Frexit stürzt EU und Börsen ins Chaos

Die Ankündigung von Neuwahlen in Großbritannien hat die Nervosität der europäischen Finanzmärkte erhöht. Ein Sieg von Le Pen in Frankreich würde den Euro massiv schwächen.

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Die EU-Gegner in Großbritannien und Frankreich schaden dem Euro massiv. – EPA

London/Frankfurt/Wien. Eigentlich reichen die wirtschaftlichen Kapriolen des neuen US-Präsidenten, Donald Trump, und seine Querelen mit Nordkorea, die Machtkonzentration in der Türkei auf Präsident Recep Tayyip Erdoğan und die Angst vor einem Wahlsieg der rechtsextremen EU-Gegnerin Marine Le Pen, um die internationalen Finanzmärkte im Zittermodus zu halten. Am Dienstag sorgte die britische Premierministerin, Theresa May, aber zusätzlich für einen Paukenschlag, der auf politischer Ebene und auf den Börsen für weitere Erschütterungen sorgte.

Nachdem May vorgezogene Neuwahlen für den 8. Juni angekündigt hatte, beschleunigten alle Leitbörsen Europas ihre Talfahrt. Der DAX näherte sich der psychologisch wichtigen Marke von 12.000 Punkten – diesmal allerdings von oben nach unten – und drohte diese zu durchbrechen. Der britische FTSE 100 fiel um mehr als zwei Prozent. Beide Indizes haben seit November ungeachtet der geopolitischen Unsicherheit kräftig zugelegt.

Schon knapp vor der Erklärung Mays griffen Anleger verstärkt zu britischen Anleihen. Dies drückte die Rendite der zehnjährigen Titel erstmals seit einem halben Jahr unter ein Prozent. Auf dem Devisenmarkt verlor das Pfund Sterling anfangs mehr als einen halben US-Cent, legte dann im Tagesverlauf um zwei US-Cent zu und war so teuer wie Anfang Dezember.

Bereits im Frühhandel hatten das zugunsten von Präsident Erdoğan ausgegangene Verfassungsreferendum in der Türkei und die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen in Frankreich die Märkte negativ beeinflusst. An der Wall Street setzte sich der Negativtrend dann fort.

Großbritannien ist das fünfte – bzw. möglicherweise – das sechste europäische Land, in dem heuer richtungsweisende Neuwahlen stattfinden. Nach den Niederlanden und Bulgarien ist nun Frankreich dran, im Herbst folgt Deutschland. Und auch in Italien sind Neuwahlen so gut wie sicher.

Gold und Schweizer Franken

Anleger fürchten sich vor einem Sieg von Le Pen, die das Land aus der Eurozone herauslösen will. Sollte sie Präsidentin werden, dürfte das die EU ins Chaos stürzen und mit ihr die Börsen, sind Finanzexperten wie Christian Melzer von der Fondsgesellschaft Deka überzeugt. Aktienkurse würden einbrechen, der Euro massiv abwerten und Anleger in sichere Häfen wie Gold, Bundesanleihen und den Schweizer Franken fliehen. Ökonom Christoph Weil von der Commerzbank: „Bei einem Frexit wäre die Währungsunion kaum noch zu retten.“

Dass es tatsächlich zu einem EU-Austritt Frankreichs (Frexit) kommt, kann sich kaum ein Börsianer so richtig vorstellen. Allerdings hat sich nach dem Brexit-Votum und dem überraschenden Triumph von Trump gezeigt, dass Umfrageinstitute irren können.

Auf den Anleihemärkten ist die Unruhe schon zu spüren: Verstärkt verkaufen Anleger französische Papiere, was deren Renditen in die Höhe treibt. Chefvolkswirt Leon Cornelissen von der Fondsgesellschaft Robeco warnt vor einem großflächigen Rückzug ausländischer Investoren aus Frankreich. Anleger würden ihre Sparkonten räumen, Banken kämen ins Schlingern. „Das wird eine Finanzkrise auslösen.“

Schwer treffen würde ein Sieg von Le Pen auch den Euro: Der Fondsverwalter La Française Asset Management rechnet mit einer Abwertung zum Dollar von zehn Prozent. Ähnlich hohe Verluste sagt die US-Investmentbank Morgan Stanley voraus. Wie oft in Krisenzeiten könnte es einen Run auf den Schweizer Franken geben, was die ohnehin starke Währung noch mehr verteuern würde. (eid/ag.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.04.2017)

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