Russland: Die Riesen-Brücke, die niemand braucht

Im Vorfeld des APEC-Gipfels entsteht in Wladiwostok ein milliardenschweres Prestigeprojekt: Eine gigantische Brücke mit einer Gesamtlänge von mehr als drei Kilometern zwischen dem Festland und einer winzigen Insel.

Vladivostok
Vladivostok
(c) AP (STR)

wien. Für Europäer ist Wladiwostok so etwas wie das Ende der Welt. Für Russen eigentlich auch: Die Hafenstadt am Pazifik ist die Endstation der Transsibirischen Eisenbahn und sieben Zeitzonen von Moskau entfernt. Bei Stalin eine Durchgangsstation in die Vernichtungslager des Gulag, war Wladiwostok während der Sowjetunion militärisches Sperrgebiet – im Hafen ankerten atomar angetriebene Schlachtschiffe, an Land befanden sich wichtige Waffenfabriken.

Zwei Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch des Sozialismus ist diese Sonderstellung dahin: Es herrscht Arbeitslosigkeit und Abwanderung, die Umweltverschmutzung der Region gehört zu den höchsten des Landes. Bereits Wladimir Putin versprach, sich für die Stadt stark zu machen. Doch jetzt sieht es so aus, dass tatsächlich etwas passiert.

Die Initialzündung dazu kam, prototypisch für die Politik des Landes, per Ukas. Wladiwostok müsse erblühen, ordnete Präsident Dmitri Medwedew an und wiederholte diese Forderung vor fünf Tagen noch einmal. Der Staatschef hat einen konkreten Anlass: 2012 soll hier ein Gipfel des Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsforums (APEC) stattfinden – eine gute Gelegenheit also, der Welt und den eigenen Bürgern zu zeigen, dass man große Pläne in der Region hat. Zwar ist Moskau weit weg, aber China und beide Staaten Koreas nebenan, und Tokio nur zwei Flugstunden entfernt. Der Name der Stadt passt perfekt in die neue Strategie: Wladiwostok heißt übersetzt „Beherrsche den Osten“.

Damit die Region rechtzeitig zum Gipfel „erblüht“, soll nun der Flughafen modernisiert, Straßen asphaltiert, Hotels gebaut und „Zonen der Erholung“ eingerichtet werden. Besondere Beachtung verdiene die Ästhetik im Zentrum der Stadt, befand der Präsident.

Doch es wurde auch ein Projekt der Superlative gestartet: Der Bau einer Brücke, die mit einer Gesamtlänge von mehr als drei Kilometern und 320 Meter hohen Pfeilern zu den längsten Schrägseilbrücken der Welt gehören wird. Für die Investitionen in die Region sind umgerechnet rund 6,5 Mrd. Euro vorgesehen, die Brücke dürfte darin das teuerste Projekt sein.

 

Die Brücke ins Nichts

Die Konstruktion verbindet ab 2011 das Festland mit – ja, womit eigentlich? Diese Frage ist der „New York Times“ eine eigene Geschichte wert. Die Antwort der Zeitung: „Der Kreml baut sich seine eigene Brücke ins Nichts.“

Das ist etwas übertrieben. Die Brücke zielt in Richtung der Insel Russkij. Das Eiland, dessen Fläche kaum größer ist als die inneren Bezirke Wiens, wird allerdings heute von nur wenigen tausend Menschen bewohnt. Eine beliebte Beschäftigung im Sommer ist das Sammeln von Heilkräutern, im Winter schlagen die Insulaner kleine Löcher in die vereiste Bucht und hoffen stundenlang, dass ein Fisch anbeißt. Dass sie auf eine Brücke gewartet haben, scheint zweifelhaft.

Damit stellt sich wirklich die Frage, wem das gigantische Bauwerk nützt. Offiziell ist von starken Impulsen die Rede, welche einen umfassenden Aufschwung in der Region einleiten werden. Von der Regierung beauftragte Studien zur Umweltverträglichkeit wischen die Warnungen der Umweltschützer beiseite. Auch berichten praktisch alle Medien auffallend positiv. Die Nachrichtenagentur Ria Novosti meldet, diesen Sommer seien Jobs für „bis zu 60 Studenten“ geplant.

Experten äußern jedoch starke Zweifel an der Wirkung des Projekts. „Die Investitionen in Wladiwostok und in Sotschi (Olympische Winterspiele 2014, Amn.) machen keinen Sinn“, zitiert die „NYT“ den Wirtschaftswissenschaftler Ivan Tschakarow. Wenn Russland vom Öl- und Gassektor wegkommen wolle, seien Investitionen in die eigentliche Infrastruktur der einzige Weg. Daten von Roland Berger bestätigen diese Forderung: Nach den Angaben der Unternehmensberatung ist das Schienennetz heillos veraltet, ein Drittel der Straßen nur sehr bedingt benutzbar. Doch der Staat hat die geplanten Investitionen in die Transportinfrastruktur 2009 um 28 Prozent gesenkt.

auf einen Blick

Investition in Fernost.
Als Vorbereitung auf den APEC-Gipfel 2012 investiert Russland rund 6,5Mrd. Euro in die Region von Wladiwostok und erhofft sich nachhaltige wirtschaftliche Impulse. Das Paradeprojekt ist eine riesige Brücke zur Insel
„Russkij“. Experten haben Zweifel an der Wirkung der Maßnahmen und fordern eine Stärkung der Infrastruktur.



("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.05.2009)

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