Tourismus: Das Kommerz-Mirakel von Medjugorje

Wie sich ein staubiges Winzerdorf dank einer Marien-Erscheinung in ein einträgliches Touristen-Mekka verwandelte, das jährlich eine Tausende Pilger anzieht.

(c) AP (Amel Emric)

Medjugorje. Unbarmherzig flirrt die Hitze über dem rötlichen Gestein, während Pilger Michal heftig schnaufend die kahle Anhöhe erklimmt. Nein, schön sei Medjugorje sicherlich nicht, aber dennoch pilgere er alle zwei Jahre zu dem Wallfahrtsort in Bosnien-Herzegowina, erzählt der beleibte Pole aus Gorzow. Die „geistliche Läuterung“ lasse ihn alle zwei Jahre die Nähe zum Ort der legendären Maria-Erscheinung suchen, sagt Michal. Vom Vatikan sei Medjugorje „zwar noch nicht anerkannt“: „Aber zumindest die polnische Kirche organisiert schon jetzt regelmäßig Pilgerfahrten hierher.“

Vor dem Bildnis der Gottesmutter knien auf dem „Erscheinungshügel“ im Gebet versunkene Gläubige. Ein Priester stimmt mit sachter Stimme ein „Ave Maria“ an. Sie suche den Wallfahrtsort schon seit 24 Jahren auf, erzählt die Britin Pat Robinson: „Nirgendwo fühlt man sich Maria so nahe wie hier – es ist ein Ort spiritueller Stärke.“

 

Bau-Boom im Wallfahrtsmekka

Als die Britin 1984 das erste Mal Medjugorje ansteuerte, nahmen Einheimische die Pilger noch privat bei sich auf. Als sie ihre Gastgeber zwei Jahre später noch einmal aufsuchen wollte, konnte sie deren Haus bereits nicht mehr finden: „Medjugorje hat sich schnell verändert.“ Kräne überragen die Neubausiedlungen nahe der schlichten St-Jakobs-Kirche. Medjugorje boomt – und baut. Auf bis zu 1500 Euro sind die Quadratmeterpreise für eine Wohnung im Provinz-Nest geklettert. Nennenswerte Sehenswürdigkeiten hat der 4300-Seelen-Ort keine. Dennoch sind die rund 15.000 Gästebetten meist belegt. Mit knapp einer Million Übernachtungen im Jahr ist Medjugorje zu einem der populärsten Touristen-Ziele in Südost-Europa gewandelt.

Eine Erscheinung machte es möglich. Am 24.Juni 1981 berichteten sechs Jugendliche aus dem Dorf, dass ihnen auf dem nahen Hügel die Mutter Gottes mit einer Friedensbotschaft erschienen sei. „Unfassbar“ seien die damaligen Ereignisse für das Dorf und ihn selbst gewesen, erinnert sich Pater Tomislav. „Die Erscheinung überrumpelte uns völlig.“ Obwohl es kaum Kommunikation mit der Außenwelt gab, habe sich die Nachricht von der Erscheinung im damals noch existierenden Jugoslawien „wie ein Lauffeuer verbreitet“, erzählt der Franziskaner-Pater: „Am Sonntag nach der Erscheinung standen bereits 15.000 Menschen auf dem Berg. Doch nicht nur Gläubige wurden von dem Wallfahrtsort magisch angezogen.

 

Tödlicher Kampf um Pilger

Ab 1986 hätten die ersten Leute begonnen, in Medjugorje auch den Mammon zu wittern, berichtet Pater Tomislav. Der Kommerz sei in jedem Wallfahrtsort derselbe – manchen gehe es eben „weniger um den Geist als um das Geld“: „Wo Gott eine Kirche errichtet, baut auch der Teufel sein Tempelchen.“ Tatsächlich kam es zu Beginn des Bosnien-Krieges 1992 in Medjugorje selbst zu einem „Kleinen Krieg“: In einer blutigen Fehde lieferten sich drei Großfamilien in Medjugorje einen tödlichen Verteilungskampf um das lukrative Pilgergeschäft. Mehr als hundert Einwohner kosteten die Kämpfe ihr Leben. Doch der Krieg ist in Medjugorje längst vergessen. Schulter an Schultern warten in den Auslagen der unzähligen Souvenirshops Maria-Statuen in allen Größen auf ihre Käufer. Auf Shampoo-Flacons und Feuerzeugen, in Stein und Plastik, als Medaillon und Kühlschrankmagnet – die Muttergottes ist in Medjugorje allgegenwärtig.

 

„Wandel kam zu schnell“

Früher sei Medjugorje ein „sehr armes Dorf“ gewesen, erzählt Zelkjo Vasilj, der Leiter der regionalen Tourismus-Vereinigung. Viele Bewohner seien einst als Arbeitsemigranten „in alle Welt“ ausgewandert. Doch das Leben in Medjugorje habe sich nach 1981 „völlig verändert“: „Nun leben hier alle mehr oder weniger vom Tourismus.“ In der ganzen Welt sei Medjugorje bekannt, es kämen selbst Pilger aus China, freut sich Bürgermeister Ivo Jerkic. Aus Italien und Irland kämen die meisten Besucher außerhalb des früheren Jugoslawien, Ausländer würden sich auch zunehmend auf dem lokalen Immobilienmarkt engagieren. „Das Bild wandelt sich“, konstatiert der Bürgervater: „Früher gingen die Leute zur Arbeit ins Ausland. Nun kommt die Welt zu uns.“ Doch nicht nur, weil „viele Geschäftsleute von außerhalb“ in Medjugorje investierten, habe das Dorf das frühere Gemeinschaftsgefühl „ein wenig verloren“. Nicht alle der Bewohner hätten den „großen ökonomischen Sprung nach vorne“ so recht verkraftet, bedauert der frühere Sozialpädagoge. Für manche sei der Wandel „zu schnell“ verlaufen: „Menschen, die gestern noch hungerten, wurden plötzlich reich. Persönlichkeiten veränderten sich. Einige denken nur noch an den eigenen Vorteil – und nicht mehr an das Interesse der Gemeinschaft.“

 

Ausländer profitieren stark

Geduldig stehen die Pilger vor den Beichtstühlen Schlange. Richtig Geld machten in Medjugorje nur die Investoren von außerhalb, der örtlichen Kirchengemeinde blieben nur die Almosen, klagt Pater Tomislav: „Dabei sind die Kosten für Wasser und Strom hier sehr hoch.“ Die Tourismus-Steuer von einem Euro pro Übernachtung und Gast fließe ausschließlich den regionalen und nationalen Steuerbehörden zu, jammert derweil Jerkic: „Die Stadt bleibt auf den Kosten des Unterhalts der Infrastruktur sitzen.“

Zum Abschied zitiert der Geistliche einen deutschen Publizisten: „Medjugorje hat niemanden geschadet – aber vielen geholfen.“ Tatsächlich hat Mutter Maria dem Wallfahrtsort einen für Bosnien-Herzegowina erstaunlichen Wohlstand beschert. Dank „des Segens der Erscheinungen“ sei Medjugorje wesentlich besser gestellt als die meisten anderen Kommunen der Region, ist sich Fremdenverkehrsamt-Leiter Vasilj bewusst. Die Frage sei jedoch, ob das Leben tatsächlich „besser oder schlechter“ geworden sei: „Was ist der Preis für die Entwicklung?“ Jedes Jahr weiteten die Hoteliers die Betten-Kapazität um weitere 500 aus: „Doch die Leute sollten vielleicht eine Pause einlegen – und ihr Leben nicht nur durch das Streben nach einem größeren Umsatz lenken lassen.“

Auf einen blick

Seit der Marien-Erscheinung 1984 hat sich das Provinznest Medjugorje zum lukrativen Touristenmagnet verwandelt.

Eine Million Übernachtungen verzeichnet der Wallfahrtsort jährlich. Das meiste Geld bleibt aber bei externen Investoren hängen, klagen die Stadtväter.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2008)

Kommentar zu Artikel:

Tourismus: Das Kommerz-Mirakel von Medjugorje

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen