Börse: Goldman warnt vor überbewerteten Kursen

Die Anleger seien derzeit zu optimistisch, so Goldman Sachs. Zwar werden die Kurse weiter steigen. Aber langsamer als angenommen – und ohne fundamentalen Grund: Die Kurse seien schon jetzt „aus allen Blickwinkeln“ überbewertet.

(c) REUTERS (BRENDAN MCDERMID)

New York/Wien. Es war der Citi-Chef Chuck Prince, der 2007 die Weltmärkte mit einer Disco verglich. Und das billige Geld aus den Zentralbanken mit der Musik. „Solange die Musik spielt, musst du aufstehen und tanzen. Noch tanzen wir“, sagte er Anfang Juli 2007 in einem Interview mit der „Financial Times“. Knapp ein Jahr später kollabierte die Investmentbank Lehman Brothers. Die Musik hatte aufgehört zu spielen, die Kreditmärkte standen still, und die Weltwirtschaft kurz vor einem Kollaps.

Aber die Zentralbanken (und da allen voran die US-Notenbank Federal Reserve) reagierten schnell und entschlossen. Sie drehten die Musik lauter – viel lauter. Und bis heute dröhnt sie aus den Boxen. Bis heute pumpt die Fed 75 Mrd. Dollar pro Monat in die Märkte. Die eine Hälfte geht in Immobilienpapiere, um den Häusermarkt zu stützen. Die andere in US-Staatsanleihen – um den Staatsapparat am Laufen zu halten.

Von 85 auf 75 Mrd. pro Monat

Die Strategie geht auf – zumindest nominal. Der Dow Jones und andere wichtige Märkte markierten in den Folgejahren wieder Rekordwerte. Gegen Ende des Jahres 2013 sah die Lage der Wirtschaft wieder so stabil aus, dass die Fed ihr Stimulusprogramm ein klein wenig zurückfahren konnte – von 85 auf die genannten 75 Mrd. Dollar pro Monat.

Aber damit kehrt fünf Jahre nach der großen Krise auch wieder die Nervosität zurück an die Wall Street. Und inzwischen warnt auch die wahrscheinlich einflussreichste Wall-Street-Bank von allen vor einem Einbrechen der Börsen. „Die Kurse sind überbewertet“, so die Botschaft – ausgesandt von Goldmans Chefstrategen, David Kostin, am Wochenende. Der wichtige S  &  P-500-Index sei „aus allen Blickwinkeln erhaben bewertet“, schreibt Kostin in einem diplomatischen Ton. Weiterhin steigende Aktienkurse wären nur durch eine Erhöhung der Profite zu erreichen. Dass das Kurs-Gewinn-Verhältnis sich in naher Zukunft noch verbessern werde, glaubt Goldmans Analyst nicht.

Errechnet man das operative Ergebnis (Ebit) pro ausgegebener Aktie der US-Firmen im S  &  P 500, dann sei der Index sogar um 30 Prozent überbewertet. Montagmittag stand der S  &  P bei rund 1833 Punkten – nur knapp unter seinem Allzeithoch, das er mit rund 1849 Punkten ausgerechnet am letzten Tag des vergangenen Jahres erreicht hatte.

Die Goldman-Analysten gehen aber nicht von einem baldigen Einbruch der Kurse aus. Sie erwarten in den kommenden Jahren weitere „moderate Anstiege“. Im Jahr 2014 sehen sie den S  &  P 500 weiter klettern und erwarten, dass er Ende des Jahres bei rund 1900 steht – was quasi einer Seitwärtsbewegung entsprechen würde. Ende 2015 soll der Index dann bei 2100 Punkten stehen – und Ende 2016 bei 2200 Punkten – was einem Kurszuwachs von rund 20 Prozent in den nächsten drei Jahren entsprechen würde.

„Zeit des schnellen Reichtums ist vorbei“

Entgegen vielen anderen Analysten gehen die Experten von Goldman Sachs nicht davon aus, dass das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) weiter verbessert werden kann. Dieses wird aus dem Aktienkurs und dem Gewinn pro Aktie errechnet. Derzeit liegt das KGV bei fast 16. „Viele unserer Kunden gehen davon aus, dass das KGV sich weiter steigern lässt“, schreibt Goldman. In Prognosen ist oft von einem KGV von 17, 18 oder gar 20 die Rede.

Derartige Prognosen würden aber davon ausgehen, dass ein KGV von 15 den langfristigen Durchschnitt darstellen würde. „Aber dieser Eindruck ist falsch“, schreibt Goldman. Das durchschnittliche KGV sei in den vergangenen 35 Jahren bei lediglich 13 gelegen. Seit 1976 sei das KGV im S  &  P 500 lediglich während der Dotcom-Blase in den Jahren 1997 bis 2000 und während einer viermonatigen Phase in den Jahren 2003 bis 2004 über 17 gelegen. Selbst das derzeit als Prognosebasis angenommene zukünftige Gewinnverhältnis (dem die Gewinnerwartungen eines ausgesuchten Kreises an Analysten zugrunde gelegt werden) von 16 sei zu hoch, so Goldman. Seit die aktuelle Börsenralley im September 2011 begonnen habe, sei das KGV von 10,6 auf aktuell 15,9 angestiegen: „Eine Ausweitung von 50 Prozent.“

Und Golman ist mit seiner Ansicht, die Börsen seien bereits überbewertet, nicht allein. Auch JP Morgan stellte zuletzt fest, dass US-Aktien auf Basis des erwarteten KGV heute teurer sind als im Oktober 2007 – also kurz vor Beginn der großen Krise.

Und Bill Cross, Chef des weltgrößten Anleiheninvestors, Pimco, und allgemein als „Bond König“ bekannt, twitterte gegen Ende vergangener Woche: „Das Zeitalter des schnellen Reichtums ist vorbei. Und das Zeitalter des langsamen Reichtums ist – ziemlich sicher – auch vorbei.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.01.2014)

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