandt hatte. Die bis heute für die Ethnologie bedeutendste Untersuchung Lévi-Strauss' erschien noch vor den „Traurigen Tropen“ – es war seine Dissertation über die „Elementarformen der Verwandtschaft“. Er zeigte, dass der Ehestiftung in allen Kulturen ein Grundmuster zugrunde liegt, nämlich ein Austausch der Ehepartner zwischen einzelnen Gruppen –, und leitete daraus eine neue Erklärung für das überall auf der Welt zu findende Inzesttabu ab: Dahinter steht Lévi-Strauss zufolge, simpel formuliert, die Überlegung: Warum soll ich meine Tochter heiraten, wenn ich sie als Tauschobjekt verwenden kann?

 

Mythen sind „verdichtetes Denken“

Dinge, Bräuche, Glaubensinhalte, Institutionen – in all diesen Gegenständen der Ethnologie sah Lévi-Strauss „verdichtetes Denken“. Am meisten aber faszinierten ihn die Mythen („zwanzig Jahre lang stand ich, trunken von Mythen, zur Morgendämmerung auf – ich lebte...in einer anderen Welt“). Geboren wurden dabei die vierbändigen „Mythologica“. Über 800 Geschichten mit tausend Varianten untersuchte er, zerlegte sie in ihre Grundelemente und stellte sie in einen gemeinsamen Interpretationsrahmen.

Damals, gegen Ende der 1960er-Jahre, galt er als der renommierteste Anthropologe, gleichzeitig als einer der wichtigsten Intellektuellen seiner Zeit. Und er machte nicht zuletzt deswegen Furore, weil er europäische Gewissheiten umstürzte. In „Das wilde Denken“ räumt er mit der Vorstellung der Kluft zwischen dem modernen und dem vorgeblich minderwertigen mythischen Denken der „primitiven“ Völker auf – dieses sei nicht weniger komplex, ja nicht weniger rational und überdies auch in den „hoch entwickelten“ Kulturen immer noch lebendig.

„Kein Vertreter des Faches vor ihm hat sich einen ähnlich breiten Fundus an ethnografischem Wissen angeeignet, keiner nach ihm hat einen ähnlich universalistischen Anspruch entwickelt“, schrieb der deutsche Ethnologe Karl-Heinz Kohl in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ über den heute Hundertjährigen. Sein Werk stelle „den Übergriff eines Philosophen in ein Fach dar, das sich seines immensen Reichtums bis dahin kaum bewusst war.“ Aber ist die Ethnologie nicht zum Aussterben verurteilt, gemeinsam mit den Unterschieden zwischen den Kulturen? Selbst der radikale Pessimist Claude Lévi-Strauss glaubt offenbar nicht ganz an die von ihm vielbeschworene totale zivilisatorische Monokultur: „Wer weiß, ob nicht in einer Menschheit, die in der großen Gefahr völliger Uniformisierung schwebt, neue Unterschiede in Erscheinung treten werden?“

Sie feierten ihren 100.

Elizabeth A.M.Bowes-Lyon, „Queen Mum“: 1900 bis 2002.

Hans-Georg Gadamer, Philosoph, Begründer der Hermeneutik: 1900 bis 2002.

Johannes Heesters,Operettenschauspieler und Sänger: geb. 1903.

Albert Hofmann, Schweizer Chemiker, Erfinder des LSD: 1906 bis 2008.

Ernst Jünger, deutscher Schriftsteller, Offizier und Käferexperte: 1895 bis 1998.

Ernst Mayr, deutscher Evolutionsbiologe, Ornithologe: 1904 bis 2005.

Oscar Niemeyer, Architekt, Planer der Stadt Brasilia: geb. 1907.

Leni Riefenstahl, deutsche Schauspielerin und Filmemacherin: 1897 bis 2000.

Margarete Schütte-Lihotzky, österreichische Architektin: 1897 bis 2000.

Leopold Vietoris, österreichischer Mathematiker: 1892 bis 2002.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.11.2008)

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