Osteuropa: Dem Konsumrausch folgt der Schuldenkater

Die Verschuldung der privaten Haushalte im Osten verdoppelte sich zuletzt fast jedes zweite Jahr. Rückzahlungen fressen das Einkommen auf - vor allem in Rumänien und Bulgarien.

Armut in Bulgarien
Armut in Bulgarien
(c) AP (PETAR PETROV)

Wien. „Jede Fiesta hat ihren Kater“ lautet ein spanisches Sprichwort. Davon können jetzt auch die Osteuropäer ein Lied singen. Über viele Jahre ging es den Haushalten dort immer besser: Jobs waren leicht zu finden, die Einkommen stiegen rasant. Doch noch schneller stiegen der Konsum und das Verlangen, rasch den Anschluss an den westeuropäischen Lebensstandard zu finden.

Die Banken vor Ort, auch die österreichischen, waren gerne bereit, die Finanzierungslücke zu schließen. Hohe Liquidität auf den Kapitalmärkten und niedrige Risikokosten machten es ihnen leicht, den Heißhunger nach Krediten zu befriedigen. Und den Menschen machten steigende Immobilienpreise und Aktienkurse Mut, sich weiter zu verschulden und die Kredite mit ihren Vermögenswerten zu besichern.

Die Folge: Die Gesamtverschuldung der Privathaushalte in Mittelosteuropa stieg von 2002 bis 2007 jedes Jahr im Schnitt um 44 Prozent. Das zeigt eine aktuelle Studie der Bank-Austria-Mutter UniCredit. Die Warnglocken läuteten spät, später als in Westeuropa: Noch bis in den Herbst hinein stiegen Löhne und Konsum stark an. Und das Kreditwachstum hielt mit: Nochmals um ein Viertel wuchs die Schuldensumme nach UniCredit-Schätzung im Vorjahr, auf 415 Milliarden Euro (inklusive Russland und Türkei). Umso bitterer ist nun das Erwachen. Am beunruhigendsten sind die Zahlen zur Schuldenlast der einzelnen Haushalte – vor allem für Rumänien, Bulgarien, Kroatien und Ungarn.

 

Viele Kleinkredite im Handel

Denn der Anteil der Haushalte, die sich bei Banken verschulden, ist zwar nicht wesentlich höher als in Österreich oder anderen westeuropäischen Ländern. Doch viele Kleinkredite von Handelsketten kommen dazu. Und wer sich in Schulden stürzt, der tut es gleich im großen Stil: Der Schuldendienst ist im Schnitt doppelt so hoch wie im Euroraum.

Ein Drittel aller osteuropäischen Haushalte, die einen Kredit haben, musste im Vorjahr über 20 Prozent ihres Einkommens für die Zinsen und Rückzahlung verwenden. Besonders tief in der Kreide stehen die Rumänen und Bulgaren, wo mehr als die Hälfte der Kreditnehmer auf diese Weise schwer verschuldet sind.

Diese Zahlen sind umso alarmierender, als sie von UniCredit noch im Sommer 2008 erhoben wurden. In der Zwischenzeit hat die Falle bei Fremdwährungskrediten voll zugeschlagen. Der Wert der lokalen Währungen stürzte ab, die Ausleihungen in Euro oder Schweizer Franken sind plötzlich weit schwerer zurückzuzahlen.

Die riskanten Devisenkredite sind gerade in solchen Ländern populär, wo die Lust am Schuldenmachen ohnehin besonders ausgeprägt ist: in Rumänien, Ungarn und Kroatien.

Insgesamt steigt die Gefahr für die Banken, dass Kredite in großem Umfang zu faulen beginnen. Am größten ist sie in der Ukraine – hier hat die Rezession am härtesten zugeschlagen, das Land steht unmittelbar vor dem Staatsbankrott.

Die Zahl der Arbeitslosen könnten in den nächsten Monaten auf vier Millionen steigen. Ukrainische Ökonomen schätzen den Anteil der Problemkredite auf ein Viertel – im September lag er noch bei drei Prozent.

 

Auf Häuser ist nicht zu bauen

Freilich: So beliebt der Konsum auf Pump noch vor Kurzem war, so rapide verliert er nun an Popularität. Die Banken verschärfen die Bedingungen für die Kreditvergabe, wie schon Ende 2007 in den baltischen Staaten. An die Stelle von langfristigen Hypothekardarlehen treten laut UniCredit kleinere, kurzfristige und unbesicherte Kredite. Denn auch der Boom an den Immobilienmärkten ist vorbei. Im Baltikum, in Kasachstan und Ungarn ist die Blase schon geplatzt. Aber auch in Polen und Rumänien gehen die Immobilienpreise zurück, vor allem in den großen Städten.

Früher und stärker hat es jene Familien getroffen, die die Aktivseite ihrer Haushaltsbilanz mit nationalen Aktien oder Investmentfonds gefüllt hatten. Denn alle Ostbörsen sind im Vorjahr um mehr als die Hälfte eingebrochen.

Und auch hier sind die üblichen Verdächtigen am ärmsten dran: Gerade bei den Rumänen, Bulgaren, Kroaten und Ungarn ist – oder besser wohl: war – die Anlage in Aktien besonders beliebt.

(c) Die Presse / GK

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2009)

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