Autobahn-Bau: 13-Jährige „am Bau“ – mit Handy-Warnsystem

Der ungarische Partner ging dem österreichischen Konsortium Porr/Teerag-Asdag durch Konkurs verloren – und hinterließ ein Gewirr von Verträgen, denen zufolge auch Kinder beschäftigt werden.

(c) EPA (Vassil Donev)

BUDAPEST/ WIEN. Die M7 sollte die Musterautobahn Ungarns werden, mit der höchsten Talbrücke unseres östlichen Nachbarn und der „internationalsten“ Bautruppe, einschließlich eines österreichisch-ungarischen Konsortiums. Die Direktverbindung zwischen Budapest und dem Dreiländereck zu Kroatien und Slowenien sowie weiter zur Adria sollte rechtzeitig zur Sommersaison fertig sein.

Geworden ist sie ein Fleckerlteppich kleiner und mittlerer Skandale. Und eines großen: Ausgerechnet an jenem Teilstück, das von Porr und Teerag-Asdag gebaut wird, ist Kinderarbeit aufgeflogen.

Aufgedeckt wurde die Beschäftigung von Zehn- bis 14-Jährigen beim letzten Teilstück in Südwestungarn durch die regionale Tageszeitung „Zalai Hírlap“. Laut Károly Rontó, dem Notar der Ortschaft Zalakomár, werden die Kinder Tag für Tag an wechselnden Orten engagiert, um für ein Tagessalär zwischen tausend und 2000 Forint (4,25 bis 8,50 Euro) Hilfsarbeiten aller Art zu verrichten oder Hänge zu begrünen. Sie gehören meist zu Roma-Familien, die wegen des Autobahnbaus aus den weit entfernten Komitaten Borsod und Szabolcs geholt worden seien, so Rontó. Die Gastarbeiter leben meist in Untermiete in Einfamilienhäusern – „nicht selten 19 Leute, zusammengepfercht in zwei Räumen“.


Wegen Diebstahls aufgegriffen

Nachdem am 26.Juni bei einer Routinekontrolle ein 13-jähriger Bub an der Baustelle aufgegriffen worden war, will der Notar bei einer Dorfversammlung allen Eltern gedroht haben: „Wenn die Kinder nicht in die Schule gehen, regnet es Anzeigen.“ Er, Rontó, habe von den Pädagogen die Listen der Fehlenden eingesammelt.

Doch die einzige Veränderung betraf das „Warnsystem“: An der Baustellenzufahrt wurden Achtjährige mit Handys postiert – sobald „fremde“ Autos auftauchten, verschwanden alle Kinderarbeiter.

Die Behörden beschäftigen sich mit der Kinderarbeit nur dann, wenn Delikte zu ermitteln sind. So wurde der 13-Jährige erwischt: Er soll an einem Einbruchsdiebstahl teilgenommen haben.

Laut Rontó „ist nicht eruierbar, wer die Kinder beschäftigt“. Es gebe keinerlei schriftliche Unterlagen, nur Aussagen, wonach täglich ein Mann auftauche, der sie per Handy zu diesem oder jenem Punkt der Baustelle dirigiere. „Auch die Polizei ist sich darüber im Klaren, wer die Kinder die schmutzige Arbeit verrichten lässt – aber so lange diese nicht aussagen, sind den Behörden die Hände gebunden“, sagte Rontó laut „Zalai Hírlap“. Auf die Beschäftigung Schulpflichtiger stehen in Ungarn bis zu acht Jahre Haft – wenn die Kinder gezwungen werden.

Viele der Roma-Väter aus Nordostungarn werden bei sogenannten „ausgelagerten Arbeiten“ wie Begrünung als „Subunternehmer“ beschäftigt. Nach Auskunft der „Nationalen Infrastruktur-Entwicklungs-AG“ (NIF) seien die Verträge schwer nachvollziehbar, weil sie meist von einem ungarischen Unternehmen abgeschlossen wurden, das in Konkurs ging. Die Aufgaben dieser Firma namens Viadom übernahmen Porr und Teerag-Asdag, offenbar auch die Verträge. Die beiden österreichischen Firmen äußern sich gegenüber Medien nicht zu diesen Fragen.

Nicht zuletzt wegen des Viadom-Konkurses ist die Autobahn M7 nicht wie geplant zu Ferienbeginn fertig geworden. Als Ministerpräsident Ferenc Gyurcsány Ende Juni den Abschnitt zwischen Plattensee und Zalakomár feierlich eröffnete, hieß es, dass das nächste, 15,5 Kilometer lange Teilstück Richtung Grenze mit einiger Verspätung im August fertig sein werde – mit oder ohne Kinderarbeit. Dann fehlt der Autobahn nur noch die Brücke über den Grenzfluss Mur, die von einem kroatischen Konsortium errichtet wird. Dann geht es aus Ungarn auf direktem Weg bis zur Adria.


Rechnungshof übt Kritik

Ausgerechnet in der Kinderarbeit-Aufregung gab es rund um die M7 einen weiteren Skandal: Der Rechnungshof übte heftige Kritik an der freihändigen Art, wie Baulose vergeben werden. Besonders arg fanden die Prüfer das Zustandekommen der Talbrücke von Köröshegy, des nun höchsten Viadukts Ungarns: Für das 76 Mrd. Forint teure Bauwerk seien von der NIF weder Alternativen geprüft noch Kalkulationen angestellt worden, so der Rechnungshof. Die Tageszeitung „Népszabadság“ vermerkte grimmig, aus dem Prüfbericht werde wohl kein Skandal entstehen. Schließlich sei die M7 unter der Regierung des bürgerlichen Fidesz beschlossen und unter den Sozialisten erbaut worden.

AUF EINEN BLICK

Kinder arbeiten an der ungarischen Autobahn M7, deren letztes Baulos von österreichischen Firmen errichtet wird.

Der Konkurs des ungarischen Partners und die damit verbundene Verspätung machte die Lage unübersichtlich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.07.2008)

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