Thomas Cook will gekauft werden

Übernahmegerüchte um den zweitgrößten europäischen Reisekonzern lösen einen Kurssprung aus. Bisher war nur vom Verkauf des Fluggeschäfts die Rede.

Das Fluggeschäft ist die Perle des britischen Reisekonzerns.
Das Fluggeschäft ist die Perle des britischen Reisekonzerns.
Das Fluggeschäft ist die Perle des britischen Reisekonzerns. – (c) imago/Aviation-Stock (Markus Mainka)

London/Wien. Eine Übernahmefantasie ist – neben guten Geschäftszahlen – noch immer das Beste, um einer Aktie Auftrieb zu geben. Letzteres kann der britische Reisekonzern Thomas Cook nicht bieten, stattdessen aber sorgte ein Medienbericht über eine mögliche Komplettübernahme am Dienstag für einen Kurssprung von gut 20 Prozent – der größte Zuwachs seit Dezember.

Schon im Februar gab der zweitgrößte Touristikkonzern Europas (nach TUI) und die Nummer drei weltweit bekannt, sein Fluggeschäft verkaufen zu wollen. Kern der Sparte (Thomas Cook Airlines) mit 103 Flugzeugen ist die Condor. „Wir müssen keine eigene Airline vollständig besitzen, um ein erfolgreiches Reiseunternehmen zu sein“, sagte Vorstandschef Peter Fankhauser dazu.

Jetzt geht es aber offenbar nicht nur um die Flugaktivitäten, sondern um den ganzen Konzern, berichtete der britische TV-Sender Sky. Als Interessenten werden nicht nur die Beteiligungsfirmen KKR und EQT Partners genannt, sondern auch Fosun. Das größte chinesische Firmenkonglomerat in Privatbesitz hält bereits eine kleine Beteiligung an Thomas Cook und unterhält in China mit dem Reisekonzern ein Gemeinschaftsunternehmen.

Für die Chinesen wäre der Einstieg bei Thomas Cook die Fortsetzung der Expansion in Europa. Fosun ist bereits teilweise oder ganz bei den deutschen Banken BHF sowie Hauck & Aufhäuser und der Banco Comercial Português engagiert. Im Touristiksektor gelang 2015 mit der Übernahme des Club Med ein großer Coup. Nach der Rettung des angeschlagenen österreichischen Wäschekonzerns Wolford buhlt Fosun gerade um den Komplettkauf der ebenfalls strauchelnden deutschen Textilkette Tom Tailor.

Auch Thomas Cook kann frisches Geld gut brauchen. Der älteste Reisekonzern der Welt, dessen gleichnamiger Gründer den Pauschaltourismus 1855 mit einer Europa-Rundreise für britische Touristen erfunden hat, stöhnt vor allem unter einer Schuldenlast von gut 1,6 Mrd. Pfund.

 

Heißer Sommer und Brexit

Das Geschäft – zum Konzern gehört auch die Marke Neckermann – litt im Vorjahr wie bei allen großen Reiseveranstaltern unter dem heißen Sommer, der die Nachfrage nach Fernreisen dämpfte, was wiederum die Preise unter Druck setzte. Dazu kommt das britische Spezifikum des Brexit, der ebenfalls zu Buchungsrückgängen führte, weil das Pfund infolge des Austrittschaos an Wert verlor und Reisen für die Briten verteuert. Das Fluggeschäft leidet zudem unter dem steigenden Kerosinpreis sowie der harten Konkurrenz. Unter dem Strich fuhr Thomas Cook deshalb im Vorjahr einen Verlust von 163 Mio. Pfund ein. Das Jahr davor war mit einem Gewinn von gerade neun Mio. Pfund auch nicht gerade berauschend.

Die Dividende für 2018 wurde gestrichen, ein Restrukturierungsprogramm aufgesetzt. Die Aktie spiegelt die Probleme mehr als deutlich wider: Sie hat binnen eines Jahres 76 Prozent an Wert eingebüßt. Der gestrige Kurssprung ist für viele Anleger daher nur ein schwacher Trost.

Für das Fluggeschäft mit insgesamt 9000 Beschäftigten, das gut die Hälfte des Betriebsgewinns von 250 Mio. Pfund erwirtschaftete, haben die Lufthansa und die Ryanair schon offen ihr Interesse deponiert. In erster Linie geht es um die Condor, das Herz des Business. Die Lufthansa hat die Condor mitbegründet und einst ganz besessen, bevor sie in den 90er-Jahren an Thomas Cook ging. Sie dürfte die Condor in ihre Billigflug-Tochter Eurowings integrieren und besonders an den Langstrecken interessiert sein. (eid/ag.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.04.2019)

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