Winterdepressionen und das Risiko

Saisonale Stimmungsschwankungen sorgen dafür, dass Aktien im Winter meist billiger sind als im Sommer. Depressive scheuen das Risiko, sagen kanadische Forscher.

(c) Erwin Wodicka

Wien. Die meisten Anleger dürften diese alte Börsenweisheit kennen: „Sell in May and go away, but remember to come back in September.“ Im Mai alle Aktien verkaufen und im September wieder einsteigen – dass sich diese Strategie durchaus lohnen könnte, dafür haben kanadische Forscher nun eindrucksvolle Argumente vorgelegt. Lisa Kramer und Mark Weber untersuchten, welchen Einfluss Winterdepressionen auf Aktienkurse haben und kamen zum Ergebnis: Menschen, die unter saisonal bedingten Stimmungsschwankungen leiden, scheuen das Risiko.

Dieser Effekt ist so stark, dass die Aktienkurse üblicherweise am tiefsten im Herbst stehen und im Frühjahr wieder steigen. Natürlich passiert das nicht jedes Jahr – für den Schnitt der vergangenen Jahre konnte der Effekt aber eindeutig nachgewiesen werden. Zuvor haben medizinische Studien gezeigt, dass bis zu zehn Prozent der amerikanischen Bevölkerung unter Winterdepressionen („Seasonal Affective Disorder“) leiden. Doch auch die Stimmungsschwankungen beim Rest der Bevölkerung hätten ihren Einfluss, schreiben Kramer und Weber in ihrem Forschungspapier „This is your Portfolio on Winter“, das kürzlich erschienen ist.

 

Börsencrashs im Herbst

„Wir sind erstaunt, dass wir die Ersten sind, die diesen Effekt dokumentieren“, sagt Studienautorin Kramer, die für einen Vortrag beim WU Gutmann Center in Wien weilte, im Gespräch mit der „Presse“. „Die Datenlage ist so eindeutig.“ Dass menschliche Schwächen eine immer kleinere Rolle spielen, wenn Computer die Entscheidungen an der Börse übernehmen, glaubt Kramer nicht: „Den menschlichen Faktor wird es immer geben.“ Die meisten Investoren behielten sich nämlich die Möglichkeit vor, den Computer zu überstimmen. „Sehr oft tun sie das auch.“

Ein weiterer Beweis für Kramers Theorie: Die meisten Börsencrashs fanden bisher im Herbst statt, also im September oder Oktober. Die Forscher fanden auch heraus, dass der wichtigste Zeitpunkt jener ist, an dem die meisten Betroffenen beginnen, die Symptome der Winterdepression zu spüren. Und das ist – vielleicht überraschenderweise – der September. Der Grund für die Krankheit ist übrigens der Mangel an Tageslicht. Kürzere Tage schlagen aufs Gemüt. Das ist auch der Grund, weshalb der Effekt umso ausgeprägter war, je weiter entfernt ein Börsenplatz vom Äquator ist.

 

Geld nach Jahreszeit verschieben

Das führte zu folgender Modellrechnung: Ein Investor, der jeweils 50 Prozent seines Vermögens 20 Jahre lang in schwedischen und australischen Aktien geparkt hatte, hätte auf diese Weise 13 Prozent Wertzuwächse pro Jahr erzielt. Hätte er das Geld alle sechs Monate hin- und hergeschoben, wären sieben zusätzliche Prozentpunkte herausgesprungen. „Man muss vorsichtig sein, denn das Beispiel ist natürlich nicht repräsentativ. Aber es zeigt, wie extrem der Effekt sein kann“, so Kramer.

Grafik: Die Presse

Welche Lehren können Anleger aus diesen Erkenntnissen ziehen? Alle Papiere im Mai zu veräußern, ist praktisch nicht sinnvoll, denn im Sommer muss das Geld ja auch irgendwo liegen. Kramer selbst nennt als Möglichkeit, den Effekt zu nützen, im Winter mit größeren Hebeln zu arbeiten. „Aber das ist natürlich sehr riskant.“ Daneben könne man sich überlegen, wie man sein Geld geschickt über den Globus verteilt. Im Sommer sollte man demnach eher in der südlichen Hemisphäre investieren, und umgekehrt im Winter. Günstige Aktien bedeuten nämlich auch eine höhere Dividendenrendite. Und die regelmäßigen Ausschüttungen machen einen größeren Unterschied, als viele Anleger denken.

Was Sie beachten sollten bei... den Jahreszeiten an der Börse

Tipp 1

Statistik. Die Daten basieren auf dem Schnitt vieler Jahre. Was nächstes Jahr passiert, steht völlig in den Sternen. Statistische Ausreißer wie schwere Finanzkrisen kann es immer wieder geben – auch im Frühjahr.

Tipp 2

Regionen. Die Auswirkung von Winterdepressionen auf Börsenkurse ist umso stärker, je weiter man sich vom Äquator wegbewegt. Der Grund für die schlechte Stimmung ist nämlich der Mangel an Tageslicht.

Tipp 3

Strategie. Eine mögliche Strategie, um von dem Effekt zu profitieren, kann sein, das Geld alle sechs Monate neu zwischen Süden und Norden zu verteilen. Dies dürfte sich aber erst nach mehreren Jahren auszahlen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2012)

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