Erste Warnsignale aus den USA

Immer mehr Firmen in den USA machen Schulden, um Dividenden zahlen zu können. Dies sei ein typisches spätzyklisches Verhalten, mahnt Markus Peters von AllianceBernstein.

Die Renditen bei den zehnjährigen deutschen Bundesanleihen dürften von 0,4 auf ein Prozent steigen, meint Markus Peters.
Die Renditen bei den zehnjährigen deutschen Bundesanleihen dürften von 0,4 auf ein Prozent steigen, meint Markus Peters.
Die Renditen bei den zehnjährigen deutschen Bundesanleihen dürften von 0,4 auf ein Prozent steigen, meint Markus Peters. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Die Presse: Herr Peters, der weltweite Schuldenstand hat laut internationalem Bankenverband mehr als 200 Billionen Dollar erreicht. Kann man Anleihen da noch trauen?

Markus Peters: Grundsätzlich sollten Anleihen in keinem breit diversifizierten Portfolio fehlen. Die Fähigkeit einer nachhaltigen Schuldentilgung sollte man aber erst dann anzweifeln, wenn es eine große Diskrepanz zwischen der aktuellen Finanzierungsrate und dem nominellen Wachstum gibt. Und das sehe ich derzeit nicht, da sich die Staaten sowohl in Europa als auch in den USA und in Japan relativ günstig finanzieren können.

In den USA haben einige US-Konzerne jüngst aber Anleihen begeben, um damit Dividendenzahlungen zu erhöhen und Aktienrückkäufe durchzuführen. Ist das eine gesunde Marktentwicklung?

Nein, ist es nicht. Vielmehr ist es ein typisch spätzyklisches Verhalten der Unternehmen, und für Anleger ein wichtiger Indikator, etwas vorsichtiger in den Markt für US-Unternehmensanleihen zu investieren. Tatsächlich wurde in diesem Zyklus, der seit 2008 anhält, mittlerweile ein Höchststand bei jenen Emissionen erreicht, bei denen die Erlöse nicht für wachstumsfördernde Maßnahmen eingesetzt werden.

Und wie sieht es bei uns in Europa aus?

Diesseits des Atlantiks ist das Phänomen weniger stark ausgeprägt als in den Vereinigten Staaten. Das hängt aber auch damit zusammen, dass der aktuelle Wirtschaftszyklus gut 24 Monate hinterherhinkt. Dies ist auch der Grund, weshalb die US-Notenbank ihr Anleihekaufprogramm schon früher beendet hatte.

Allerdings wird auch in Europa die lockere Geldpolitik eingebremst, ab Jänner kauft die EZB monatlich Anleihen von nur noch bis zu 30 Milliarden Euro. Welche Auswirkungen wird das haben?

Je weniger die EZB die Märkte mit billigem Geld flutet, desto eher werden die Anleiherenditen natürlich ansteigen, allerdings in einem Umfeld, in dem sich auch der wirtschaftliche Ausblick verbessert. Allein in den kommenden sechs Monaten dürften die Renditen etwa bei den zehnjährigen deutschen Bundesanleihen von rund 0,4 Prozent auf ein Prozent ansteigen.

Das würde wiederum zu erheblichen Kursverlusten von rund fünf Prozentpunkten bei diesen Anleihen führen. Sollte man sichere Staatsanleihen da nicht lieber meiden?

Auch hier ist es wichtig, das Gesamtportfolio zu betrachten. Wenn es auf den Aktienmärkten zu scharfen Rücksetzern kommt, sind vor allem sichere Anleihen als Versicherung wieder gefragt. Deshalb sollte man sie nicht ganz außen vor lassen, vor allem, wenn man einen hohen Aktienanteil im Portfolio hat. Dabei eignen sich Anleihen mit einer längeren Laufzeit umso besser. Deren Kurse würden dann stärker steigen, da sie ein wenig mehr Rendite bieten als kurz laufende Anleihen, somit attraktiver sind. So würde man Verluste bei den Aktien besser abfedern können.

Gibt es Alternativen zu den mickrig verzinsten europäischen Staatsanleihen?

Man könnte beispielsweise sichere staatliche Emittenten wie die USA, Australien oder Kanada in Erwägung ziehen. Die entsprechenden Staatsanleihen bieten eine höhere Rendite als jene in Europa. Das macht sie ein Stück attraktiver, weshalb deren Kurse in Krisenphasen auch stärker zulegen würden. Die Währung sollte man gegenüber dem Euro aber absichern. Das kostet zwar Geld, ändert aber nichts daran, dass die Kurse dieser Anleihen in Krisenzeiten stärker zulegen würden.

Mit dem Abflauen der lockeren Geldpolitik werden auf den Anleihemärkten fundamentale Daten vermutlich wieder verstärkt im Mittelpunkt stehen. Worauf sollte man etwa in Europa dann besonders achten?

Grundsätzlich wird uns die Ära niedriger Zinsen noch eine ganze Weile begleiten. Allerdings hat die EZB auch ein inflationsgebundenes Mandat. Insofern führt kein Weg daran vorbei, ein Augenmerk auf die Inflationsentwicklung zu werfen. Der Schuldenstand der Mitgliedsländer würde erst dann verstärkt in den Vordergrund rücken, wenn die Renditen relativ rasch nach oben schnellen sollten. Denn dann stellt sich die Frage, ob das nominelle Wirtschaftswachstum die höheren Renditen abdecken kann.

ZUR PERSON

Markus Peters ist leitender Portfoliomanager für Anleihen bei AllianceBernstein, wo der studierte Politikwissenschaftler seit 2014 in London tätig ist. Dabei fungiert der leidenschaftliche Fan des 1. FC Köln als Bindeglied zwischen dem Investmentteam und europäischen Anlegern. Zuvor werkte Peters im Fixed-Income-Team bei M&G Investments in ähnlicher Funktion.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.11.2017)

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