„Weil wir die USA finanzierten, haben wir jetzt den Krach“

Ökonom Erich Streissler sagt der US-Wirtschaft zehn magere Jahre voraus. Der Wert des Dollar werde gegenüber dem Euro die Hälfte seines Wertes verlieren. Bush hält er für genial.

Die Presse: Sie haben auf den Tag genau vor fünf Jahren in der "Presse" eine Weltwirtschaftskrise vorausgesagt. Trifft Ihre Weissagung nun ein?

Erich Streissler: Diese Krise wurde von der amerikanischen Politik lange hinausgeschoben. Und die große Frage ist: endgültig hinausgeschoben oder nur verschoben?

 

Ihrer Meinung nach hätte diese Krise also schon viel früher kommen müssen?

Streissler: Nach 9/11 hat US-Präsident Bush politisch genial gehandelt. Er hat dem amerikanischen Konsumenten gesagt: "Nationale Pflicht ist nunmehr: ausgeben wie wild." Die Amerikaner haben gegenwärtig im privaten Bereich eine Sparquote von minus ein Prozent. Wir liegen zwischen zehn und elf Prozent.

 

Es wurde also mehr ausgegeben, als im Geldbörsel ist...

Streissler: Außerdem hat Bush die anfänglich wirtschaftlich erfolgreiche Strategie von Adolf Hitler angewendet und ein paar kleine Kriege begonnen. Den erfolgreichsten Krieg hat übrigens Präsident Reagan geführt. Er hat aufgerüstet. Die Russen haben aufgegeben. Der erfolgreichste Wirtschaftskrieg - ohne einen Schuss.

 

In Afghanistan und im Irak sind aber ein paar Schüsse gefallen . . .

Streissler: Und schwierig wird es ja erst richtig, wenn man Besatzungstruppen braucht. Hitler hat ja auch erst Schwierigkeiten bekommen, als er Frankreich besetzen musste.

Kehren wir zurück ins Amerika der Gegenwart. Dort bahnt sich eine gefährliche Finanzkrise an. Wo liegen die Wurzeln?

Streissler: Wie bereits angesprochen, liegt es daran, dass Amerika "entspart". Und dann muss man sich vor Augen halten: Das reichste Land der Welt wird von armen bis mittelreichen Ländern finanziert.

 

Ein Prozess, der langfristig nicht gut gehen kann?

Streissler: Genau das sage ich. Es geht sicher nicht ewig gut.

 

Wann kommt es zum Kollaps?

Streissler: Eine solche Aussage kann man nicht machen. Die richtige Aussage ist: Es gibt gewisse Wahrscheinlichkeiten. Ich würde aber die Wahrscheinlichkeit einer Weltwirtschaftskrise heute als geringer als noch vor fünf Jahren bezeichnen.

 

Was ist dann Ihrer Meinung nach eher zu erwarten?

Streissler: Sehr wahrscheinlich droht Amerika das gleiche Schicksal wie Japan. Japan ist Anfang der 90er-Jahre in eine Krise gegangen, in der es übrigens 15 Jahre drinnen war. Und nun sehe ich auf Amerika eine sehr lange Stagnationsphase zukommen.

Eine Weltwirtschaftskrise ist Ihrer Meinung nach also nicht mehr so wahrscheinlich?

Streissler: Ob es sogar zu einem Zusammenbruch kommen wird, hängt davon ab, wie sehr die Leute hysterisch werden. Und es kommt noch ein Problem hinzu, das ich erst in den letzten Tagen erkannt habe. Normalerweise müsste der Dollar bei einer Finanzkrise abwerten. Aber was geschieht? Er wertet kaum ab. Der Dollar ist in den letzten Tagen sogar etwas stärker geworden.

 

Warum?

Streissler: Weil die Amerikaner sich im Ausland finanzieren. Noch nie hat ein führendes Land hauptsächlich Kredite im Ausland aufgenommen. Und da wir die Amerikaner finanziert haben, haben auch wir jetzt den Krach.

 

Kann es also sein, dass die Amerikaner von ihrer eigenen Krise weniger betroffen sind als wir Europäer?

Streissler: Es wird schon auch dort einen Schaden geben. Aber es sieht danach aus, dass es auch bei uns sehr großen Schaden geben wird.

 

Welche Gefahr birgt nun die US-Immobilien Krise für Europa?

Streissler: Um dies zu erklären, müssen wir in die 20er-Jahre zurück. Im Oktober 1929 begann der Aktien-Crash in den USA. Und es dauerte zwei Jahre, bis sich das zu einer Bankenkrise ausgewachsen hat. Apropos: Was ist der berühmte Fall?

 

Die Creditanstalt . . .

Steissler: Na eben, das weiß ein jeder. Und was lernen wir daraus? Eine erhebliche Rezession ersteht erst, wenn es zu erheblichen Bank-Crashs kommt. Wenn das nicht eintritt, wird Amerika ein Jahrzehnt lang ein außerordentlich schwaches Wachstum ausweisen. Schwächer als Europa.

 

Aber dann wäre es für die USA doch eine gute Strategie gewesen, wenn die Hochkonjunktur auf Pump nur in eine Stagnation führt . . .

Streissler: Vor allem eine gute Strategie für Bush. Das hat er genial gemacht. Und der Notenbankpräsident Greenspan hat mitgemacht. Aber: Weder Bush noch Greenspan haben jemals auf die Auslandswirkung geschaut.

 

Das war also amerikanischer Wirtschaftsegoismus . . .

Streissler: Genau, das wollte ich gerade sagen. "Das Ausland hat alles Gute für uns zu machen", lautete die Devise. Im Übrigen hat die EZB die ideal komplementäre Strategie für Amerika gehabt. Die USA haben das Geld zur Beschäftigungspolitik verwendet. Das ist Keynesianismus. Reagan war der erfolgreichste Keynesianer, den es gab. Auf der anderen Seite achteten die Europäer nur auf die Inflationspolitik. Und weil wir hier so übervorsichtig sind, fließt das ganze Geld nach Amerika.

 

Ob die Immobilienkrise in den USA sich nun zu einer weltweiten Krise auswachsen wird, hängt auch von den Ängsten der Anleger ab . . .

Streissler: Wie hysterisch die Leute werden, das kann man nicht sagen. Ich hab' da irgendwo einen wunderschönen Kommentar im Internet gelesen. Da meinte einer: "Nur weil die Kreditinstitute zu viel Geld an die Heuschrecken ausleihen, zahlen jetzt die kleinen Kreditnehmer die Zeche - und verlieren auch noch dabei eventuell ihren Arbeitsplatz." Der hat vollkommen Recht.

 

Wenn Sie weitere fünf Jahre in die Zukunft blicken. Was sehen Sie da?

Streissler: Ich möchte lieber zehn Jahre vorgreifen: Weil da bin ich mir sicher, dass der Dollar langfristig zum Euro abwerten wird.

 

Mehr als er ohnehin schon hat?

Streissler: Aber weit mehr! 2,5 Dollar zu einem Euro.

 

Das hieße, dass sich der Wert des Dollars halbieren würde?

Streissler: Aber natürlich.

 

Das wäre ja für Exportnationen wie Deutschland, aber auch für Österreich eine Katastrophe.

Streissler: Das ist ja das Problem. In den 30er-Jahren haben die Amerikaner am meisten verloren und die Europäer weniger. Damals waren die Amerikaner die Geldgeber. Diesmal sind es die Europäer.

 

Weil in einer Krise der Geldgeber immer den Kürzeren zieht . . .

Streissler: Natürlich. Und wir sind die Geldgeber.

 

Das hört sich apokalyptisch an. Gibt es keinen Notausgang?

Streissler: Apokalyptisch wird es erst, wenn es zu einer Bankenkrise kommt.

 

Was müsste passieren, dass es zu dieser Bankenkrise kommt?

Streissler: Die Banken hängen sehr stark von anderen Banken ab. Deshalb beunruhigt mich jetzt auch, dass die EZB, die dieses Dilemma sehr gut kennt, rund 95 Milliarden Euro in den Kapitalmarkt steckt. Die EZB hat ... also ich möcht' jetzt nicht deutlicher werden, was die alles in den Hosen hat.

 

Sie meinen, das stinkt ein wenig?

Streissler: Natürlich.

 

Und irgendwo in Amerika sitzt ein gewisser Alan Greenspan – und ist aus dem Schneider.

Streissler: Der ist weg. Jetzt ist Bernanke Fed-Chef. Und ihn halte ich für viel unkundiger als den Greenspan. Greenspan ist Bankbetriebswirt, Bernanke ist ein Ökonom. Und Ökonomen sind dumm.

ÖKONOM MIT ECKEN UND KANTEN

Erich Streissler (74) gilt als einer der bekanntesten Ökonomen Österreichs. Der emeritierte Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Wien ist ein Wissenschafter, der sich nie im akademischen Elfenbeinturm versteckte, sondern seine – oft kontroversielle – Meinung stets offen kundtat. Vor genau fünf

Jahren prognostizierte er beispielsweise der US-Wirtschaft in einem Artikel im „Spectrum“ eine langwierige Rezessionsphase.

Der Ökonom ist verheiratet und hat vier Kinder. Er promovierte 1955 in Wien zum Dr. jur., wurde 1956 akademisch geprüfter Statistiker und studierte auch Mathematik, Geschichte sowie Psychologie.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2007)

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