Große Korrektur: Wo will der Goldpreis hin?

Analyse. Die Aufregung war groß, als der Goldpreis um 50 Prozent einbrach. Viele warfen das Handtuch. Das war 1974. Sechs Jahre später war der Preis wieder um 700 Prozent gestiegen. Was wir aus der Vergangenheit lernen können.

Gold
Gold
Gold – (c) REUTERS (YUYA SHINO)

[Wien] Wäre dies ein „normaler" Goldtext, würde hier wohl ein Goethe-Zitat stehen. Oder irgendein anderer knackiger Satz aus dem gut gefüllten Reservoir von Weisheiten über Gold. Aber dies ist kein „normaler" Text, es sind für Goldanleger derzeit auch keine „normalen" Zeiten. Denn der Goldpreis ist „so stark gesunken wie seit 1920 nicht". Okay, verglichen wird da bloß der Quartalsverlauf - und preislich steht Gold ungefähr auf dem Niveau von 2010 - nicht etwa dem von 1921. Aber trotzdem: Der Rückgang im Preis seit dem Allzeithoch um 1900 Dollar war dramatisch.

Mehr als 35 Prozent rauschte der Goldpreis seit damals in die Tiefe - am Freitag tauchte der Preis sogar unter die 1200-Dollar-Grenze. Es scheint, als würde der Preis nach unten derzeit keine Grenzen kennen - und Anleger sind zu Recht besorgt, „ins fallende Messer" zu greifen. Wer Anfang des Jahres nahe dem Hoch von 1900 Dollar eingestiegen ist, wird verständlicherweise nervös. Und während die Ursachen für den Preisverfall relativ klar sind (Unsicherheiten über die US-Geldpolitik, Liquiditätsprobleme der Banken in China), bleibt die Frage: Wie geht es weiter?

Wie damals im Jahr 1974

Gold ist eine sehr, sehr emotionale Angelegenheit - sowohl für Experten als auch für Anleger. Dass die Antigoldfraktion jetzt Ehrenrunden durchs Stadion dreht, ist verständlich. Aber die meisten Goldspezialisten sehen sich die Daten an und fragen: Was hat sich geändert? Und sie sehen sich die Charts an und wollen wissen: Wann ist die Korrektur vorbei?

Dass es sich um eine Korrektur handelt, steht für Ronald Stöferle, Autor des gerade erschienenen siebten „Goldreports" der Erste Group genauso außer Frage wie für Tom Fitzpatrick und sein Team technischer Währungsanalysten bei der Citibank. „Wir sehen diese Entwicklung nicht als den Beginn eines Gold-Bärenmarktes. Wir glauben vielmehr, dass es sich einfach um eine weitere Korrektur innerhalb des Aufwärtstrends handelt", schreiben die Citi-Analysten. Entscheidend sei nun die Frage, ob die Korrektur eher jener von 2008 gleicht - oder doch der von 1974. Letztere war stärker und länger: Gold korrigierte binnen 20 Monaten um 44 Prozent: von knapp 200 auf ein bisschen mehr als 100 Dollar - nur um dann binnen drei Jahren auf ein Hoch von mehr als 800 Dollar zu klettern.

Laut Stöferles „Goldreport" hat der Goldpreis seit dem Beginn des Bullenmarktes 2001 fünf Korrekturen erlebt. Die aktuelle ist wegen ihrer Länge (fast zwei Jahre) aber ungewöhnlich. Insgesamt erinnert die aktuelle Korrektur (auch wegen des Absinkens des Preises auf unter 1200 Dollar) mehr an 1974 als an 2008. Und natürlich kann die Vergangenheit nur ein Anhaltspunkt sein.

Die aktuellen (sich ständig ändernden) Prognosen der großen Banken sind jedenfalls verhalten - von einem rasanten Wiederanstieg des Preises geht derzeit niemand aus. Das 12-Monats-Ziel der Erste liegt jetzt bei 1480 Dollar. Denn: Die derzeitige Phase fallender Inflationsraten (Disinflation) „bedeuten das denkbar ungünstigste Umfeld für Gold", so Stöferle. Auch hier sind die 1970er-Jahre ein gutes Fallbeispiel. Aus einer Disinflation wird aber in der Regel (je nach Antwort und Spielraum der Notenbanken) entweder eine echte Deflation - oder die Inflation kehrt zurück. Beide Szenarien sind positiv für Gold.

Auch deswegen geben sowohl Stöferle als auch Fitzpatrick weiterhin durchaus optimistische, langfristige Ziele aus. Stöferles Ziel liegt bei 2230 bis 2300 Euro, was inflationsbereinigt dem Hoch von 1980 entsprechen würde. Citi geht sogar von einem Anstieg des Goldpreises auf bis zu 3500 Dollar bis 2016 aus. „Der langfristige Trend hin zu höheren Goldpreisen ist sehr intakt", heißt es. Beide berufen sich auf die dem Markt zugrunde liegenden Fundamentaldaten, die heute sogar noch besser für Gold seien als in den 1970ern oder 2008.

Was auf den ersten Blick paradox aussieht: Während der Goldpreis fällt, steigt die Nachfrage nach (physischem) Gold weiter stark an. Sowohl die Zentralbanken als auch Kleinanleger (vor allem in Asien) kaufen weiter zu. Allein die Türkei, Russland, Südkorea und Brasilien haben seit Juli 2012 insgesamt mehr als 200 Tonnen Gold zugekauft. Insgesamt haben die Zentralbanken mehr als 500 Tonnen gekauft. Und China (der potenziell größte „Goldkunde") ist da gar nicht eingerechnet, weil die Goldkäufe nicht veröffentlicht werden.

Der aktuelle Preisrückgang dürfte in erster Linie auf die Spekulation bei den Termingeschäften zurückzuführen sein („Papiergold"). Das ist zwar kein Trost für Goldmünzenbesitzer, die jetzt das Gefühl haben, „Geld zu verlieren". Aber: Für sie spielt Gold im Portfolio (fünf bis zehn Prozent werden in der Regel empfohlen) eine ganz andere Rolle als für Spekulanten. „Die wahre Bedeutung von Gold liegt in seinem Besitz", schreiben Stöferle und sein Ko-Autor Mark Valek. „Der Papiermarkt basiert hingegen auf zahlreichen Versprechen unterschiedlichster Gegenparteien. Man sollte deshalb die Partizipation an einer Kursbewegung nicht mit dem Besitz eines Vermögenswertes gleichsetzen."

Viele Spekulanten sind raus

Elementar sei die Unterscheidung zwischen dem „Goldpreis" und dem „Preis von Gold". Ersterer ist für Spekulanten entscheidend, Zweiteren erfährt man beim Münzhändler, der stets einen Aufschlag verlangt. Diese Unterscheidung zwischen „Papiergold" und „physischem Gold" erklärt auch, warum ausgerechnet der Preisverfall zu einer explodierenden Nachfrage nach Barren und Münzen geführt hat: Den Kleinanlegern erscheint physisches Gold jetzt günstig - und zwar weltweit. Die US Mint verzeichnete im April eine Umsatzsteigerung von 950 Prozent (!), in Indien stieg die physische Nachfrage um 138 Prozent, und die chinesischen Goldimporte über Hongkong kletterten auf mehr als 200 Tonnen.

Und auch auf dem Terminmarkt scheint eine Trendwende bevorzustehen. Die „schwachen Hände" wurden aus dem Markt gekegelt - die verbleibenden Händler hätten sich inzwischen für „höhere Goldpreise positioniert", so Stöferle. Eine Erholung des Preises könne aber lange dauern, weil die Korrektur im Chartbild „massiven technischen Schaden angerichtet hat".

In jedem Fall gilt, was auch Goethe schon wusste: „Zur Einsicht in den geringsten Teil ist die Übersicht des Ganzen nötig."

 

Kommentar zu Artikel:

Große Korrektur: Wo will der Goldpreis hin?

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen