Factoring: „Noch viel Aufholbedarf“

Nach kräftigem Aufschwung im Vorjahr hofft die Branche auf weiteres Wachstum. Im Factoringvertrag kann auch die Übernahme des Zahlungsausfallsrisikos vereinbart werden.

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Wenn Unternehmen ihren Kunden Zahlungsziele einräumen, wird Factoring ein Thema. Dabei verkauft man seine offenen Forderungen an einen Spezialisten und erhält dadurch sofort Liquidität.

2010 teilten sich im Wesentlichen fünf Institute den heimischen Factoring-Markt: Intermarket Bank, FactorBank, Raiffeisen Factor Bank, VB Factoring Bank und Coface Austria. Kreditversicherer Coface will sich nun aus dem Factoring-Geschäft zurückziehen, die Intermarket-Mehrheit soll von der Erste Bank übernommen werden. Der Deal sei unterschrieben, müsse aber noch genehmigt werden, sagt Sebastian Erich, Leiter des Bereiches Großkunden der Erste Bank. Das Marktpotenzial schätzt er als hoch ein: Der Factoring-Umsatz, gemessen am BIP, betrage in Österreich erst zwei Prozent, in Deutschland vier, in Großbritannien zwischen 13 und 17 Prozent.

 

Mehr als 20 Prozent Wachstum

„Der österreichische Factoring-Markt hat 2010 um 25 Prozent zugelegt und wies insgesamt ein Umsatzvolumen von 8,3 Milliarden Euro aus“, berichtet Theo Hibler, Vorstandsvorsitzender der Intermarket Bank und Präsident des österreichischen Factoringverbandes. Gerhard Ebner, Vorstand der VB Factoring Bank, prognostizierte – damals noch als Verbandspräsident – auch für heuer ein zweistelliges Umsatzwachstum. „Dazu stehe ich nach wie vor“, sagt er und nennt als Gründe für den Aufwärtstrend das Anspringen der Konjunktur und den Wegfall der Rechtsgeschäftsgebühr: „Diese ,Kreditsteuer‘ erschwerte massiv den Zugang, insbesondere zum großvolumigen Geschäft.“

Im Factoringvertrag kann auch die Übernahme des Zahlungsausfallsrisikos vereinbart werden – nicht zuletzt deshalb nehmen viele Exporteure diesen Dienst in Anspruch. Generell kommt, so Hibler, Factoring besonders für Unternehmen in Frage, die hohe Forderungsstände, lange Zahlungsziele oder saisonale Spitzen und Umsatzschwankungen haben. Oder, so Michael Kaltenbeck, Vorstand der Factorbank, für solche, „die expandieren wollen, mehr Liquidität benötigen, das Ausfallsrisiko ihrer Abnehmer im In- und Ausland absichern möchten und eine Bilanzverkürzung anstreben“.

Beim Mindestumsatz, ab dem Facoring Sinn macht, scheiden sich die Geister. Kaltenbeck geht in seiner Checklist von drei Millionen Euro aus, arbeitet aber aktuell auch an einem Modell für Unternehmen ab einem Jahresumsatz von 500.000 Euro; Hibler sieht eine Grenze von 700.000 Euro als sinnvoll an. Laut Erich ist Factoring „für fast alle Unternehmen interessant, wenn sie nicht gerade nur zwei bis drei Rechnungen im Jahr legen oder Barzahlungsgeschäfte betreiben“. Das größte Wachstum liege im KMU-Bereich, bestätigt Gerhard Prenner, Chef der Raiffeisen Factor Bank. „Gerade hier besteht in Österreich Aufholbedarf.“

Vorangetrieben werden muss der Imagewandel: „Kunden wie Banken fragen sich oft noch, was da los ist, wenn sie die Zwischenschaltung von Factoring erkennen“, so Erich. Ein Umdenken sei jedoch im Gang. Hibler ergänzt: „Die Unternehmen haben viel aus den letzten beiden Jahren gelernt – da gibt es auch fruchtbare Bemühungen, das Forderungsmanagement zu professionalisieren.“ ab

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.06.2011)

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