Gründer aus dem Ausland: Neue Firma, neue Heimat

Eine Fahrrad-App aus London, ein Gemeinschaftsbüro aus Ungarn–ausländische Start-upsmuss man in Wien noch mit der Lupe suchen. Aber es gibt sie.

Diana Radulovski kommt aus Bulgarien. Sie findet, man solle auch Bürgern aus Nicht-EU-Ländern eine Chance zum Gründen geben.
Diana Radulovski kommt aus Bulgarien. Sie findet, man solle auch Bürgern aus Nicht-EU-Ländern eine Chance zum Gründen geben.
Diana Radulovski kommt aus Bulgarien. Sie findet, man solle auch Bürgern aus Nicht-EU-Ländern eine Chance zum Gründen geben. – Die Presse

London, Paris, Berlin. Das sind die europäischen Städte, die als Start-up-Magneten gelten und die es auch in internationalen Standort-Rankings unter die ersten 20 schaffen. Wien hingegen hat die internationale Gründerszene noch nicht wirklich auf dem Radar, obwohl einzelne Initiativen, wie etwa das Pioneers-Festival, schon internationale Strahlkraft haben.

Vereinzelt findet man sie aber auch in Wien, die innovativen Gründer aus dem Ausland. Auch wenn sie auf den ersten Blick gar nicht so ausländisch scheinen. Franz Salzmann zum Beispiel ist, was seine Herkunft betrifft, gar nicht eindeutig zuordenbar. Seine Eltern sind Ungarn, aufgewachsen ist er in Österreich, studiert hat er in England und dort hat er auch das Start-up Lock8 gegründet, das elektronische, per App steuerbare Fahrradschlösser herstellt. Seine Geschäftsidee entsprang einem persönlichen Problem. „In Oxford, wo ich studiert habe, wurden maßlos oft Räder gestohlen. Da habe ich mit einem Studienkollegen begonnen, an einem elektronischen Fahrradschloss zu arbeiten.“ Das Schloss, das das Start-up mittlerweile in rund 20 Ländern vertreibt, benötigt weder Schlüssel noch Zahlenschloss, hat einen integrierten Alarm, der auf verschiedenste Diebstahlsituationen reagiert – von der Attacke mit dem Lötkolben (Temperatursensoren) bis zu weniger elaborierten Angriffen mit Zange oder Säge. Und es verfügt über ein GPS-Ortungssystem. Wenn das Rad also trotz allem gestohlen wird, kann man es immer noch ausfindig machen – ein praktisches Feature auch dann, wenn man selbst vergessen hat, wo man das Rad zuletzt abgestellt hat.


Privater Fahrradverleih.
„Richtig durch die Decke gegangen ist unser Produkt aber erst durch ein weiteres Feature unserer App, dem Renting und Sharing“, erzählt Salzmann. Dieses Feature ermöglicht es Privatpersonen, ohne große Investitionen einen Fahrradverleih zu betreiben. „Es braucht keine Dockingstations, für die man komplizierte Zulassungen beantragen muss, und keine Schlüssel“, sagt Salzmann. Dieses Feature sei aber nicht nur für Privatpersonen interessant, die sich damit ein Taschengeld verdienen wollen, sondern auch für Hotels oder ganze Tourismusregionen. In Österreich sieht er für sein Produkt viel Potenzial. Die Entscheidung, selbst nach Österreich zurückzukommen, war aber keine geschäftliche, sondern eine persönliche: „Ich bin kulturell gebunden, meine Familie ist in Österreich.“ Salzmann baut jetzt in Wien den Vertrieb für Lock8 auf und sucht Mitarbeiter, die sich ums Marketing und Business Development kümmern. Als Unternehmensstandort hält er Wien für nicht so ideal. „Gründen in Wien hat keinen Kostenvorteil. Das größte Problem sind die hohen Lohnnebenkosten.“


Flexible Generation.
Für den Standort sieht Salzmann nicht nur das Problem, dass Wien keine ausländischen Start-ups anzieht. Er sieht auch die Gefahr, dass die Leute mit den innovativen Ideen zum Gründen ins Ausland gehen. „Unsere Generation ist so flexibel, die geht einfach weg. Ein Unternehmen sucht sich den besten Standort, egal, wo der ist.“ Als Vorteil an Wien sieht Salzmann die Nähe zu Osteuropa: „Da gibt es viel bessere Programmierer. In Österreich sind sich viele zu gut, die studieren lieber Management und Business.“ Andererseits zeigt gerade ein Start-up wie Lock8, dessen primäre Dienstleistung die Software ist, dass es die physische Nähe zu Osteuropa nicht unbedingt braucht, um dort Arbeitskräfte zu rekrutieren. Obwohl der Sitz des Unternehmens in London ist, hat Lock8 die ganze Entwicklung von Anfang an ausgelagert. „Unsere Entwickler sitzen in Rumänien und Indien“, sagt Salzmann.

Aus Osteuropa nach Wien gekommen ist Diana Radulovski. Die gebürtige Bulgarin betreibt in Österreich das Onlineportal Versichern 24, auf dem verschiedene Versicherungsangebote verglichen werden können. Radulovski hat in Bulgarien angewandte Sprachwissenschaften studiert und wollte „immer schon in ein deutschsprachiges Land“. Nach einem Auslandssemester in Klagenfurt hat sie sich für Österreich entschieden. „Als ich 2007 nach Wien gekommen bin, war ich noch vom beschränkten Zugang zum Arbeitsmarkt für Bulgaren betroffen. Die einzige Möglichkeit, legal etwas zu verdienen, war, ein Gewerbe anzumelden.“ Also machte sie sich mit einer Agentur für Onlinemarketing und Websitegestaltung selbstständig. In der Anfangsphase traf sie ihren späteren Mann, der ins Unternehmen einstieg. „Ich war für die finanziellen Aspekte zuständig, er für die Technik und Kundenberatung.“ Bald kam ihnen aber die Idee, selbst ein Start-up zu gründen, statt andere zu beraten, und sie starteten das in Österreich erste Vergleichsportal für Versicherungen. Mittlerweile gibt es mehrere Konkurrenten, der größte ist Durchblicker.at.


Keine Förderungen. Finanziert haben die Radulovskis das aus eigener Kraft. „Wir haben zwar um Förderungen angesucht, aber keine bekommen. Damals gab es auch noch nicht so viele Programme wie heute und uns wurde gesagt, dass die Idee keine Innovation darstellt“, sagt Radulovski. Mittlerweile ist sie Chefin eines achtköpfigen Teams, auch bei ihnen sind die Entwickler und Designer outgesourced. „In Bulgarien haben wir eine technische Community, auf die wir zurückgreifen konnten. Das ist auch unser wichtigster Erfolgsfaktor – dass wir die Ressourcen zweier Länder verbinden können.“ Am Standort Wien schätzt sie den regen Austausch innerhalb der Gründerszene. Kritisch sieht sie, dass Unternehmer, die nicht aus der EU kommen, es so schwer haben, hierzulande zu gründen: „Wer mit einer tollen Idee nach Österreich kommt, sollte diese Schwierigkeiten nicht haben“, sagt Radulovski. In einigen Jahren kann sie sich vorstellen, mit ihrem Unternehmen nach Bulgarien zu expandieren. „Noch warten wir, bis sich der Markt weiter entwickelt. Wir haben genug Zeit zum Experimentieren.“

Den umgekehrten Weg – Gründen in der Heimat Ungarn und dann expandieren nach Österreich – hat Kata Klementz eingeschlagen. Sie hat 2009 in Budapest Loffice gegründet, ein Coworking- und Eventkonzept, das Selbstständigen nicht nur einen Arbeitsplatz, sondern auch eine umfassende Palette von Dienstleistungen (Firmenbuchanmeldung, Marketing, Steuer- und Rechtsberatung etc.) anbietet. „Wir bieten Wachstumsmöglichkeiten für Kleinunternehmer“, sagt Klementz. Dabei gehe es natürlich auch um den Aufbau einer Community, weshalb Loffice viele Networkingevents veranstaltet. Seit Ende 2011 tut man das auch in Wien, in der Niederlassung im 7. Bezirk. Ähnlich wie Salzmann kommt auch Klementz aus einer multikulturellen Familie. „Ich habe in mehreren Ländern gelebt, auch eine Zeit lang in Wien studiert“, sagt sie. Nachdem ihr Coworking-Konzept in Ungarn diverse Preise gewonnen hatte und im Mai 2011 der EU-Arbeitsmarkt für Ungarn geöffnet wurde, dachte sie daran, es auch in Österreich zu etablieren. „Die ersten eineinhalb Jahre sind nicht einfach gewesen. Wir haben erst ein Netzwerk aufbauen müssen.“ Inzwischen ist Loffice auch zur Anlaufstelle für die 62.000 ungarischen Unternehmen in Österreich geworden. Der Vorteil an Österreich: „Hier gibt es Geld für Start-ups. Und man kann es ohne Korruption bekommen“, sagt Klementz. Viele ungarische Unternehmer würden nach Wien ziehen, weil sie ihr Geld in Sicherheit wissen wollten. Darunter seien Unternehmen aus der IT-Branche, aber auch „eine Menge Baufirmen und einfache Firmen“.

Zahlen dazu, wie viele ausländische Start-ups es in Österreich gibt, fehlen. Was man aber schon weiß: Laut Gründerservice der Wirtschaftskammer hatten vergangenes Jahr von 36.947 Neugründern 15.523 keine österreichische Staatsbürgerschaft. Also fast die Hälfte. Die meisten Gründer, jeweils über 1000, kommen aus Ungarn, Deutschland, Rumänien und der Slowakei. Auf über 100 Gründungen in Österreich brachten es vergangenes Jahr auch die Polen, Tschechen, Slowenen, Italiener, Serben, Kroaten, Bosnier, Bulgaren und die Türken. „Gefühlt sehr wenige“ würden in den Bereich Start-up fallen, heißt es dazu beim Gründerservice. Damit lässt sich Österreich einiges an innovativem und wirtschaftlichem Potenzial durch die Lappen gehen. Etwa, wenn man bedenkt, dass laut Austria-Wirtschaftsservice (AWS) die Hälfte der in Österreich neu geschaffenen Jobs von Start-ups kommen.

„Die Politik müsste aktiv daran arbeiten, die nächste Generation von Unternehmen aufzubauen“, sagt Lock8-Gründer Salzmann. „Alte Unternehmen werden massiv wegbrechen, weil sich die Industrie so rasant verändert hat. Wenn man den neuen Firmen keine attraktive Heimat bietet, hat man ein Problem.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.08.2014)

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