Cocoonen zwischen Fleischerhaken

Sabine Fajana, Innenarchitektin und Designerin, hat den ehemaligen Betrieb ihrer Eltern zu ihrem privaten Refugium gemacht. Spuren der Vergangenheit sind allgegenwärtig.

(c) Fajana

Die Innenarchitektin und Designerin Sabine Fajana hat eine ehemalige Fleischhauerei in Wien Floridsdorf zu einem großzügigen Loft und Atelier umgebaut. Das 990 Quadratmeter große Anwesen im Arbeiterbezirk Floridsdorf zwischen Gemeindebauten und Kellergassen besteht heute aus Fajanas Atelier und drei getrennten Wohneinheiten auf zwei Etagen: Im Ostflügel findet sich die Modewerkstatt der Schwester, in der Mitte liegen ihr eigener Wohnbereich und das Atelier, im Westflügel haben sich die Eltern eingerichtet. Große Fensterfronten und eine Außentreppe aus Metall im Pawlatschenhausstil vergrößern die glatte Fassade optisch. Der idyllische Innenhof, in dem ein Brunnen leise plätschert und Oleanderbäume in stattlichen Plastiktöpfen gedeihen, vermittelt provenzalisches Flair und hat Dorfplatzcharakter. Fast könnte man es vergessen – hier wurden früher Tiere geschlachtet.

Renovierung in Etappen

Die ziemlich klobigen Haken aus Porzellan sind immer noch da, genauso wie die weißen Fliesen und die schwere Metalltür, die zum ehemaligen Kühlraum führt. Auch die Ziegelmauer blieb erhalten, genauso wie der Ofen und die Töpfe aus Inox. In der Wohnküche zwischen Holztisch, Pfannen und Häferln aus schwarzem Email ziert das Namensschild des elterlichen Betriebs die weißgekachelte Fassade als stylisches Wandobjekt.
Die Renovierung des Gebäudes, das aus den 1940er-Jahren stammt, musste in mehreren Etappen durchgeführt werden. „Wir haben viele Trennwände entfernt, um ein offenes Gesamtbild mit sehr wenigen Türen zu schaffen. Die letzte Etappe war die Konstruktion meines Ateliers im Jahr 2012, ein sehr helles Loft mit großen Glasfronten, das oberhalb der ehemaligen Scheune liegt“, erzählt Fajana. Design, Natur und viel Emotion – das sind die Stützpfeiler der ganz eigenen Welt von Fajana. Die Innenarchitektin, die lange Zeit in London für so prestigeträchtige Namen wie V&A, die National Gallery, Oberoi Hotels, Burberry oder Swarovski gearbeitet hatte, beschloss im Jahr 2008, ins heimatliche Wien zurückzukehren. Slow Design in Wien statt Rushhour in London. Gleichzeitig entstand ihr eigenes Label Vividgrey – hochwertige Heimtextilien und Leuchten aus Biobaumwollen und Reinleinen. „Auslöser war die Geburt meines Sohnes Raven“, so die Designerin. „Dass meine Eltern gerade zu diesem Zeitpunkt beschlossen, die Fleischhauerei aus Altersgründen aufzugeben, war Zufall. Und gab mir die Möglichkeit, gleich mit dem Umbau des Ortes beginnen zu können.“ Wichtig sei es dabei allen Beteiligten gewesen, so viele Elemente wie möglich aus der alten Fleischhauerei zu erhalten, betont sie. „Und ich wollte für meinen Sohn einen ,Cocoon‘ schaffen, ein Umfeld, in dem wir uns alle wohlfühlen.“ Ähnlich wie ihre Kreationen von Vividgrey wird auch ihr neues Heim von Grau in allen Schattierungen durchzogen. Was auch perfekt zu den Überresten des ehemaligen Familienbetriebs passt. Ihre stilvollen Teppiche in organischen Formen, die handgefärbte Bettwäsche und großen Lampenschirme aus Leinen harmonieren perfekt mit der Welt von gestern: mit den klinischen Metallmöbeln, den Regalen aus Nirosta, den weißen Kabeln und Abflussrohren oder den industriellen Lichtschaltern und weißen Kacheln.

Leben in der Großfamilie

Versteckt wird nichts, was an früher erinnert, ganz im Gegenteil. Alt und Neu in perfekter Osmose, Schnitzelfleisch, Beiried, Wurst und Co. wurden von Stoffballen abgelöst, Nähmaschinen ersetzen den Fleischwolf. Dank der großzügigen Architektur, bei der jeder seinen Freiraum besitzt, entwickelt sich so langsam eine neue Form des Zusammenlebens. Der Esprit der Großfamilie – in einer Version des 21. Jahrhunderts.

Zur Person/zum Ort

Sabine Fajana ist Innenarchitektin und Gründerin des Textildesignlabels Vividgrey. Nachdem sie 2008 aus London zurückgekehrt war, begann sie damit, die alte Fleischerei ihrer Eltern sukzessive zu einem Atelier mit mehreren Wohnbereichen umzubauen. Dabei war es ihr wichtig, die Spuren der Vergangenheit zu erhalten. Entstanden ist ein Generationenrefugium, in dem neben ihrer eigenen Familie auch ihre Eltern und ihre Schwester Platz gefunden haben. www.vividgrey.co

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