Wie lange kann Netflix wachsen?

Erstmals seit acht Jahren hat der Streaminganbieter in den USA Kunden verloren. Der Börse gefällt das nicht. Schon bald wird das Geschäft noch härter werden.

Dem Streamingdienst bläst ein rauer Wind entgegen.
Dem Streamingdienst bläst ein rauer Wind entgegen.
Dem Streamingdienst bläst ein rauer Wind entgegen. – (c) APA/AFP/GETTY IMAGES/MARIO TAMA (MARIO TAMA)

Wien. Der amerikanische Streaminganbieter Netflix verfügt offenbar nicht über jene Preismacht, die man ihm bisher zuschreibt. Denn im zweiten Quartal konnte das Unternehmen weltweit lediglich 2,7 Millionen Neukunden gewinnen. Ein Wert, der weit unter den Erwartungen des Finanzmarktes lag. Analysten hatten mit über fünf Millionen Aboabschlüssen gerechnet.

Netflix hat heuer in zahlreichen Regionen, darunter den USA, die Preise erhöht. Das schmeckte vor allem den US-Konsumenten nicht. Erstmals seit acht Jahren hat das Unternehmen in seinem wichtigsten Markt Kunden verloren. Unter dem Strich sagten dort 130.000 Nutzer für immer oder vorübergehend Lebewohl. Da das Abo monatlich kündbar ist, machen sich Schwankungen naturgemäß rasch bemerkbar.

Ein langsameres Wachstum war erwartet worden, der Rückgang aber schockierend, kommentierte Clement Thibault, Analyst bei Investing.com, die Zahlen. Die Frage sei, ob Netflix bei zunehmendem Wettbewerb die Macht haben werde, Preise zu erhöhen, ohne im großen Stil Kunden zu verlieren.

Die Enttäuschung an den Finanzmärkten ließ jedenfalls nicht lange auf sich warten. Die Aktie brach nach Bekanntgabe der Zahlen um rund zwölf Prozent ein. Der Nettogewinn fiel im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ebenfalls deutlich. Er sank um 30 Prozent auf 270,7 Millionen Dollar, wenngleich der Kapitalmarkt mit einem noch größeren Rückgang rechnete.

Auf lange Sicht betrachtet erwies sich die Netflix-Aktie allerdings als Goldgrube. Das Unternehmen ist im Jahr 2002 an die Börse gegangen und ist heute mehr als das 300-fache wert.

 

Hits gehen verloren

Doch Netflix kann sich auf seinem bisherigen Erfolg nicht ausruhen. Es kommen durchaus noch turbulente Zeiten auf den TV-Streamingpionier zu. Netflix hatte in den jüngsten drei Monaten relativ wenig Film- und Serienhits anzubieten, was langfristig noch kein Drama war. Es wird sich nun aber von einigen Klassikern der Fernsehgeschichte verabschieden müssen.

Erst kürzlich teilte man mit, die Serie „Friends“ an den Konkurrenten Warner zu verlieren. Nur noch bis Jahresende können die Folgen auf Netflix abgerufen werden. Ab 2021 wiederum wird der Erfolgsgarant „The Office“ nicht mehr zu sehen sein. Denn der Anbieter NBC holt die Serie zurück, um sie auf seinem eigenen Dienst zu präsentieren. Und genau hier liegt das Problem: War Netflix vor einigen Jahren mit seinem Angebot noch ziemlich allein auf dem Markt, haben die großen amerikanischen Medienkonzerne mittlerweile erkannt, dass sie sich dieses Geschäft nicht entgehen lassen wollen oder können. Nicht zuletzt, weil ihnen die klassischen TV-Seher zunehmend abhandenkommen.

 

Viel Konkurrenz

So hat Disney bereits vor Längerem angekündigt, in den Markt mit der Marke Disney+ einzusteigen. Zu dem Konglomerat gehören Pixar, Lucasfilm, Marvel und 21st Century. Disney kann also aus dem Vollen schöpfen („Star Wars“, „Schneewittchen“, „Toy Story“). Die Gewinnschwelle will man mit seinem Service 2024 erreichen, bis dahin sollen das Angebot zwischen 60 bis 90 Millionen Kunden sehen. Auch der zu AT&T gehörende Konkurrent Warnermedia mit dem Bezahlsender HBO („Game of Thrones“) und die Comcast-Tochter NBC Universal haben Produkte in der Pipeline. Hinzu kommen bereits vorhandene Kontrahenten wie Amazon und Hulu, die keine Anzeichen von Wettbewerbsmüdigkeit zeigen.

Netflix versucht, mit Eigenproduktionen dagegenzuhalten. Am Ende wird das Publikum über den Erfolg entscheiden. (Ag./nst)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.07.2019)

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