"Nackte Panik" an den Börsen: Talfahrt in Asien und Europa

Die Angst vor der Welt-Rezession geht um. Zuerst erfasste das Börsenbeben Asien, dann griff es auf Europa über: Der DAX stürzte kurz über 7,0 Prozent ab, der ATX fiel um 5,2 Prozent. Ein Ende ist nicht in Sicht.

(c) AP (Richard Drew)

US-Präsident George W. Bush hat mit seinem milliardenschweren Konjunkturprogramm offenbar nicht die Angst der Investoren vor einer Rezession in den USA zerstreut. Außerdem fürchten Analysten, dass die Folgen der US-Finanzkrise noch nicht vollständig bekannt sind. In Shanghai, Tokio, Hongkong und anderen Börsen in Asien fielen am Montag deutlich die Börsenbarometer. Die Panik an den Börsen setzte sich in Folge in Europa fort: Die Aktien befinden sich im freien Fall.

"Hier herrscht die nackte Panik"

Börsenbeben in Europa: Der Deutsche Aktienindex DAX verlor bereits in den ersten Handelsminuten 1,44 Prozent - mit Stand 17:11 Uhr war das Minus bereits auf 7,23 Prozent angewachsen. Inzwischen steht er auf dem tiefsten Stand seit April 2007: bei 6.785 Punkten. (Zu den aktuellen DAX-Kursen...)

"Das ist der größte Tagesverlust im DAX, den man je gesehen hat. Hier herrscht die nackte Panik", sagte ein Händler. "Unfassbar! Dazu fällt mir nichts mehr ein", lautete auch das Fazit eines weiteren Börsianers. Zwar übertreibe der Markt mit den aktuellen Verlusten - allerdings könne derzeit nicht eingeschätzt werden, wann der Boden erreicht sei und die Börsen zu einer Erholung ansetzen werde.

Die Stimmung der Investoren habe inzwischen ein "Panik-Level" erreicht, kommentierten auch die Analysten von JP Morgan Asset Management laut Nachrichtenagentur Reuters. "Eine Rezession in den USA ist schon fast eingepreist, jetzt greift die Angst vor einer Übertragung der Konjunkturabkühlung auf Europa und die Schwellenländer um sich", sagte Fondsmanager Dennis Nacken von Allianz Global Investors.

ATX fällt in Keller

Den ATX erwischte es ähnlich schlimm: Mit Stand 17:12 Uhr war der ATX um 5,22 Prozent auf 3.694 Punkte abgerutscht. (Zu den aktuellen ATX-Kursen...)

Auch in Paris rutschte der Leitindex um knapp fünf Prozent ab, der Index in Zürich verlor über vier Prozent.

"Schwarzer Montag" in Shanghai

Zuvor waren in Shanghai die Aktienkurse am Montag um mehr als fünf Prozent eingebrochen. Nach Angaben staatlicher Medien war es der bisher schwerste Kurssturz seit sechs Monaten. Sie sprachen von einem "schwarzen Montag". Shanghai folgte damit einem weltweiten Börsenabschwung, der von einem Preisverfall in den USA Ende vergangener Woche ausgegangen war. Aktien von Versicherungsunternehmen sowie Banken und Immobilienfirmen waren besonders betroffen.

Der Shanghai Composite Index verlor um 5,14 Prozent und schloss mit 4.914,44 Punkten. Chinas Anleger befürchten, dass neue Wachstumszahlen, die am Donnerstag veröffentlicht werden sollen, erneute Schritte der Regierung in Peking zur Abkühlung der Wirtschaft nach sich ziehen könnten.

Minus 3,9 Prozent in Tokio

In der japanischen Hauptstadt fiel der Nikkei-Index um 3,9 Prozent, nämlich 535,35 Punkte, auf 13.325,94. In Hongkong ging der Hang-Seng-Index um 2,3 Prozent auf 24.624,14 Punkte zurück. Auch die Märkte in Südkorea, Australien, Singapur, Taiwan und den Philippinen waren im Minus.

Laut Händlern belasteten Sorgen um ein Abrutschen der US-Konjunktur in die Rezession den japanischen Markt. Bei Börsianern herrsche Skepsis, ob das von US-Präsident George W. Bush vorgelegte Konjunkturförderpaket eine Rezession verhindern könne. Die USA sind der größte Exportmarkt für Japan. "Das Paket ist nicht ausreichend um eine signifikante Wirkung zu erzielen", sagte ein japanischer Aktienstratege.

Derzeit gebe es keinen Grund für Investoren japanische Aktien zu kaufen, zumal die US-Notenbank Fed ihre Leitzinsen um einen halben Punkt senken werde und das den Yen weiter stärke. Er rechnet mit anhaltender Zurückhaltung am Markt.

Banken haben Vertrauen verspielt

Besonders Banken haben derzeit das Vertrauen verspielt. Gerade in diesem Sektor herrscht laut Händlern Panik. Finanzwerte versammelten sich so auch am Ende der europäischen Aktienindizes, wobei im Euro-Stoxx-50 BNP Paribas um 7,05 Prozent auf 64,50 Euro abrutschten, ING Groep fielen um 7,25 Prozent auf 21,75 Euro und Societe Generale büßten 7,43 Prozent auf 79,00 Euro ein. Der Auswahlindex Euro-Stoxx-50 fiel um 5,7 Prozent.

"Zusätzlich auf die Stimmung für Finanztitel drückt die Kreditrating-Abstufung des US-Bondversicherers Ambac Financial", sagte Philipp Häßler, Analyst bei equinet.

Zuletzt hat der zweitgrößte US-Anleiheversicherer Ambac seine Top-Einstufung durch eine Ratingagentur verloren. Damit gilt der Schutz von Anleihe-Käufern durch bei Ambac abgeschlossene Policen als nicht mehr so sicher wie zuvor.

Die Spezialversicherer haben für den Anleihenmarkt eine große Bedeutung. Sie stehen im Zweifel für Ausfälle der Wertpapiere (Bonds) gerade. Bekommen die Versicherer selbst Probleme, wird der Schutz ungewisser oder ganz hinfällig. Mit der Kreditkrise kamen durch den dramatischen Wertverfall bei Papieren auf Hypothekenbasis auf die Anleiheversicherer massive Kosten und Risiken zu.

Keine Erholung der Märkte in Sicht

Analysten befürchten, dass die Talfahrt an den Aktienmärkten noch länger andauern könnte. Selbst kurze Gegenbewegungen ließen noch auf keine Trendumkehr schließen, sagte Aktienstratege Thomas Gründer von der Landesbank Berlin. In den kommenden Wochen könnte der DAX auf 6500 Punkte fallen.

(Ag./Red.)

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