Nach dem Crash: Physische Goldnachfrage stabil

Nach dem steilen Absturz sieht es für den Goldpreis charttechnisch nicht gut aus. Der langjährige Aufwärtstrend ist endgültig durchbrochen. Der Ausverkauf erfolgte aber vor allem bei "Papiergold".

Nach Crash Physische Goldnachfrage
Nach Crash Physische Goldnachfrage
Nach Crash Physische Goldnachfrage – (c) APA/ROBERT JAEGER (ROBERT JAEGER)

Wien. Nach dem schweren Absturz hat sich der Goldpreis in den vergangenen Tagen nur leicht erholt. Am Freitagnachmittag kostete eine Feinunze (31,1 Gramm) wieder etwas mehr als 1400 Dollar (1070 Euro). Das ist dennoch um zehn Prozent weniger als vor eineinhalb Wochen und um mehr als ein Viertel weniger als im September 2011, als der Goldpreis ein nominelles Allzeithoch bei mehr als 1900 Dollar eingestellt hatte.

Der Absturz erfolgt primär auf dem Papiermarkt. Also bei Gold-ETFs (das sind Wertpapiere, die den Goldpreis abbilden, und häufig, aber nicht immer, mit Gold unterlegt sind) und Derivaten (etwa Lieferverträgen). Ihre Inhaber setzen oft automatische Verlustbegrenzungen („Stops“). Als der Goldpreis kürzlich unter die Marken von 1520 bzw. 1500 Dollar rutschte, wurden zahlreiche Stops aktiviert und Goldpapiere auf den Markt geworfen. Das verstärkte den Abwärtssog. „Dabei wurde auch der seit 2006 bestehende langfristige technische Aufwärtstrendkanal gebrochen“, erklärt Erste-Analyst Hans Engel. Charttechnisch, also stimmungsmäßig, schaut es für den Goldpreis derzeit gar nicht gut aus. Weitere Rückgänge sind wahrscheinlich.

 

Spekulationen auf fallenden Preis

Am 12. April wurden an der New Yorker Rohstoffbörse Nymex 500 Tonnen Gold mittels Futures „leer verkauft“: Das bedeutet, dass Investoren Gold auf den Markt geworfen haben, das sie noch gar nicht besitzen, in der Hoffnung, es später zu einem günstigeren Preis kaufen und nachliefern zu können. Solche Spekulationen drücken nicht nur den Preis weiter, sondern verstärken die negative Stimmung.

Auf dem physischen Markt für Gold schaut es nicht ganz so schlimm aus. Die Nachfrage ist weiterhin stark: Wie die Agentur Bloomberg berichtet, nutzen Juweliere und Edelmetallhändler die niedrigen Preise, um sich mit Gold einzudecken. Die Prämie, die man für das Edelmetall an der Goldbörse Shanghai zahlen muss, liege bei bis zu zehn Dollar, in der Türkei bei fast 20 Dollar und in Asien bei rund fünf Dollar, schrieb Bernard Sin, Leiter Währungs- und Metallhandel bei MKS Finance in Genf, am Freitag. Zum Vergleich: Vergangene Woche sei die Prämie in Asien und Dubai bei einem Dollar gelegen. Auch bei Goldmünzen kam es in der Vorwoche, wie berichtet, zu Lieferengpässen. Das bedeutet, dass sich der physische Markt vom Papiermarkt abkoppelt.

Die physischen Käufer waren es, die in der Vorwoche den Goldpreis stützten. Die Erholung nach dem Crash fällt dennoch schwach aus. Die Erste-Bank-Analysten glauben nicht, dass die Marke von 1500 Dollar im zweiten Quartal überschritten wird. Eine Bodenbildung sei noch nicht absehbar. Zahlreiche Analysten haben in den vergangenen Wochen ihre Goldpreisprognosen deutlich gesenkt. Etwa jene von Goldman Sachs: Diese senkten ihr Dreimonatsziel von 1615 auf 1530 Dollar. In sechs Monaten erwarten sie 1490, in zwölf Monaten 1390 Dollar. Diese Prognose gaben sie allerdings vor dem jüngsten Absturz ab. Seither hat der Goldpreis zwischenzeitlich bereits die Erwartungen für die nächsten zwölf Monate erfüllt.

Zwar sprechen die niedrigen Zinsen für Gold: In Hochzinsphasen ist das glänzende Edelmetall, das keine Zinsen abwirft, im Vergleich zu anderen Investments unattraktiv, bei negativen Realzinsen fällt dieser Makel nicht so schwer ins Gewicht. Doch hat das Metall seit dem steilen Absturz seinen Nimbus als „sicherer Hafen“ verloren, auch die Inflationsängste sind derzeit gering. Die Anleger kaufen lieber Aktien als Papiergold. Dazu kommt, dass Gold auch als Rohstoff begriffen wird. Und die Rohstoffpreise haben sich seit Ende März um acht Prozent verbilligt, da man eine Abschwächung der Wirtschaft in China fürchtet: Diese Sorge wurde durch die Nachricht genährt, dass die chinesische Wirtschaft im ersten Quartal „nur“ um 7,7 Prozent gegenüber dem Vorjahres-Vergleichszeitraum ist. Erwartet hat man acht Prozent.

Auch Spekulationen, dass Zypern einen Teil der Goldreserven verkaufen und andere Notenbanken dem Beispiel folgen könnten, wurden für den Preisrutsch verantwortlich gemacht. Goldspezialist Ronald Stöferle, Geschäftsführer bei der Incrementum AG, glaubt das nicht. Als Ursache für den jüngsten Preisrückgang sieht er, dass Spekulanten, die auf einen fallenden Goldpreis gesetzt haben, diesen nun nach unten drücken, um sich günstig mit Gold eindecken und ihren Lieferverpflichtungen nachkommen zu können. Noch sei nicht alles gedeckt, es könnte also kurzfristig weiter nach unten gehen. Fundamental sehe es unverändert gut aus: Die Nachfrage auf dem physischen Markt sei intakt, die Schuldenberge der Staaten hoch, die Realzinsen negativ. All das spreche für Gold.

 

Steht Rohstoffinflation erst bevor?

Ähnlicher Ansicht ist Uwe Bergold von Global Resources Invest. Momentan werde die Inflation nicht als drückend empfunden. Doch während die Preisblase bei Immobilien und Aktien durch die Finanzkrise geplatzt sei und sich bei Anleihen eine Blase aufgebaut habe, stehe die Inflation bei Rohstoffen erst bevor. Mit den Rohstoffen werde die Teuerung auf die Verbraucherpreise überschwappen– und Gold als Inflationsschutz wieder gefragt sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.04.2013)

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