Arme Reiche: Der stille Oligarch und das Stahlwerk

Der Ukrainer Konstantin Schewago ist 34 Jahre alt, reich und Abgeordneter.

Sofia. Am Mittwoch musste sich Konstantin Schewago durch eine Meute vor dem Sofioter Ministerrat lauernder Journalisten kämpfen, um zum bulgarischen Ministerpräsidenten vorzudringen. Als er Sergej Stanischev endlich gegenüberstand, machte der 34-Jährige mit seinem rundlichen Jungengesicht, im dunklen Anzug mit blauer Krawatte eher den Eindruck eines perfekten Schwiegersohns als den eines milliardenschweren Wirtschaftsbarons, der sich anschickt, Kremikovtzi, das größte Stahlwerk auf dem Balkan, zu kaufen.

Die geschäftliche und politische Karriere des in seiner ukrainischen Heimat als „Stiller Oligarch“ bekannten Schewago ist beeindruckend: Er kam im Jänner 1974 in einem Dorf nahe der ostsibirischen Stadt Magadan zur Welt und wurde mit 19 Jahren Angestellter einer Bank in Kiew. Drei Jahre später war er deren Verwaltungschef und entwickelte sie in der Folgezeit als Unternehmensgruppe „Finanzen und Kredit“ zur Holding seines Wirtschaftsimperiums. Gute Kontakte zu Geschäftsleuten und Politikern halfen ihm beim Vermögensaufbau: So dürfte ihm seine Freundschaft zum Sohn des seinerzeitigen ukrainischen Transportministers Valerii Tscherpe den Zugang zu den Archiven der Zollbehörden erleichtert haben.

Der Sage nach verschaffte sich Schewago während des ukrainischen Privatisierungsprozesses in den dort vorhandenen Außenhandelsstatistiken einen Überblick über die 300 perspektivträchtigsten Unternehmen. Im Rahmen eines schwunghaften Handels mit deren Beteiligungen, kaufte er Firmenangehörigen ihre Anteile billig ab, um sie nach strategischen Überlegungen zu halten oder teurer weiterzuverkaufen.


Wurstfabrik und Fußball

Säulen von Schewagos Unternehmensgruppe sind heute die Bank „Finanzen und Kredit“ sowie das in der Schweiz registrierte und an der Londoner Börse notierte Unternehmen Ferrexpo, das die Vorkommen der weltweit viertgrößten Eisenerzmine Poltava vertreibt. Außerdem verfügt er über Immobilien und Produktionsbetriebe wie den Nutzfahrzeugehersteller KrAZ in Krementschuk und die dortige Wurstfabrik. Das Wirtschaftsmagazin Forbes führt ihn an fünfter Stelle der ukrainischen Oligarchen-Rangliste mit einem geschätzten Vermögen von einer Mrd. Dollar (670 Mio. Euro). Als Präsident sitzt Schewago zudem in der ersten ukrainischen Liga kickenden Fußballverein Vorskla Poltava vor.

„Die Wirtschaft in der Ukraine funktioniert weitgehend unabhängig von der Politik“, sagte Schewago während der heiklen politischen Krise in der Ukraine im Vorfeld der letzten Parlamentswahlen vom Herbst 2007. Zu Beginn seiner politischen Laufbahn stand er auf der Seite des pro-russischen Viktor Janukovitsch, doch rechtzeitig vor der orangen Revolution konvertierte er zum Parteigänger der westlich-orientierten Julia Timoschenko. Für ihre Partei sitzt er auch als Abgeordneter im nationalen Parlament.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.02.2008)

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