Droht die nächste Eurokrise?

Für bedrohlich hält Kapitalmarktstratege Martin Lück von Blackrock vor allem Italiens wachsendes Schuldendilemma. Der Zollstreit mit den USA sei dagegen lösbar, meint er.

Ohne Kompromisse werde es im Zollstreit mit den USA nicht gehen, meint Blackrock-Experte Martin Lück.
Ohne Kompromisse werde es im Zollstreit mit den USA nicht gehen, meint Blackrock-Experte Martin Lück.
Ohne Kompromisse werde es im Zollstreit mit den USA nicht gehen, meint Blackrock-Experte Martin Lück. – (c) (c) Inés Bacher

Wien. US-Präsident Donald Trump sorgte zuletzt wieder für Wirbel, als er sämtliche Ausnahmen bei den Sanktionen für iranische Ölexporte strich. Daraufhin schnellte die Notierung kräftig nach oben. In der EU zeigte man sich wenig erfreut – dabei wartet auf die Kommissare in Brüssel ohnedies schon eine Menge Arbeit: Italiens Defizit schwillt stetig an. Und das Brexit-Dilemma zieht sich weiter in die Länge.

Auch Anlegern, die ihr Geld in europäische Werte gesteckt haben, macht all das Sorgen. Aber wie beurteilen Experten die Lage? „Die Presse“ sprach mit Martin Lück, er ist Kapitalmarktstratege bei Blackrock. Und auch er warnt vor bedrohlichen Szenarien – sieht aber dennoch auch Chancen. Was etwa den Brexit betrifft, hält er die neue Schonfrist bis Oktober nicht für zu lang: Ein längerer Zeitraum sei notwendig, betont er, denn so werde Zeit für ein mögliches zweites Austrittsreferendum geschaffen.

Den jüngsten Entwicklungen in Italien kann der Chefstratege dagegen gar nichts Positives abgewinnen. Dort wird die Neuverschuldung heuer auf 2,40 Prozent klettern. Noch im vergangenen Herbst war in einem Budgetentwurf für die EU lediglich von 2,04Prozent die Rede. Letztere Zahl sei aber ohnedies eine reine Provokation gewesen, konstatiert Lück: „Kein Land kann ernsthaft ein Defizit auf die zweite Kommastelle genau prognostizieren.“

 

Gefahr für Europas Exporte

Die derzeitige Lage in dem Mittelmeerland hält der Marktexperte tatsächlich für bedrohlich: Italiens Regierung verkaufe es ihren Wählern als heroisch, „wenn sie sich gegen die EU auflehnt“ – das könne aber auf Dauer nicht gut gehen. Schon allein deshalb nicht, weil die Finanzmärkte auf die steigende Verschuldung äußerst negativ reagieren dürften. „Ohne Budgetdisziplin werden die Renditen italienischer Staatsanleihen kräftig ansteigen, sodass eine weitere Verschuldung in diesem Ausmaß für den Staat zu teuer wird“, sagt Lück.

Aber auch die Außenpolitik der EU behält der Blackrock-Experte gut im Auge. Sobald es zu einer Einigung im US-Handelsstreit mit China kommt, dürften Europas Exporte wieder mehr am Pranger stehen, befürchtet er. Vor allem rechnet er damit, dass US-Präsident Donald Trump bei den nächsten Verhandlungen eine aggressivere Haltung gegenüber Europas Autoherstellern einnehmen wird.

Und das, obwohl BMW und Daimler in den USA sogar Arbeitsplätze schaffen? Das eröffne der EU immerhin die Chance, zu einem Gegenschlag auszuholen, räumt Lück ein: „Dass bei höheren Zöllen auf Autoexporte in die USA auch Arbeitsplätze gefährdet sein könnten, muss man der US-Regierung eben klarmachen.“ Zugleich werde die EU sich aber auch auf Kompromisse einlassen müssen. Etwa dahingehend, künftig mehr Agrarwaren aus den USA zu importieren. „Ein Großteil der Trump-Wähler ist in der Landwirtschaft tätig. Und die Landwirte wollen ihre Absätze steigern“, erklärt Lück den Zusammenhang. Einen Vorstoß in diese Richtung hat es ja bereits rund um die gescheiterten Verhandlungen zu einem transatlantischen Freihandelsabkommen gegeben; damals haben die berüchtigten „Chlorhühner“ aus den USA für reichlich Aufruhr in Europa gesorgt.

Aber wie auch immer – ernsthafte Lösungen sind nun gefragt. Sonst könnte die europäische Wirtschaft die Folgen schmerzhaft zu spüren bekommen. Insbesondere Deutschlands ausgeprägte Exportwirtschaft wäre dann stark betroffen, und das ausgerechnet in Zeiten eines Wirtschaftsabschwungs. Schon jetzt wurde die Wachstumsprognose für die gesamte Eurozone auf rund 1,1 Prozent gesenkt. Die Beschäftigung müsse erhöht werden, um die Konjunktur wieder anzukurbeln, meint Lück. „Vor allem im Dienstleistungssektor müssen neue Stellen geschaffen werden.“

 

Chancen für Aufholjagd

Auch eine Konjunkturerholung Chinas würde sich positiv auswirken, davon könnten sogar Europas Aktienmärkte profitieren. Einen Hoffnungsschimmer gab es schon: Das chinesische BIP legte im ersten Quartal 2019 um 6,4 Prozent zu – und damit stärker als erwartet.

Dass die europäischen Aktienmärkte jenen der USA meist hinterherhinken, macht dem Anlagestrategen übrigens keine großen Sorgen: In einer Phase mäßigen globalen Wachstums, in der US-Aktien obendrein als relativ teuer gelten, sieht er gute Chancen für eine Aufholjagd. Besonderen Gefallen findet Lück dabei an Aktien, bei denen der Kurs die soliden Fundamentaldaten des Unternehmens noch nicht widerspiegelt. Gemeint sind sogenannte Value-Aktien – oft zyklische Titel, zum Beispiel aus der Industrie.

ZUR PERSON

Martin Lück ist seit 2015 Chefkapitalmarktstratege für Deutschland, Österreich und Osteuropa beim US-Vermögensverwalter Blackrock. Er verantwortet die makroökonomische Analyse sowie die Investmenteinschätzungen. Der promovierte Volkswirt und Bankkaufmann hat mehr als zwanzig Jahre Berufserfahrung und war unter anderem Chefvolkswirt bei der UBS Deutschland.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.04.2019)

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