Raritäten: „Flucht in Sachwerte“

Historische Aktien, Münzen, Briefmarken: Sammeln wird immer mehr zur Form der Geldanlage.

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Es gibt sie tatsächlich: Aktien und Schuldverschreibungen, deren Kurse weder von der Konjunktur noch von Börsentrends abhängen. Am 26. November 2011 werden im Wiener Hotel am Stephansplatz historische Papiere versteigert, für deren Wert ganz andere Kriterien gelten. Zum Beispiel künstlerische Gestaltung, Seltenheit, Erhaltungszustand. Und wenn das Unternehmen, von dem der Anteilsschein stammt, gar nicht mehr existiert, muss das auch kein Schaden sein.

Gerade in unsicheren Zeiten hat das seinen Reiz, weil von vornherein klar ist: Für die weitere Wertentwicklung solcher Papiere spielen die Turbulenzen in der Eurozone nicht wirklich eine Rolle. Hier hat die Sammlerleidenschaft das Sagen, und die hat sich – zumindest bis zu einem gewissen Grad – bislang als krisenresistent erwiesen. Was allerdings auch bedeutet, dass die konkrete Preisentwicklung eines einzelnen Papiers noch schwerer vorhersagbar ist als bei jenen, die an der Börse gehandelt werden. Und man schon selbst ebenfalls Spaß an der Sache haben muss, wenn man sich auf solche Investments einlässt.

Dabei kann es durchaus um beachtliche Werte gehen, das zeigen die Rufpreise der bevorstehenden Auktion. Das teuerste Stück ist eine Schuldverschreibung Kaiser Leopolds I. aus dem Jahr 1675. Sie trägt die eigenhändige Unterschrift des Kaisers, was Bietern mindestens 2800 Euro wert sein sollte.

Auch unter den Industrietiteln finden sich teure Stücke: So bringt es eine Aktie der St Egydyer Eisen und Stahlindustrie-Gesellschaft aus dem Jahr 1883 auf einen Rufpreis von 1200 Euro, ein Anteilsschein der Leykam-Josefsthal-AG für Papier- und Druck-Industrie aus dem Jahr 1888 gar auf einen Rufpreis von 1700 Euro.

Vergleichsweise billig zu haben, ab 70 Euro, ist da ein Geschäftsanteilsschein der Konsumgenossenschaft aus dem Jahr 1993. Wer sich auf bestimmte Sammlerthemen verlegt hat, kann ebenfalls fündig werden. Besonders gilt das für Eisenbahnfans. Der Rufpreis für eine Gründeraktie der Grazer Waggon-, Maschinenbau- und Stahlwerks-Gesellschaft beträgt 650 Euro, eine Gründeraktie der Mittenwaldbahn in Tirol aus dem Jahr 1911 ist ab 480, eine ebensolche der Kahlenberg-Eisenbahn-Gesellschaft aus 1873 ab 550 Euro zu haben. Letztere hat bei einer Auktion vor zwei Jahren immerhin 1200 Euro erzielt. Vergleichsweise billig: ein Papier mit Faksimile-Unterschriften von Arnold Schwarzenegger und Demi Moore. Es wird mit einem Rufpreis von 75 Euro angeboten.

 

Besinnung auf historischen Wert

Auch sonst hat die Jagd nach Raritäten derzeit Saison. Das Sammeln habe sehr stark den Charakter der Geldanlage angenommen, meint Universitätsprofessor Wolfgang Szaivert, Leiter des Instituts für Numismatik und Geldgeschichte an der Universität Wien: „Die Preise auf Auktionen steigen ins Unermessliche.“ Dessenungeachtet plädiert er aber dafür, etwa bei Münzen ihren historischen Wert wieder mehr in den Vordergrund zu rücken – mit einem solchen Sammlerstück könne man sich „die Antike ins Haus und auf den Schreibtisch holen“.

„Politische und währungsbedingte Unsicherheiten begünstigen die Flucht in Sachwerte“, meint auch der Schweizer Auktionator Peter Rapp. In dessen Auktionshaus in Wil findet vom 21. bis 25 November 2011 eine Briefmarken- und Münzauktion statt, die nach Angabe von Rapp die weltweit umsatzstärkste dieses Jahres werden soll und stark von österreichischen Sammlungen geprägt ist. So kommt auch jene von Simon Wiesenthal unter den Hammer. Sie umfasst unter anderem 4800 Marken und 260 Briefe – und auch einige besonders seltene Fälschungen. Der Schätzwert beträgt rund 150.000 Euro. cka

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.11.2011)

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