Kurze Beine, langer Megatrend

Die Börsen agierten in den vergangenen Wochen wie losgelöst von der Realität. Jetzt könnte wieder einmal Innehalten lohnen. Und eine Betrachtung des neuen Fintech-Index KFTX.

The PayPal logo is seen during an event at Terra Gallery in San Francisco
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Bezahlen mit PayPal. Die Fintechs machen von sich reden. – REUTERS

Politische Börsen haben in der Tat kurze Beine, wie es in einer Anlegerweisheit heißt. Ganz so, als ob die Börsen ein Eigenleben unabhängig von den Ereignissen in der Welt führen, bewegten sie sich zuletzt sehr unbeirrt nach oben. Brexit hin, Terrorattacken her – wen kümmert's? Putsch in der Türkei? Eine Episode, sieht man sich das Verhalten der Anleger an. Zumindest bis zum Donnerstag der abgelaufenen Woche dauerte die Rallye, die dem kurzen Absturz nach dem Brexit-Votum folgte und die den amerikanischen Dow-Jones auf Rekordhöhen laufen ließ. Dass da einmal Dampf abgelassen und Gewinnmitnahmen erfolgen mussten, war klar. Stark fielen sie ohnehin nicht aus. Dennoch war am Freitag erst einmal Innehalten angesagt.

Offenbar erinnern sich zwischendurch doch auch Händler wieder an die Realität. Und diese liefert eben im Moment keinen tragfähigen Anlass zur Beruhigung. Zwar fielen die Einkaufsmanagerindizes in der Eurozone und in den USA besser aus als angenommen. In Großbritannien aber lässt das Brexit-Votum die Wirtschaft so stark abstürzen wie seit den Nachwehen der globalen Finanzkrise Anfang 2009 nicht mehr. Das am Freitag publizierte Stimmungsbarometer der britischen Einkaufsmanager rutschte unter die Marke von 50 Punkten und signalisiert so eine Schrumpfung der Wirtschaft.

Der Wochenausklang war also nicht nur relativ ruhig, er war auch von Ratlosigkeit geprägt. Und so kann vorerst als generelles Leitmotiv für die nächste Zeit gelten, was die Agentur Reuters am Freitag vom Handelsplatz in Zürich berichtete: Händler hätten erklärt, die schleppende Entwicklung der Weltkonjunktur, die Sorgen über den künftigen Kurs der Türkei und der kommende Woche bevorstehende Stresstest der europäischen Banken „lieferten genug Gründe, sich nicht auf dem Aktienmarkt zu engagieren“. Das Einzige, was den Markt stütze, sei die Liquiditätsversorgung der Notenbanken. Zumindest an Europas Börsen sieht es derzeit nach Seitenbewegung aus.

Mit anderen Worten: innehalten, nüchtern bleiben, mit Bedacht agieren. Und mit Interesse studieren, woran der Kapitalmarkt sonst so arbeitet.

Als beachtenswertes Ereignis springt da ins Auge, dass in der abgelaufenen Woche in den USA ein neuer Aktienindex aus der Taufe gehoben wurde. Die Investmentbank KBW und der Börsenbetreiber Nasdaq Inc. enthüllten den KBW Nasdaq Financial Technology Index (KFTX). Es ist der erste große Index, der ausschließlich die in den USA kotierten Fintech-Unternehmen erfasst.

Fintech-Unternehmen sind – wie an dieser Stelle schon dargelegt worden ist – ein relativ junger, aber immer mehr beachteter Megatrend. Sie machen als Softwarefirmen für Bezahldienstleistungen oder Kreditvermittlung den etablierten, traditionellen Banken zunehmend Konkurrenz bzw. kooperieren auch vermehrt mit ihnen.

Unter den 49 Firmen, die in den Index eingegangen sind und die gemeinsam eine Marktkapitalisierung von 785 Mrd. Dollar (712 Mrd. Euro) aufweisen, befinden sich sowohl Branchengiganten wie die Kreditkartenfirmen Visa, Mastercard, American Express oder PayPal als auch mehr oder weniger erfolgreiche Neustarter wie der Kreditvermittler Lending Club, dazu Square für mobile Bezahlsysteme oder der Wertkartenanbieter Green Dot Corp.

Die Fintechs im neuen Index sind von unterschiedlicher Qualität und Attraktivität und von Anlegern durchaus kritisch zu prüfen. Aber sie bilden eine immer größere Branche, die man als Anleger ins Auge fassen kann und die durch den Index an Aufmerksamkeit gewinnt – und in der sich viel tut. So gab etwa PayPal am Donnerstag bekannt, eine Partnerschaft mit Visa anzustreben. Sie bringen sich damit übrigens gegen die digitalen Brieftaschen von Apple und Google in Stellung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.07.2016)

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