Vertrauen in den Finanz-Sektor sinkt

Hohe Schulden der Unternehmen sind Risiko für die Finanzstabilität. Menschen vertrauen der Technologie-Branche mehr als den Finanzdienstleistern.

Symbolbild.
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Symbolbild. – (c) imago images / photothek (Thomas Trutschel/photothek.net)

Wien. Die Finanzkrise 2008 hat das Vertrauen in die Finanzmärkte bis aufs Mark erschüttert. In den folgenden Jahren wurde wieder Mut gefasst. Seit 2012 ist das Vertrauen in das Finanzsystem stetig gestiegen, geht aus dem Unternehmens- und Finanzausblick 2019 der Industrieländerorganisation OECD hervor. Dafür verantwortlich seien die umfassenden Regulierungen, die nach der Krise implementiert wurden. Doch seit 2018 schlägt das Pendel wieder in die andere Richtung. Laut dem Vertrauensbarometer einer von der OECD in Auftrag gegeben Studie fiel das Vertrauen der informierten Bevölkerung von 62 auf 61 Punkten. Damit sind jene gemeint, die sich mit Finanzthemen auskennen. 2012 stand es noch bei 48 Punkten. Die allgemeine Bevölkerung steht der Finanzbranche noch viel skeptischer gegenüber. 2017 wie 2018 lag der Index bei 54 Punkten.

„Sollte das Vertrauen weiter sinken, müssen wir die Maßnahmen der Politik zur Stabilisierung des Finanzsystems in den vergangenen Jahren hinterfragen“, sagt der OECD-Experte Robert Patalano. „Geht Vertrauen verloren, wird jeder nervös und vorsichtig.“ Das sei kein gutes Umfeld für Wirtschaftswachstum. Vertrauen in andere Menschen und Institutionen sei essenziell für sozialen und wirtschaftlichen Fortschritt, heißt es in der OECD-Studie. Stabile Märkte agieren vorhersehbar. Zudem verlassen sich Marktteilnehmer darauf, dass sich alle an die Gesetze halten oder diese zumindest überwacht werden.

 

Hohe Schulden der Konzerne

Ein weiterer Vertrauensverlust könnte laut Patalano fatale Folgen haben: „Finanzieller Verlust, steigende Schulden und ein Erlahmen des Wirtschaftswachstums.“ Vor allem die hohen Schulden der Unternehmen sind alarmierend. In der vergangenen Dekade stiegen die Schulden der Unternehmen weltweit um 30 Prozent auf 70 Billionen US-Dollar in 2018. In der selben Zeit verdoppelte sich die Ausgabe von Unternehmensanleihen. Zwar seien die Gewinne gestiegen, aber die Produktion schwächelt. Das wirft kein gutes Licht auf die jahrelange Geldpolitik der Niedrigzinsen. „Mit niedrigen Zinsen nehmen die Unternehmen mehr Schulden auf“, sagt Patalano. „Sollten diese wieder steigen, geraten die Konzerne in Zahlungsverzug. Das könnte das Wirtschaftswachstum belasten und infolge dessen das Bankensystem.“ Um das Vertrauen in die Wirtschaft wieder zu stärken startet die OECD die Initiative „Trust in Business Initiative“ – kurz: TruBuNe.

 

Warnung vor Krypto-Coins

Ein Effekt des starken Vertrauensverlustes in das Finanzsystem nach der Finanzkrise sind neue Technologien. Sie brachten Fintechs, automatisierten Handel (High frequency Trading) und Kryptowährungen. Investoren suchten alternative Marktplätze, die nicht von zentralen Institutionen abhängig sind. Obwohl das Vertrauen bei Innovationen sehr fragil ist, steht der Technologie-Sektor im Vertrauensbarometer am besten da.

Die größte Skepsis herrscht gegenüber den Finanz-Dienstleistern. Erhebliche Verluste am Kryptowährungsmarkt wirkten sich bisher nicht auf den Wertpapiermarkt aus. Trotzdem warnt die OECD vor einer Verzahnung der beiden, welche größere Belastungen bringen könnte. Die Überwachung und Regulierung müsste hier ausgebaut werden. Vor allem mit Blick auf sogenannte stable coins, wie der Internet-Konzern Facebook eine plant, die dem Fiat-Geld echte Konkurrenz machen könnten. Es herrsche große Ungewissheit über den Einfluss auf die Liquidität der traditionellen Märkte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.09.2019)

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