Banges Warten auf die finanzielle Droge

Die Anleger haben ihre Augen nur noch nach Frankfurt und Washington gerichtet. Die EZB dürfte am Donnerstag, die US-Notenbank Fed nächste Woche ihre Geldpolitik lockern. Die Frage ist, wie stark. In Frankfurt soll sich Frust breitmachen.

In der EZB herrscht angeblich Unmut über Notenbank-Chef Mario Draghi.
In der EZB herrscht angeblich Unmut über Notenbank-Chef Mario Draghi.
In der EZB herrscht angeblich Unmut über Notenbank-Chef Mario Draghi. – (c) REUTERS (Kai Pfaffenbach)

Wien. Zwei Tage vor der mit Spannung erwarteten Ratssitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) gaben die Anleger am gestrigen Dienstag wieder einmal zu verstehen, dass sie ihr Schicksal gänzlich in die Hand der Geldpolitik gelegt haben und entsprechend von ihr abhängig sind wie von einer Droge. Konkret äußerte sich das darin, dass die europäischen Leitbörsen verunsichert auf der Stelle traten.

Während der DAX am späten Nachmittag immerhin leicht im Plus lag, pendelte der Euro Stoxx 50, der die führenden Unternehmen der Eurozone umfasst, um die Nulllinie. Und die US-Börsen ihrerseits eröffneten den Handel mit Blick auf die dortige Notenbanksitzung nächste Woche einheitlich schwächer.

 

Frustration in der EZB?

Was die morgige Sitzung der EZB betrifft, so sind sich Experten zwar weitgehend einig, dass die Währungshüter ihre bereits sehr expansive Geldpolitik abermals lockern werden. Die offene Frage ist aber, wie umfangreich diese Lockerung letztlich ausfällt. Ist sie zu gering, dürften die verwöhnten Börsen verschnupft reagieren.

Allgemein rechnen die Experten fest damit, dass die EZB den Zins für Einlagen bei der Notenbank senkt. Außerdem erwarten sie eine Wiederaufnahme der Wertpapierkäufe.

Am Dienstag ließ ein Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg aufhorchen, der scheidende EZB-Präsident, Mario Draghi, könnte bei einer möglichen Neuauflage des Anleihenkaufprogramms auf Widerstand im EZB-Rat stoßen. Mehrere Ratsmitglieder seien offenbar skeptisch gegenüber der Notwendigkeit dieser Maßnahme, berichtete Bloomberg und berief sich auf namentlich nicht genannte Vertreter der Notenbank, die mit den Beratungen im Vorfeld der EZB-Ratssitzung am Donnerstag vertraut seien.

Wie es in dem Bericht weiter hieß, scheine sich bei einzelnen Ratsmitgliedern mittlerweile auch Frustration über die Vorgehensweise von Notenbank-Chef Draghi zu zeigen, der die EZB zu einem weitgehenden geldpolitischen Maßnahmenpaket bewegen wolle. Einige Ratsmitglieder könnten die Gelegenheit nutzen, um ein Signal zu setzen, dass Meinungen innerhalb des EZB-Rates größeren Respekt verdienten, so Bloomberg weiter.

In den vergangenen Wochen hatte es aus den Reihen der Ratsmitglieder vermehrt Widerspruch neuen Anleihekäufen gegenüber gegeben. Zu den Kritikern zählen vor allem Notenbanker, die Anleihekäufen grundsätzlich abgeneigt sind, darunter Bundesbankpräsident Jens Weidmann oder der niederländische Notenbankchef, Klaas Knot. Vor wenigen Tagen hat sich zudem Frankreichs Zentralbank-Chef, François Villeroy de Galhau, eher verhalten geäußert.

 

Fed steht Gewehr bei Fuß

Die meisten EZB-Beobachter glauben aber immer noch an Draghis Fähigkeit, die Zweifler zu überwinden.

Was die US-Notenbank Fed betrifft, so erwarten Börsianer für kommende Woche eine erneute Zinssenkung.

Der schwache US-Arbeitsmarktbericht vom Freitag schürte diese Spekulationen. Fed-Chef Jerome Powell signalisierte bereits kurz nach Veröffentlichung der Beschäftigtenzahlen Bereitschaft zu einer weiteren Lockerung der Geldpolitik.

Sorgen die Notenbanken also da wie dort für Unruhe, so blieb es gestern an der Datenfront ruhig. Weder in Europa noch in den USA stehen wichtige Datenveröffentlichungen auf der Agenda.

 

Bankentitel gefragt

Unter den Einzelwerten ging es gestern mit den Aktien der Schweizer Großbank UBS um über vier Prozent bergauf, nachdem das Analysehaus Kepler Cheuvreux eine Kaufempfehlung ausgesprochen hatte.

An der Wall Street waren Bankaktien generell gefragt. Goldman Sachs, JP Morgan und Bank of America gewannen jeweils zwischen 1,2 und 1,4 Prozent.

Unterdessen rutschten die Aktien des Versorgers EDF in Paris um 6,7 Prozent ab. Zuvor hatte das auf Atomkraftwerke spezialisierte Tochterunternehmen Framatome mitgeteilt, dass einige Komponenten nicht den Produktionsstandards entsprächen. (ag./est)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2019)

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