Wenn Aktien plötzlich abstürzen

Dialog, Aurelius, Wirecard – alle stürzten nach negativen Analysen ab. Bei Dialog gibt es ein Risiko. Bei den anderen auch, doch hatte dort auch jemand Interesse an fallenden Kursen.

In jedem iPhone steckt Technologie von Dialog Semiconductor. Doch bleibt das so?
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In jedem iPhone steckt Technologie von Dialog Semiconductor. Doch bleibt das so?
In jedem iPhone steckt Technologie von Dialog Semiconductor. Doch bleibt das so? – (c) REUTERS (LUCAS JACKSON)

Als die Aktie des Apple-Zulieferers Dialog Semiconductor am vergangenen Dienstag um zeitweise 30 Prozent abstürzte, weckte das unangenehme Erinnerungen bei Aktionären von Wirecard, Ströer oder Aurelius. Schon wieder eine Short-Attacke von einem Investor, der an fallenden Kursen interessiert ist? Wohl kaum. Diesmal war es ein Analystenkommentar des renommierten Bankhauses Lampe, das den TecDAX-Wert zu Fall gebracht hatte.

Die Analysten rieten zum Verkauf der Aktie des deutsch-englischen Chipbauers. Denn dessen größter Kunde, Apple, baue verstärkt eigene Stromsteuerungschips für Smartphones auf. Ab 2019 könnte Apple auf die Dialog-Produkte verzichten. Wie schlimm es sich auf Zulieferer auswirken kann, wenn Apple sie nicht mehr braucht, hat Anfang April der Dialog-Konkurrent Imagination Technologies erlebt. Als dieser seinen Anlegern mitteilen musste, dass Apple künftig auf die Produkte der Firma verzichten und eigene Grafikchips entwickeln wolle, verlor die Aktie 70 Prozent ihres Werts.


Hohe Abhängigkeit von Apple.
Nicht alle Analysten teilen bezüglich Dialog die Einschätzung der Lampe-Experten. Barclays verweist etwa darauf, dass Apple in den vergangenen Jahren den Anteil an der Technik von Dialog erhöht habe, was ein Zeichen der Zufriedenheit sei. Bei Hauck&Aufhäuser hält man das Chance-Risiko-Verhältnis der Aktie dennoch für „bestenfalls ausgewogen“. Was Dialog anfällig macht, ist nicht nur die Abhängigkeit von Apple – der US-Konzern steht für 70 Prozent des Umsatzes. Sondern auch das starke Wachstum: Die Aktie hat sich seit der Finanzkrise verfünfzigfacht.

Stark wachsende Unternehmen, deren Geschäft mit Unsicherheiten behaftet ist, sind häufig Ziele von Short-Attacken: Anleger, die auf fallende Kurse spekulieren, streuen Gerüchte, um den Kurs zu drücken. Im Februar 2016 brach etwa die Aktie des Zahlungsabwicklers Wirecard ein. Eine bis dahin völlig unbekannte Onlineplattform namens Zatarra Research hatte berichtet, dass Wirecard in einen Betrugs- und Geldwäscheskandal verwickelt sei. Die „Analyse“ zu Wirecard sollte bis heute die einzige bleiben, die Zatarra ablieferte. Die Wirecard-Aktie rutschte dennoch um ein Viertel ab, bevor sie sich wieder erholte. Kürzlich hat sie ein neues Allzeithoch erreicht. Die Staatsanwaltschaft ermittelt in der Causa.

Das Dilemma: Wirecard ist zwar ein Liebkind der Analysten, 21Kaufempfehlungen steht Bloomberg-Daten zufolge nur eine Verkaufsempfehlung gegenüber. Doch macht das rasante Wachstum der vergangenen Jahre – die Aktie hat sich seit zehn Jahren mehr als versiebenfacht – das Papier anfällig für Gewinnmitnahmen. Das komplexe Geschäft ist nicht so leicht zu verstehen, was schnell zu Kursrückgängen führt, wenn jemand Unstimmigkeiten entdeckt. Erst vor zwei Monaten warf das „Manager-Magazin“ Fragen zur Bilanzierung auf, was die Wirecard-Aktie vorübergehend einknicken ließ.

Der Werbeflächenvermarkter Ströer hatte vor einem Jahr ebenfalls mit einer Short-Attacke zu kämpfen. Der US-Hedgefonds Muddy Waters, der mit Leerverkäufen gegen die Aktie gewettet hatte, hatte Zweifel an der Bilanzierung und der Unternehmensführung von Ströer geäußert. Das Unternehmen wies alle Vorwürfe zurück, die Aktie fiel dennoch um gut ein Viertel, bevor sie sich wieder erholte.


Transparenz verbesserbar. Ende März erwischte es die Münchner Beteiligungsgesellschaft Aurelius, die auf die Übernahme angeschlagener Unternehmen spezialisiert ist. Der Hedgefonds Gotham City hatte gegen Aurelius gewettet und warf dem Unternehmen Ungereimtheiten in der Bilanzierung vor, woraufhin die Aktie fast die Hälfte verlor. Gotham City dürfte seinen Finger auf eine Wunde gelegt haben. Die Commerzbank rät zwar nach wie vor zum Kauf, das Management der Beteiligungsgesellschaft habe aber keinen guten Eindruck hinterlassen, als man nach Transaktionen im Dezember keinen Kommentar zu aktuellen Besitzverhältnissen abgegeben hat. Die Transparenz müsse verbessert werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.04.2017)

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